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Eindrucksvolle Aufführung im Musikvereinssaal
FRANZ SCHMIDT : DAS BUCH MIT SIEBEN SIEGELN
Bedeutung Text Form Inhalt Solist und Chor Klang Ausführende Erfolg
Die Gesellschaft der Musikfreunde hätte zum Abschluß ihres
125jährigen Jubiläums kein besseres Werk finden können als
die jüngste Schöpfung Franz Schmidts.
Die Reihe der großen Chorwerke, die von Bach über Händel,
Haydn und Brahms in die Gegenwart führt, hat ein neues Glied erhalten,
das sich ihrer vollkommen ebenbürtig anreiht.
In eigener, von tiefem Ernst getragener Größe, steht
das Werk vor der musikalischen Welt und legt Zeugnis ab von dem Willen
eines Künstlers, der den reifen Höhepunkt seiner Kunst erreicht
hat.
Es mag zum ersten Male in der Musik sein, daß ein Komponist
es unternimmt, den Text der Geheimen Offenbarung des Johannes als Ganzes
für ein abendfüllendes Werk zu vertonen.
Die dazu notwendige straffe Zusammenziehung des Textes, dessen Formgebung
- soweit sie sich überhaupt dem Wortlaut des Originals anschließt
- und die richtigen Maße der Teile zueinander, das alles ist Franz
Schmidt, der sich seinen Text selbst gestaltet hat, in ausgezeichneter
Weise gelungen.
Künstlerischer Sinn für Ebenmaß nicht nur hinsichtlich
der musikalischen Form, sondern dessen geistigen Inhalts, hat es hier vermocht,
daß man die fehlenden Texte der Offenbarung nicht vermißt und
die Gesamtheit als eine im wesentlichen richtig geformte Einheit empfindet.
Der vorbereitende Teil, eine Art Prolog im Himmel, enthält
die Ansprache des Johannes und seine Berufung zur Offenbarung und sein
Erscheinen vor dem Thron, die Vision des Lammes und die Entgegennahme des
Buches durch das Lamm.
Der Inhalt des nun folgenden ersten Teiles bringt die Lösung
der ersten sechs Siegel.
Das sind die vier apokalyptischen Reiter, die Seelen der Glaubensmärtyrer
und die Heimsuchung der Welt durch Erdbeben, Wasser und Feuer.
Im zweiten Teil wird die Öffnung des siebten Siegels geschildert.
Johannes erzählt die Geschichte des Glaubens, die sieben Posaunenengel
treten vor und blasen zum Jüngsten Gericht. Eine neue Erde und ein
neuer Himmel beherbergen die Geläuterten, die mit einem Halleluja-Chor
danken. Kurze Abschiedsworte des Johannes beschließen das Werk, welche
die gewaltige Sprache des Evangelisten mit einer diesen Ausdrücken
in hohem Maße entsprechenden Musik kleiden.
Franz Schmidt stehen jene melodischen, harmonischen und klanglichen
Mittel zu Gebot, die dieser großartige Text verlangt und wohl niemals
noch wurden bilderreiche Visionen in so plastischer Weise dargestellt.
Der Hauptteil wird von der Tenorsolostimme des Johannes und vom
Chor getragen; ihnen gegenüber haben vier weitere Solostimmen, unter
denen die des Herrn am bedeutendsten ist, nur an bestimmten Stellen mitzuwirken.
Die Rolle des Johannes ist sicher eine der schwierigsten Partien
in der gesamten Oratorienliteratur,
das gleiche gilt von den Chorsätzen, die bei der Zeichnung
des gewaltigen Entsetzens und der Elementarereignisse schon bis an die
Grenze der Aufführungsmöglichkeit geht. Der Chor, der die Schrecken
nach der Lösung des sechsten Siegels erzählt oder jener, der
nach der ,,großen Stille" das Erklingen der letzten Posaunen zum
Jüngsten Gericht in Form einer Quadrupelfuge schildert, sind Meisterleistungen
zeitgenössischer Komposition. Außerordentlich schwierig in der
Intonation und in der polyphonen Verkettung der Stimmen schildern die Chorsätze
mit geradezu realistischer Rücksichtslosigkeit die Schrecken des Krieges
und die Erschütterungen des Weltalls; die lobpreisenden Chöre,
vor allem der Halleluja-Schlußchor, sind von wuchtiger, alles verklärender
Größe.
Über dem ganzen Werk liegt eine Fülle von Melodien, die
bald einfacher, bald komplizierter, dem jeweiligen Textwort entsprechen.
Unterstützt wird diese Aufgabe durch das virtuos gehandhabte Orchester,
dem als eigener, gesonderter Klangkörper die Orgel hinzugefügt
ist. Dem Orchester fallen dramatische, auch tonmalerische Aufgaben zu,
Vor- und Zwischenspiele dagegen fehlen. Eigenen Worten des Komponisten
zufolge ist die ,,vokale Komponente des Werkes" die ,,primäre seiner
Gesamtentwicklung". Das Orchester hat daher nur zu begleiten, allerdings
in einer ganz außerordentlich bezeichnenden Weise, aus der man die
stilistischen Eigenheiten der Musik Franz Schmidts, des Symphonikers wie
des Dramatikers, in eindeutiger Weise erkennt. Einzelnes hier herauszuheben,
hieße ungerecht sein gegen alles übrige, da das Werk, von dem
man sagen muß, daß es voll des Glaubens und der Kraft ist,
vom ersten bis zum letzten Takt die Hochspannung geistiger Größe
in unverminderter Stärke festhält.
Unter der beherrschenden Leitung Oswald Kabastas, der, allen Schwierigkeiten
des Werks gewachsen, die Mitwirkenden zu überzeugendem Musizieren
hinriß, ergab sich eine Aufführung, die in ihren Einzelheiten
wie in der Gesamtheit als begeisternd bezeichnet werden muß. Die
Partie des Johannes bewältigte mit gutem Gelingen Rudolf Gerlach,
das Solo-Quartett hatte in Erika Rokyta, Enid Szantho, Anton Dermota und
Josef von Manowarda kongeniale Künstler, deren Stimmen in selten schöner
Harmonie zusammenklangen.
Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde meisterte die schwierigen
Chorsätze mit ausgezeichnetem Erfolg, den man auch von den Wiener
Symphonikern berichten kann, deren orchestrale Qualitäten den Klangzauber
des Werkes in voller Schönheit erstrahlen ließen. Eine eigene
Betonung bedarf Professor Franz Schütz, der den durchaus nicht leichten
Orgelpart spielte und so wesentlich zum Gelingen der Aufführung beitrug.
Franz Schmidt wurde am Ende von den Zuhörern und mitwirkenden
in stürmischer Begeisterung gefeiert; der tosende Jubel und die Begeisterung
um das schöne Werk und seinen Schöpfer wollten kein Ende nehmen.