Einleitung Prolog
Teil1 Zwischenspiel
Teil2 Aufbau
Orchester/Orgel Gesangspartien
"Meines Wissens ist mein Versuch, die Apokalypse zusammenhängend
zu vertonen, der erste, der bisher unternommen wurde; einzelne dazu besonders
geeignete Stellen wurden allerdings schon wiederholt komponiert.
Als ich an diese Riesenaufgabe herantrat, war mir klar, dass
die Voraussetzung dazu darin lag, den Text auf eine Form zu bringen, die
alles wesentliche womöglich dem Wortlaute nach beibehielt und dabei
die geradezu unübersehbaren Dimensionen des Werkes auf durchschnittlichen
Menschenhirnen fassbare Maße brachte.
Dabei sollte der Bau in seinen äußeren Umrissen und inneren
Zusammenhängen intakt bleiben. Mit Ausnahme des Umstandes, dass ich
die Briefe des Johannes an die sieben Gemeinden zu einer Begrüßungsansprache
vereinigte, hielt ich mich zunächst ganz an das Original;
die Berufung des Johannes durch den Herrn,
sein Erscheinen vor dem Thron,
die Huldigungszeremonie,
das Buch in der Hand des Herrn,
die Vision des Lammes,
das Entgegennehmen des Buches durch das Lamm,
all dieses ist beinahe dem Wortlaut dem Original nachgebildet
Der anschließende kurze Dankgottesdienst rundet den Akt zu einem
"Prolog im Himmel" ab.
Der nun folgende Teil des Werkes bringt die Lösung der ersten sechs
Siegel durch das Lamm: die Geschichte der Menschheit wird vorauserzählt.
Nach segens- und hoffnungsreicher Ausbreitung der christlichen
Heilslehre durch den
weißen Reiter (Jesus Christus) und seine himmlischen Heerscharen
verfällt die Menschheit in Nacht und Wirrsal;
der blutrote Reiter überzieht die Welt mit seinen
höllischen Heerscharen und stürzt die Menschheit in den Krieg
aller gegen alle.
Der dritte (schwarze) und der vierte (fahle) apokalyptische
Reiter führen weiterhin die Folgen des Weltkrieges vor: Hungersnot
und Pest. Die Menschheit ist zum größten Teil zugrunde gegangen
und in Verzweiflung versunken: nur ein kleiner Rest hält noch am Glauben
fest.
Beim Aufbrechen des fünften Siegels treten die Seelen
der Glaubensmartyrer und anderer Opfer menschlicher Verbrechen in Erscheinung.
Sie rufen nach Gerechtigkeit und Vergeltung. Der Herr heißt sie noch
ausharren und verspricht ihnen Gerechtigkeit am Tage des großen Gerichtes.
Da der größte Teil der noch übrigen Menschheit auch weiterhin
in Sünde und Verstocktheit verharrt, vertilgt sie der Herr durch Erdbeben,
Sintflut und Weltbrand, was durch das Aufbrechen des sechsten Siegels
offenbar wird.
Damit schließt der erste Teil.
Die sich hier ergebende Cäsur bot die einzige Gelegenheit, das
im Original nunmehr wie ein Ozean alles überflutende Material in eine
vertonbare Form zu bringen. Johannes führt nämlich von hier aus
an in zahllosen Varianten und Wiederholungen von Gleichnissen und Bildern
in ungeheurer Steigerung seinen Kampf gegen den Sündenpfuhl Babylon
(gemeint ist das damalige kaiserliche Rom) bis zu dessen völliger
Vernichtung, um den endgültigen Sieg des Christentums in der Vision
vor dem neuen Jerusalem aufzuzeigen und zu verherrlichen.
Ich habe es nun gewagt, die beiden ersten Faktoren der Antithese
Babylon-Jerusalem, Heidentum-Christentum, Verworfenheit-Tugendhaftigkeit
usw. samt allem darauf bezüglichen Material auszuscheiden. Die fundamentale
Antithese hat dadurch meinem Empfinden nach an Kraft und Bedeutung nichts
eingebüßt, dafür aber wurde durch die enorme Abbürdung
von Material der Bau eines proportionierten zweiten Teiles, und zwar ganz
im Sinne des Originals, möglich.
Der zweite Teil beginnt mit der großen Stille im Himmel, die beim
Öffnen des siebenten Siegels eingetreten ist.
Während dieser Stille erzählt uns Johannes gleichsam
in Parenthese die Geschichte des wahren Glaubens und seiner Kirche von
der Geburt des Heilands angefangen, von ihren Kämpfen gegen die Anhänger
des Teufels und deren falsche Lehren und von ihrem endgültigen Sieg.
