Stassov:" Streit der Kinder nach
dem Spiel.EinSpaziergang im garten der Tuilerien mit einer Gruppe von Kindern
und Nursen".-
Die Szene der spielenden Kinder,
die sich alsFolge oder Variation des Spiels streiten, ist ganz und gar
Mussorgskijs Fantasie entsprungen. Der Ausstellungskatalog nannte nur ein
Aquarell "Garten der Tuilerien".
Wieder sind die Bewegungselemente
meisterhaft in den Hauptmotiven der beiden ersten Takte eingefangen: in
der trotzigneckenden, an Kinderliedmelodik erinnernden Geste des Akkordmotivs
H-Dur - gis- moll, mit Betonung des abwärtsgerichteten Terzschritts
und Leittonschärfung eis zur Dominante, und in dem capriziösen,
spielerisch-scherzenden Sechzehntelmotiv, das dieselben Akkordschritte
hüpfend umspielt (Tafel-Beispiel IV).
Nach der Wiederholung erweitert
sich (T. 5-7) der Terzschritt zu Kadenzschritten (Cis7 - gis7), wo6ei die
unaufgelöste Septime als Reizverstärkung wirkt. Dann verdichtet
sich die Bewegung (ab T. 8), beide Motive werden im gleichen Takt konfrontiert
und treten durch die Harmonisierung (A7 - verm. dis7) und den Tritonus-Schritt
der Oberstimme, über liegender Sext cis-a im Baß, noch provozierender
hervor.
Beispiel 12
Tuilerien, T. 9/10
Dahinter verbirgt sich eine Zwischenkadenz
mit Subdominant-Dominant-Funktion zur folgenden, in der Haupttonart H-Dur
subdominantischen, E-Dur-Skala. Aus diesem Tatbestand einer leittönig
verfremdeten Kadenz ergibt sich, daß Mussorgskijs vorbeugende "gis"
Vorzeichnung im Autograph zu recht besteht, und die in praktischen Ausgaben
vorgenommene "Druckfehlerverbesserung" zu g zu unrecht. Die aus der Doppeldominante
zu H-Dur abgeleitete Achtelführung der Oberstimme (T. 10) leitet,
von einer Sechzehntelfigur im Baß chromatisch gestützt, in die
Wiederholung der beiden Anfangstakte zurück.
Mit einem leittönig die Töne
des H-Dur-Dreiklangs hervorhebenden Sechzehntellauf im Baß (T.13)
bricht der spielerische Streit plötzlich ab. Eine Viertel-Pause im
Baß, Achtel- und Halbe-Pausen in den Oberstimmen verdeutlichen diesen
Einschnitt in den bisher raschen Bewegungsablauf.
Sie bereiten eine kurze Espressivo-Melodie
vor (Tafel-Beispiel V) deren jetzt chromatisch geschärfte Intervalle
(kleine Sekund und Tritonus) eine Variation der Anfangsführung des
Promenaden-Themas darstellen.
Mit dieser Melodie ist ein Eingreifen
der Nursen charakterisiert: eine begütigende Aufforderung an die Kinder,
nun nicht mehr zu streiten, sondern ruhig weiterzuspielen oder weiterzugehen.
Die Staccato-Arpeggienfigur (h-moll)
ist gleichsam noch ein Aufmucken der Kinder. Harmonisch pendelt die Melodie
zwischen dis-moll und h-moll.
Nach Ausweitung des Wechseldominantbereichs
und Wiederholung der beiden ersten Takte der Espressivo-Melodie geht dieser
kurze kontrastierende Mittelsatz in eine rückläufige Bewegung
über (ab T. 2O), die auf Sechzehntelfiguren des ersten Teils zurückgreift
(T. 20, 2. Viertel = T. 2, 3. Viertel; T20 3.Viertel - T. 10, 3. Viertel),
sie anders kombiniert und weitergeführt und dadurch einzelnen Momenten
des Kinderspiels variierend neue Aspekte abgewinnt.
Der harmonische Weg durchschreitet
die Stadien des "Streits", nimmt sie zurück und beseitigt die Ursache.
Von dem herausfordernd im Forte herausgestellten G-Dur (T 20/21) geht die
harmonische Fortschreitung über E-Dur (T. 22 entspricht harmonisch
T. 10) nach A7 (T. 23/24 = T. 8/9, wobei jetzt durch die "verschobene"
Zuordnung von Akkorden und Skalenfigur das g jeweils im 3. Viertel gerechtfertigt
ist) und Cis7-gis7 (T.25=T7
Ein dominantischer Überleitungstakt
(T. 26) führt in die Wiederholung der beiden Anfangstakte (T. 27/28
= T. 1/2) und den aus einer Erweiterung der Sechzehntel-Überleitung
zum Mittelteil ges gewonnenen Abschluß (T. 29 = T. 13). Es handelt
sich also um eine Kreisform, die bis zur Espressivo-Melodie führt
und dann rückläufig, auf einem um drei Takte verkürzten
Weg den Schluß erreicht, das heißt zum Anfang zurückführt.
Mussorgskij war ein ausgezeichneter
Kinderbeobachter. Wie in dem Liederzyklus "Kinderstube" setzt er hier seine
kinderpsychologischen Erfahrungen in Musik um. Der spielerisch entbrannte,
scheinbar so heftige Kinderstreit ist leicht
zu schlichten und mit wenigen begütigenden, zurücknehmenden Gesten
oder Worten in nichts (pp !) aufzulösen.
Das Terzmotiv, das im Baß
(h-gis) und in der Oberstimme (fis-dis) als Randlinie der Anfang und Schluß
der "Tuilerien"-Szene verbindenden Akkordfolge erklingt, ist zugleich Bindeglied
zum nächsten Bild: die Baßfigur des "Bydlo" nimmt den kleinen
Terz-Schritt, jetzt in Aufwärtsrichtung (gis-h) als ostinates Motiv
auf. Diese motivische Verbindung verstärkt den durch die Tonartenverwandtschaft
(H-gis) unterstützten Hör-Eindruck einer nahtlosen Aneinanderfügung
der beiden Bilder.