Vorbei waren jedenfalls die Zeiten, in denen er sich von der Zustimmung seiner einstigen Freunde aus dem «Mächtigen Häuflein» getragen wußte. Bitterkeit sprach vielmehr aus den Worten, mit denen er nun im Oktober I875 in einem Brief an Stassow ein ungeschminktes Resümee zog:

Ohne Banner, ohne Wünsche; ohne in die Ferne zu schauen und ohne es überhaupt zu versuchen, basteln sie emsig an Dingen, die längst getan sind, wonach niemand verlangt. Und ab und zu spenden ihnen die Unken mit verzücktem Gequake aus ihrem traditionellem Pfuhl plätschernden Beifall. Wie sollte es auch anders sein? Das «Mächtige Häuflein» ist zu einer Schar hirnloser Verräter entartet; ihre «Geißel» wurde zur Kinderpeitsche. Sie haben nicht Teil am Kern des Lebens, sie sind ohne Belang für das heutige Schaffen, und ich glaube, man wird diese Künstler vergebens im «himmlischen Imperium» suchen.

Ein besonnener Komponist wie Borodin sah in dem Auseinanderfallen des «Mächtigen Häufleins» einen natürlichen Entwicklungsprozeß, das Flüggewerden einst von der «Bruthenne» Balakirew auferzogener, sich nun stärker ihrer Individualität bewußt werdenden Künstler.

Auf Mussorgsky dagegen wirkte es wie Verrat, als er erfuhr, daß sein einstiger Mitstreiter Rimsky-Korsakow gerade sechzehn Fugen komponiert habe (oho trocknete ihm doch die Tinte .ein! ), Gleichwohl brach auch in der Folgezeit der Verkehr mit Rimsky-Korsakow nicht ab. Ja, als der fünf Jahre jüngere Komponist die Herausgabe einer Sammlung von 1oo russischen Volksliedern vorbereitete, beglückwünschte ihn Mussorgsky in einem kurzen, herzlichen Schreiben zu diesem historischen Verdienst .

Doch konnte ein Mann das rechte Verständnis für Mussorgsky aufbringen, der sich in dem bereits zitierten Bericht so selbstherrlich über seinen Freund ausgelassen hatte? Das schrullenhafte Benehmen, die geschraubte, affektierte Ausdrucksweise - war das nicht auch eine Art «psychologisches Mimikry», der eigentümliche Versuch, die «Geheimfächer seiner Seele vor unbefugten Blicken» zu hüten? Vielleicht stärker denn je klammerte sich Mussorgsky in jener Zeit, in der die Gemeinschaft des «Mächtigen Häufleins» zerbröckelte, an die Freundschaft mit Wladimir Stassow und Ludmilla Schestakowa.