Nach dem großen Schweigen im Himmel, das bis an das Ende aller
irdischen Zeit während anzunehmen ist, rüsten die sieben Posaunenengel
zum Blasen des schauerlichen Appells für das Jüngste Gericht.
Über dieses berichtet Johannes wie im Original nur ganz kurz,
um aber umso eindringlicher darzulegen, dass die Weltenwende an gebrochen
sei, dass nunmehr eine neue Erde jene trage, die das ewige Leben haben
und dass ein neuer Himmel über ihnen blaue. Und der Herr spricht zu
den Geläuterten, dass er mit ihnen wohnen wird und sie seine Kinder
sein werden und er ihr Vater.
Nachdem die Geläuterten dem Herrn mit Halleluja gedankt
und gehuldigt haben, schließt Johannes seine Offenbarung mit einer
kurzen, erläuternden Abschiedsansprache ab.
Ich habe mich also, mit Ausnahme der oben einbekannten Elision, genau
an das Original gehalten und habe zum Werk einzig vom Standpunkte des tiefreligiösen
Menschen und des Künstlers aus Stellung genommen. Diese Stellungnahme
mag auch manche Freiheit in der Auffassung erklären; so zum Beispiel,
dass ich Johannes, der zur Zeit der Abfassung der Apokalypse ein hoch betagter
Greis war, als jungen Mann auffasse und komponiere, dessen Musik mit dem
Temperament eines solchen interpretiert.
Über die Musik selbst seien mir lediglich einige das Formale
betreffende Bemerkungen gestattet.
Da der Text die Funktion hat, das Knochengerüst der Komposition
abzugeben und somit nicht nur die äußeren Konturen des Werkes
bestimmt, sondern auf das Wachstum aller seiner Organe maßgebenden
Einfluss nimmt, so erscheint die vokale Komponente des Werkes als die primäre
seiner Gesamtentwicklung. Ich war nur bestrebt von diesem Gesichtspunkte
aus die künstlerischen Aufgaben auf alle am Aufbau des Werkes mitarbeitenden
Kräfte in möglichst gleichem Maße zu verteilen.
Daraus folgt zum Beispiel, dass dem Orchester zwar durchaus
keine untergeordnete, aber auch keine prävalierende Rolle zufällt.
Es begleitet durchgehend im hochdramatischen Stil, hat auch gelegentlich
tonmalerische Aufgaben zu lösen; dagegen hat es keine selbständigen
symphonischen Sätze, wie Vor- und Zwischenspiele, auszuführen;
diese habe ich vielmehr der Orgel zugeteilt, die in diesem Werke
grundsätzlich als souveräner Klangkörper behandelt wird
und nicht etwa bloß im Orchester mitwirkt.
Die Disposition der Gesangpartien ist in großen Zügen folgende:
Johannes, der zwischen den beiden musikalisch gleichlaufenden Ansprachen (Begrüßung und Abschied) seine Offenbarung vorträgt, wird darin von den vier Solisten und dem Chören, die teils als handelnde Personen, teils als Miterzähler eingreifen, unterstützt.
Von den S o l o p a r t i e n ist die Stimme des Herrn (Bass)
die prominenteste. Sie ertönt dreimal: gleich zu Anfang zu Berufung
des Johannes, dann im ersten Teil zur Besänftigung des Aufruhrs im
Himmel und endlich im zweiten Teil zur Verkündigung der Heils- und
Gnadenbotschaft.
Außer diversen Quartett- und Ensemblesätzen (als Engel und
dergleichen) haben die Solisten im ersten Teil zwei Duoszenen auszuführen,
und zwar die Mutter und Tochter (Sopran und Alt)
und die der beiden Überlebenden auf dem Leichenfelde
(Tenor und Bass).
Die C h ö r e, über das ganze Werk verteilt und
verschiedenartig beschäftigt, haben folgende wichtige selbständige
Sätze auszuführen:
Im Prolog
die Vision des Lammes (mit Tenor-Solo), weiterhin Schlusschor.
im ersten Teil:
Der König der Könige; der Krieg; der Aufruhr im Himmel; der
Weltuntergang.
Im zweiten Teil:
Der Appell zum Jüngsten Gericht (Quadrupelfuge) und endlich das
Halleluja.
Diese knappen Andeutungen dürften genügen, um das Verstehen
des Werkes beim ersten Hören zu erleichtern; und wenn es meiner Vertonung
gelingt, diese beispiellose Dichtung, deren Aktualität jetzt, nach
achtzehneinhalbhundert Jahren, so groß ist wie am ersten Tage, dem
Hörer von heute innerlich nahe zu bringen, dann wird dies mein schönster
Lohn sein."