Bald nachdem Sergej Kussevizkij Ende 1920 von Berlin nach Paris gekommen war und seine "Concerts symphoniques« gegründet hatte, erteilte er Maurice Ravel den Auftrag, Mussorgskijs "Bilder einer Ausstellung« für Orchester zu instrumentieren. Ravels Orchestrierung wurde am 19. Oktober 1922 im Rahmen der Kussevizkij-Konzerte in der Pariser Oper uraufgeführt. Dirigent war Kussevizkij, der sich für fünf Jahre das alleinige Aufführungsrecht vorbehalten hatte. Inzwischen ist Ravels Bearbeitung zu einem der beliebtesten Repertoirestücke geworden, gegen das sich andere Orchestrierungen (von Michel Tuschmalov, 1886 in der Klasse Rimskij-Korsakovs angefertigt; von dem finnischen Komponisten Leo Fintek 1922 zwei Monate nach Ravels Instrumentierung in Helsinki aufgeführt; von dem Italiener Leonidas Leonardi 1924; von dem Dirigenten Walter Goehr 1942; von dem Engländer Sir Henr,v Wood; von dem amerikanischen Dirigenten Leopold Stokowski) nicht durchsetzen konnten. Es spricht für die Substanz des Werkes, daß weder original noch Ravels Orchesterfassung bis jetzt Abnutzungserscheinungen zeigen.
Neun Jahre zuvor hatte sich Ravel, zusammen mit Stravinskij, im Auftrag Diaghilevs mit der Instrumentierung der "Chovanschtschina" beschäftigt. In seinen Gesprächen mit Robert Craft (Zürich 1961) äußert Stravinskij die Vermutung, daß die Platten des Stichs, den der Verleger Bessel kurz vor dem Ersten Weltkrieg in Arbeit gab, in Rußland noch existieren könnten. Ravels Instrumentierung von Schumanns "Carnaval" (1914) ist 1989 teilweise wieder aufgetaucht, seine Chopin-Instrumentierungen sind noch verschollen. 4 1911 übersetzte Ravel Gogols "Heirat" ins Französische und wollte auch die von Mussorgskij hinterlassene Klavierpartitur des ersten
Aktes instrumentieren. Der Plan scheiterte daran, daß der Verleger Bessel wenig Entgegenkommen zeigte. Im Jahr 1908 hatte die Pariser Premiere des "Boris Godunov« im Musikleben der französischen Hauptstadt großes Aufsehen erregt und bei den französischen Komponisten Begeisterung hervorgerufen. Bei der Wiederaufnahme 1913 schrieb Ravel: "Mussorgskijs Werk hat seitdem nichts von seinem Glanz verloren ... Sicher ist das noch nicht der echt Musssorgskij den man uns geboten hat. Wäre es zuviel verlangt, wenn man sich die teilweise Wiederherstellung des wahren "Boris Godunov" wünscht? ... Wann werden wir endlich dies geniale Werk in seiner Originalgestalt zu sehen bekommen ?" Der Wunsch, statt des gut gemeinten aber verfälschenden Bearbeitung von Rimskij Korsakov, die Originalgestalt kennenzulernen; ist seitdem immer dringender geworden. In den letzten Jahren haben die deutschen Bühnen verschiedene Lösungen zur Diskussion gestellt. Die "Urfassung 1869" des "Boris Godunov«, die in Moskau 1929 zum ersten Mal auf die Bühne kam, brachte Köln 1971. Hannover folgte 1072, während in München im gleichen Jahr eine aus Ur-Boris und "Originalfassung 1872« zusammengestellte Version und in Stuttgart die "Originalfassung" zur Aufführung kam. Ravel rühmte die "barbarische Größe und kühne Schlichtheit" der Pariser Aufführung von 1908~ an der Michel Dimitri Calvovoressi entscheidend beteiligt war, Ravels Mitschüler am Conservatoire, der sich später in Frankreich und England mit Eifer für das Verständnis Mussorgski einsetzte. Heute über ein Jahrhundert nach der Entstehung des "Boris" endlich bemüht man sich ernsthaft um die unverfälschtc Sprache Mussorgskijs.
Aus Gesprächen und Äußerungen Ravels ist bekannt, daß er auch in seinen Klavierwerken vielfach "orchestral" dachte. Der Pianist Vlado Perlemuter berichtet, daß ihm der Komponist für die Ausführung des "Scarbo« z. B. über verschiedene Stellen "Orchesteranweisungen" schrieb: "comme un contrebasson", "ceci comme un tambour«, oder "comme des timbales". Zuweilen reizte es den genialen Instrumentator, auch einmal umgekehrt Orchestereffekte auf das Klavier zu übertragen, im Grunde also das gleiche, was Musssorgskij in den "Bildern« getan hat. Ravels Instrumentierungen, die so treffend den musikalischen Ausdruck charakterisieren sind nicht routiniert und eilig hingesetzt, sondern sehr genau durchdacht. "J'orchestre ... et ca ne va pas tres vite« (Ich orchestriere-- und das geht nicht sehr schnell«) - mit dieser Begründung schlug er 1910 eine Einladung zum Besuch einer Pariser "Salome«-Aufführung aus.