Allegro giusto, nel modo russico
senza allegrezza
ma poco stostenuto, 5/4 / 6/4, B-Dur
In der Promenade porträtiert Mussorgskij sich selbst, wie er mit gewichtigen und gemächlichen Schritten durch die Ausstellung geht. Stassov gibt in seinen Bildbeschreibungen nur den kurzen Hinweis: "Die Einleitung trägt den Titel "Promenade". Dagegen schreibt er in seiner Mussorgskij-Biographie 1881 (zitiert nachCalvocoressi, Mussorgskij 1919, vgl. Literatur-Verzeichnis): »Der Komponist hat sich selbst dargestellt, wie er hin und her geht, manchmal stehen bleibt, dann rasch weitergeht, um näher an ein Bild heranzutreten. Manchmal stockt sein Gang - Mussorgskij denkt voll Trauer an den toten Freund". Mussorgskij selbst schrieb im Juni 1874, während der Arbeit an der Suite, an Stassov: "Mein geistiges Abbild erscheint in den Zwischenspielen. Bis jetzt halte ich es für gelungen". Er erkannte also in dem musikalischen Spiegelbild befriedigt das eigene Gesicht wieder. Der Zusatz "in modo russico" verweist auf das Vorbild des russischen Volkslieds, das ihm als adäquates Symbol seiner Persönlichkeit und seiner künstlerischen Ziele erschien.
Die quartdurchsetzte Melodie des Promenaden- Themas ist kein
Zitat, verwendet aber die charakteristischen
Merkmale des russischen Volkslieds, die sich aus Tonfall und Rhythmik der
russischen Sprache ergeben. Die häufige Verwendung von Quartschritten.
fallenden kleinen Terzen, seltener Quinten, ist eine Eigentümlichkeit
der russischen Sprachmelodik. Der Wechsel verschiedener Metren, die Reihung
unregelmäßiger Perioden, die zwischen Viertel- oder Halbe- Schwerpunkten
eingeschobenen Achtelfolgen spiegeln die unregelmäßige Akzentsetzung,
die Aneinanderreihung unbetonter Silben, die nicht auf glatte Form, sondern
auf reiche Nuancierung
kehrung, Weiterführung und
Wiederholung auf. Refrainartig kehrt am Schluß der Anfangsteil mit
dem Hauptthema wieder (vgl. S. 47). Solche rondoartigen Wiederholungen
gibt es auch in russischen Reigenliedern, deren Refrain aus wiederkehrenden
gleichen Zeilen oder aus Trällersilben besteht. Aus Melodieführung,
Motivik, Intervallik und Bewegungsformen der Promenade entnimmt Mussorgskij
das musikalische Material, das er in variativer Ableitung und immer neuer
Akzentuierung auch den folgenden Bildern zugrunde legt.
Die Promenade, die mit Ausnahme der Variation "Con mortui . in lingua mortua" immer mit einem attacca-Schluß endigt, erscheint im ersten Teil der Suite in vier verschiedenen Aspekten, die jeweils in Tonart und Charakter das folgende Bild vorbereiten. Die Zwischenpromenaden werden zunächst immer kürzer. Promenade II (Moderato commodo assai e con delicatezza) in As-Dur zitiert nur die erste Acht-Takt-Periode, bleibt aber in deren letztem Takt in der Tonart, während in Promenade I mit dieser Stelle eine Ausweichung in die Subdominant-Tonart As begann. Soloteil und antwortender Chor-Refrain sind wiederum sehr deutlich abgesetzt. Danach wiederholt der Chor die vier Anfangstakte, zunächst im Baß kontrapunktiert durch den Quintschritt es-as, eine Vorwegnahme der Quint gis-dis des folgenden "Schloß"-Bildes, das, nach Stassovs Kommentar, einen "singenden Troubadour" darstellt. In den Schlußtakten bringt der Diskant der Promenade eine Dreiklangsmelodie, (iie diesen Troubadourgesang präludiert. Zudem bereitet die Anweisung "con delicatezza" über Promenade II das melancholische Liebeslied schon vor.
Beispiel 3
Schluß der Promenade II, T. 9-12
Promenade III (Moderato non tanto, pesamente) in H-Dur knüpft an den gis-moll- Schlußakkord des "Schloß«-Bildes an .Das Haupt-Thema erscheint oktaviert, aufgeteilt in hohen und tiefen Chor, die sich gegenseitig imitieren. Diese Art des imitativen Chortauschs entstammt der russischen Polyphonie und steht im Gegensatz zur westlichen Fugentechnik. Während der tiefe Chor das Hauptthema übernimmt, begleitet der hohe Chor im Akkordsatz. Der zweite Viertakter mit der Umkehrung des Themas ist bereits Überleitung. Die beiden letzten Takte mit ihrem Zurückfallen ins Unisono und dem zögernden Diminuieren illustrieren ein Verhalten des Schritts, gefesselt und angezogen von den nächsten Bildern.
Beispiel 4
Schluß der Promenade III, T. 5-8
Durch das Verhalten auf cis, der Quint von Fis-mixolydisch wird die "eigentliche« Tonart akzentuiert. - Diesmal folgen zwei Bilder vom Beschauer vom gleichen Blickpunkt aus gesehen (beide im gleichen Tonraum H-gis).
Promenade IV (Tranquillo, d-moll) setzt mitten im Anfangsteil des Hauptthemas ein, kennzeichnet also gleichsam das überraschte Hinwenden zu den beiden Bildern, die dem Betrachter jetzt ins Auge fallen: das "Ballett" und die Zeichnungen der "ZweiJuden", die Mussorgskijs Eigentum waren. Die Begleitung in Terzen und Quinten