Rezension: "Neue Freie Presse"
Wien; Freitag, 17 Juni 1938 (Morgenausgabe)

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Eindrucksvolle Aufführung im Musikvereinssaal
FRANZ SCHMIDT : DAS BUCH MIT SIEBEN SIEGELN

                 Bedeutung    Text    Form    Inhalt      Solist und Chor    Klang         Ausführende       Erfolg

Die Gesellschaft der Musikfreunde hätte zum Abschluß ihres 125jährigen Jubiläums kein besseres Werk finden können als die jüngste Schöpfung Franz Schmidts.
Die Reihe der großen Chorwerke, die von Bach über Händel, Haydn und Brahms in die Gegenwart führt, hat ein neues Glied erhalten, das sich ihrer vollkommen ebenbürtig anreiht.
In eigener, von tiefem Ernst getragener Größe, steht das Werk vor der musikalischen Welt und legt Zeugnis ab von dem Willen eines Künstlers, der den reifen Höhepunkt seiner Kunst erreicht hat.

Es mag zum ersten Male in der Musik sein, daß ein Komponist es unternimmt, den Text der Geheimen Offenbarung des Johannes als Ganzes für ein abendfüllendes Werk zu vertonen.
Die dazu notwendige straffe Zusammenziehung des Textes, dessen Formgebung - soweit sie sich überhaupt dem Wortlaut des Originals anschließt - und die richtigen Maße der Teile zueinander, das alles ist Franz Schmidt, der sich seinen Text selbst gestaltet hat, in ausgezeichneter Weise gelungen.

Künstlerischer Sinn für Ebenmaß nicht nur hinsichtlich der musikalischen Form, sondern dessen geistigen Inhalts, hat es hier vermocht, daß man die fehlenden Texte der Offenbarung nicht vermißt und die Gesamtheit als eine im wesentlichen richtig geformte Einheit empfindet.

Der vorbereitende Teil, eine Art Prolog im Himmel, enthält die Ansprache des Johannes und seine Berufung zur Offenbarung und sein Erscheinen vor dem Thron, die Vision des Lammes und die Entgegennahme des Buches durch das Lamm.
Der Inhalt des nun folgenden ersten Teiles bringt die Lösung der ersten sechs Siegel.
Das sind die vier apokalyptischen Reiter, die Seelen der Glaubensmärtyrer und die Heimsuchung der Welt durch Erdbeben, Wasser und Feuer.
Im zweiten Teil wird die Öffnung des siebten Siegels geschildert. Johannes erzählt die Geschichte des Glaubens, die sieben Posaunenengel treten vor und blasen zum Jüngsten Gericht. Eine neue Erde und ein neuer Himmel beherbergen die Geläuterten, die mit einem Halleluja-Chor danken. Kurze Abschiedsworte des Johannes beschließen das Werk, welche die gewaltige Sprache des Evangelisten mit einer diesen Ausdrücken in hohem Maße entsprechenden Musik kleiden.
Franz Schmidt stehen jene melodischen, harmonischen und klanglichen Mittel zu Gebot, die dieser großartige Text verlangt und wohl niemals noch wurden bilderreiche Visionen in so plastischer Weise dargestellt.

Der Hauptteil wird von der Tenorsolostimme des Johannes und vom Chor getragen; ihnen gegenüber haben vier weitere Solostimmen, unter denen die des Herrn am bedeutendsten ist, nur an bestimmten Stellen mitzuwirken.
Die Rolle des Johannes ist sicher eine der schwierigsten Partien in der gesamten Oratorienliteratur,
das gleiche gilt von den Chorsätzen, die bei der Zeichnung des gewaltigen Entsetzens und der Elementarereignisse schon bis an die Grenze der Aufführungsmöglichkeit geht. Der Chor, der die Schrecken nach der Lösung des sechsten Siegels erzählt oder jener, der nach der ,,großen Stille" das Erklingen der letzten Posaunen zum Jüngsten Gericht in Form einer Quadrupelfuge schildert, sind Meisterleistungen zeitgenössischer Komposition. Außerordentlich schwierig in der Intonation und in der polyphonen Verkettung der Stimmen schildern die Chorsätze mit geradezu realistischer Rücksichtslosigkeit die Schrecken des Krieges und die Erschütterungen des Weltalls; die lobpreisenden Chöre, vor allem der Halleluja-Schlußchor, sind von wuchtiger, alles verklärender Größe.

Über dem ganzen Werk liegt eine Fülle von Melodien, die bald einfacher, bald komplizierter, dem jeweiligen Textwort entsprechen. Unterstützt wird diese Aufgabe durch das virtuos gehandhabte Orchester, dem als eigener, gesonderter Klangkörper die Orgel hinzugefügt ist. Dem Orchester fallen dramatische, auch tonmalerische Aufgaben zu, Vor- und Zwischenspiele dagegen fehlen. Eigenen Worten des Komponisten zufolge ist die ,,vokale Komponente des Werkes" die ,,primäre seiner Gesamtentwicklung". Das Orchester hat daher nur zu begleiten, allerdings in einer ganz außerordentlich bezeichnenden Weise, aus der man die stilistischen Eigenheiten der Musik Franz Schmidts, des Symphonikers wie des Dramatikers, in eindeutiger Weise erkennt. Einzelnes hier herauszuheben, hieße ungerecht sein gegen alles übrige, da das Werk, von dem man sagen muß, daß es voll des Glaubens und der Kraft ist, vom ersten bis zum letzten Takt die Hochspannung geistiger Größe in unverminderter Stärke festhält.

Unter der beherrschenden Leitung Oswald Kabastas, der, allen Schwierigkeiten des Werks gewachsen, die Mitwirkenden zu überzeugendem Musizieren hinriß, ergab sich eine Aufführung, die in ihren Einzelheiten wie in der Gesamtheit als begeisternd bezeichnet werden muß. Die Partie des Johannes bewältigte mit gutem Gelingen Rudolf Gerlach, das Solo-Quartett hatte in Erika Rokyta, Enid Szantho, Anton Dermota und Josef von Manowarda kongeniale Künstler, deren Stimmen in selten schöner Harmonie zusammenklangen.
Der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde meisterte die schwierigen Chorsätze mit ausgezeichnetem Erfolg, den man auch von den Wiener Symphonikern berichten kann, deren orchestrale Qualitäten den Klangzauber des Werkes in voller Schönheit erstrahlen ließen. Eine eigene Betonung bedarf Professor Franz Schütz, der den durchaus nicht leichten Orgelpart spielte und so wesentlich zum Gelingen der Aufführung beitrug.

Franz Schmidt wurde am Ende von den Zuhörern und mitwirkenden in stürmischer Begeisterung gefeiert; der tosende Jubel und die Begeisterung um das schöne Werk und seinen Schöpfer wollten kein Ende nehmen.