Seine Kindheit verlebte er auf dem elterlichen
Landgut.
1849 siedelte die Familie nach St. Petersburg
über, wo M. zunächst die deutsche Petri-Schule besuchte und dann
in die Kadettenschule des Gardekorps eintrat.
Bei A. Herke, einem Schüler von A.von
Henselt, nahm M. Klavierunterricht. seine Hauptinteressen waren jedoch
Geschichte und Philosophie. Als 1857 die Bekanntschaft mit A.Dargomyschski
den endgültigen Wechsel zur Musik initiierte, hatte sich M. schon
zu einem glänzenden Pianisten entwickelt. Er improvisierte viel, spielte
ausgezeichnet vom Blatt und versuchte sich gelegentlich als Komponist (Porte-Enseigne-Polka
f. Klv.). Durch Dargomyschskis Vermittlung wurde M. mit Dimitri und Wladimir
Stassow, C. Cui, M.Balakirew und schließlich mit A. Borodin bekannt.
Balakirew war es vor allem, der sich darum
bemühte, das junge Talent zu fördem und musikalisch weiterzubilden;
er erkannte bald, daß es unmöglich war, M. die akademischen
Regeln von Harmonielehre und Komposition zu vermitteln, und so beschränkte
sich der Mentor darauf, "ihm die Form einer Komposition zu erklären".
M. blieb L so weitgehend unbeeinflußt durch die westliche Musik und fand in autodidaktischem Bemühen zu einer eigenständigen musikalischen Sprache.
Obwohl ihm seine Freunde von einem Schritt
ins Ungewisse abrieten, nahm M. seinen Abschied als Offfizier, um sich
ganz der Musik zu widmen. Als nach Auflösung des Landguts in Karewo
die Einkünfte ausblieben, nahm M. eine Stelle als Kanzleibeamter an
und gründete mit Freunden eine Wohngemeinschaft (von ihm selbst als
"Kommune" bezeichnet). Während dieser Zeit wurden erstmalig Werke
des jungen
Komponisten öffentlich gespielt (Scherzo für orch.,186O, unter
A. Rubinstein; Chor aus oedipus Rex, 1861, unter A. Ljadow), und es entstand
das Intermezzo symphonique in modo classico. 1863 begann M. mit der Arbeit
an seiner ersten oper, Salammbo (nach Flaubert), und schrieb Lieder, die
weit über den Rahmen des Traditionellen hinausgingen, darunter: Die
Nacht, Kallistrat (1864), Die Versto§ene (186S) und Hopak (1865).
Begeistert von der Idee der russischen Realisten, in ihrer Musik ein getreues
Abbild der Sprache zu schaffen, begann M., Nikolai Gogols Heirat als "opera
dialogue" zu vertonen; er schrieb jedoch nur den 1. Akt und widmete sich
dann mit großer Energie einem neuen Stoff: Alexander Puschkins Boris
Godunow. Aus dieser Arbeit resultiert die einzige oper, die M. selbst vollendete.
Das Werk wurde 1871 vom Kaiserlichen Theater in St. Petersburg abgelehnt,
erfuhr eine Umarbeitung (bis 1872), und nachdem 1873 einige Szenen erfolgreich
aufgeführt worden waren, fand 1874 die Premiere statt.
Inzwischen hatte M. bereits mit einer
neuen Oper begonnen (Chowanschtschina) und arbeitete zusammen mit N. Rimski-Korsakow,
Cui und Borodin an der Ballett-Oper Mlada. Wie fruchtbar diese Jahre für
den Komponisten waren, zeigen zudem die Liederzyklen ohne Sonne und Lieder
und Tänze des Todes, die - wie die Balladen Der Vergessene und Vision
- auf Texten des befreundeten Dichters Golenischtschew-Kutusow basieren.
Ins Jahr 1874 fielen auch die Komposition
des Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung und der Beginn der Arbeit
am Jahrmarkt von Sorotschinzy. Immer spürbarer wurden in dieser Zeit
aber auch die Zeichen des Alkoholismus, nicht nur in bezug auf seine Gesundheit:
M. begann ein unstetes Leben, wechselte häufig die Wohnungen, und
seine Freunde (Stassow) fanden ihn oft erst nach langem Suchen in irgendeinem
Petersburger Lokal wieder. Eine erfolgreiche Konzertreise mit der Sängerin
Daria Leonowa nach Südrußland (1879) ordnete noch einmal sein
Leben. Den Sommer 1880 verbrachte er in deren Landhaus. Dort erlitt er
im Frühjahr 1881 einen epileptischen Anfall; wenig später starb
er im Nicolai-Militärhospital.
Die Kunst M.s schöpft ihre Mittel
aus dem russischen Volkslied. Sie soll, wie der Komponist in seiner Autobiographie
(188O) forderte, Kommunikationsmittel sein, da sie den gleichen Gesetzen
gehorche wie die Sprache. Kunst um ihrer selbst willen hält M. für
"grobe Kinderei", die "ins Kindesalter der Kunst" gehöre. Bearbeiter
und Herausgeber seiner Werke, insbesondere Rimski-Korsakow, haben sich
große Verdienste um den Fortbestand der eigenwilligen Musik M.s erworben,
sind jedoch dem Fehler verfallen, Orchestrierung, Harmonik, Rhythmik und
Metrik den Schulregeln gemäß zu "verbessern", mit dem Resultat,
daß die Musik ihren charakteristischen Ausdruck verlor.
Vergleiche mit der Harmonik russischer
Volkslieder, der dort festzustellenden unregelmäßigen Metrik
und der oft zu beobachtenden tonalen Ambiguität beweisen, daß
der "Lehrer" M.s jenes Volk gewesen ist, dem er in Boris Godunow ein Denkmal
gesetzt hat. Für M. ging die schöpferische Tätigkeit meist
von einem außermusikalischen Impuls aus (deshalb auch programmatische
Titel für Klv.Werke). Aus der treffenden Feststellung, er sei als
Ausdeuter der menschlichen Rede unübertroffen, leitet sich die ebenso
verbreitete wie falsche Ansicht her, seine Fähigkeit, absolute Musik
zu schreiben, sei nur gering gewesen.