Stassov: "Französische Frauen,
heftig streitend auf dem Marktplatz".
Wieder ist es die Darstellung der
Rede, aus der sich die musikalische Bewegung entwickelt, diesmal dem Gegenstand
und der französischen Sprache gemäß ins Capriziöse
und Burleske gewendet (vgl. Mussorgskijs Gespräch-Entwürfe, Dokumente
I, S. 64). Schnelle Tonrepetitionen, Sequenzen, Skalen, Chromatik, alterierte
Intervalle sind die Mittel, die Mussorgskij verwendet, um das eifrige Durcheinanderreden
der schwätzenden Frauen auf dem Markt zu illustrieren. Der vehemente
Fluß der Sechzehntelfiguren und konstant weiterlaufenden Staccato-Intervalle
wird nur im Mittelteil durch einige Achtel-Akzente unterbrochen. Das Fortspinnen
der Linie, das Wiederholen mancher Takte in unregelmäßigen Abständen
(T. 2 = T. 4 = T. 9), das Aufgreifen
kurzer Motivteile mit veränderter Fortführung ist eine musikalische
Umsetzung des Gesprächs, wie es auch in Worten verläuft: mit
wiederauftauchenden Motiven, mit Anknüpfen und Weiterspinnen, Abbrechen
und Neuansetzen. Mussorgskij setzt die einzelnen Motive wie Bausteine ein,
die er formt und kombiniert, wie er sie braucht, um den präzisesten
Ausdruck zu erreichen. Man könnte den akustischen Eindruck des Gesprächs
graphisch als Sprechkurve aufzeichnen: ausgehend von einem Sprechton mittlerer
Höhe (Anfangsmotiv, Tafel-Beispiel XI), der als Basis, gleichsam im
Atemholen, immer wieder angesteuert wird, ansteigend zu "engagierterem"
Sprechen im höheren Klangraum, dazwischen kürzere Ausschläge
der Sprechkurve nach oben oder unten, aufgeregte Akzentsetzungent rascher
Abfall von einem aggressiven Höhepunkt, oder auch hartnäckiges
Verharren auf einem Ton bei leidenschaftlich-raschem Wortschwall.
Die Bausteine greifen zurück
auf das in der Promenade aufgestellte und bereits in den vorangegangenen
Bildern variierte Material.
Das Sekundmotiv des Anfangs wird
im zweiten Takt sequenziert und erscheint bereits im folgenden Takt kombiniert
mit Quart- und vermindertem Quintsprung:
Beispiel19
Das variierte Sekundmotiv des Beginns,
T. 3
Das Skalenmotiv (T. 2) wird in auf-
und absteigender Form in den verschiedensten Variationen und Kombinationen
eingesetzt, etwa um das erregte Hin und Her des Streitgesprächs festzuhalten:
Beispiel 2O: T. 6
Daraus entsteht im Mittelteil (T.
12-24) ein noch schärfer akzentuierter Streit.
Beispiel 21: T. 12
Im Verlauf dieses Mittelteils nimmt
das Streiten immer vehementere Formen an, bis es schließlich mit
einer Fortissimo-Überleitung, die schon Elemente des später folgenden
"Hexenritts" der "Baba Yaga" anklingen läßt, - in die Wiederholung
des Anfangsteils auf höherem Repetitionston mündet (T. 25). Am
Schluß des Bildes (T. 37) erfährt das Streiten nochmals eine
rasante Steigerung: ein viertaktiges Capriccio (Meno mosso sempre capriccioso)
in komplementärer Zweiunddreißigstelbewegung stürzt im
accelerando in das folgende Bild der "Catacombae". Die bisher als Begleitinterval-
F le der Sechzehntelfiguren aufgetretenen Terzen, Quarten und Sekunden
organisieren sich im "Capriccio" in der rechten Hand zu Akkorden, während
die Zweiunddreißigstel der linken Hand, als Tetrachord und Intervallsequenz,
den Bewegungsraum der Quart betonen, die sich im chromatischen Überleitungstakt
auch in der Oberstimme durchsetzt: die melodische Randlinie geht schließlich
von der reinen Quart zum Tritonus über.
Harmonisch bricht der Mittelteil
aus der Haupttonart Es-Dur aus. Wie das Streitgespräch allmählich
abirrt, so bewegt sich der harmonische Gang ungehindert in weiter abliegende
Regionen. Von dem abrupt einsetzenden (durch Umdeutung des Es als Neapolitaner
erreichten) D-Dur geht der Weg zunächst nach H- Dur, dann über
e-c-b-As scheinbar zurück nach Es-Dur, das aber erst nach einer nochmaligen
Ausweichung nach D durch Chromatik und Rückung wieder erreicht wird.
Mit den gleichen Mitteln, Chromatik und Rückung, erfolgt dann die
attacca-Wendung von dem abschließenden Capriccio zum nächsten
Bild.