Mussorgskij gilt als der "russischste", das heißt, der ursprünglichste und stilistisch unabhängigste Komponist aus dem Kreis des "Mächtigen Häufleins", jener Gruppe der "Fünf", die sich unter Balakirevs Führung mit Formbestand und Technik der damals erreichbaren klassisch-romantischen Musik vertraut machte. Mit Recht konnte er in seiner 1880 wahrscheinlich für Hugo Riemanns Lexikon entworfenen und deshalb in der dritten Person abgefaßten Autobiographie sagen: "Er gehörte keiner der bestehenden Stilrichtungen an«. Das Streben nach unbedingter Wahrheit des Ausdrucks und nach Fundierung seines Stils in der russischen Folklore verbindet Mussorgskij eher mit Dargomischskij und isolierte ihn in späteren Jahren immer spürbarer, da die ehemaligen Freunde Balakirev, Borodin, Rimskij-Korsakov und Cui einen engeren Kontakt mit der westeuropäischen Musik suchten und fanden. Was Vladimir Stassov (1824-1906), der Kunstkritiker des Kreises, intuitiv empfand und aussprach - daß Mussorgskij den größeren und folgenreicheren Schritt in die Zukunft getan hatte, - das erkannte in Deutschland als erster Liszt und erspürten in Frankreich Debussy und Ravel.
Auf Gut Karevo in Nordrußland wuchs Mussorgskij mit den Liedern und Sagen seiner Heimat auf, die er improvisierend auf dem Klavier nachzubilden versuchte. Zeit seines Lebens horchte er aufmerksam auf die Volksmelodien, wo er ihrer habhaft werden konnte: auf dem Lande bei Hochzeiten und Festen der Bauern, in der Stadt auf versteckten Hinterhöfen, zuletzt auf seiner Konzertreise durch die Krim. Die Sammlertätigkeit der Freunde, insbesondere Balakirevs, Rimskij-Korsakovs und Ljadovs verfolgte er mit größtem Interesse und freute sich kindlich über jedes neuentdeckte "alte Lied".
Das typisch "Russische" in Stil und
Ausdruck zu finden und zu gestalten, sah er als seine eigentliche Aufgabe
an. Die Verwurzelung im russischen Volkstum wurde ihm bewußt, als
er, zwanzigjährig,
zum ersten Mal nach Moskau kam:
"Ich war Kosmopolit, jetzt aber mache ich eine Art geistige Wiedergeburt
durch; alles Russische tritt mir nahe". Wichtiger als gekonntes Handwerk,
als sinfonische Verarbeitung der musikalischen Ideen nach westlichem Vorbild,
erschien es ihm, wahrhaft russische Musik zu schaffen, knapp und unmittelbar,
ursprünglich und lebendig wie die russische Volkssprache. Denn "das
Volk allein ist unverfälscht, ein Ganzes, groß und ohne Tünche
- welch wahrhaft unheimlichen Reichtum bietet die Sprache des Volkes dem
Musiker ... welch unerschöpfliche Fundgrube zur Erfassung alles Echten
ist doch das Leben des russischen Volkes!" (Brief an den Maler Ilja Repin,
1875)
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