Aus einem Brief Mussorgskijs an Vladimir Stassov

Petrograd, 13. Juli 1872 . . .
Sagen Sie mir, wenn ich den Gesprächen junger Künstler - Maler oder Bildhauer - zuhöre, warum ich dann wohl ihren Gedanken, Überlegungen und Bestrebungen sehr wohl folgen kann und selten vom "Technischen" reden höre, es sei denn, wenn es ganz unumgänglich ist? Warum aber, sagen Sie mir, wenn ich unseren zukünftigen Musikern zuhöre, stoße ich selten auf lebendige Gedanken, sondern meist auf Schulmeisterliches - allerhand musiktechnische Vokabeln ?
Ist die Tonkunst etwa nur deswegen jung, weil Milchbärte sich in ihr bestätigen? Wie oft habe ich, ohne bestimmte Absicht, nur aus törichter Gewohnheit, wie von ungefähr, Reden mit den zünftigen Brüdern begonnen - fast immer gab es Abweisung oder Unklarheit, meistens aber verstand man mich überhaupt nicht. Nehmen wir an, daß ich vielleicht meine Ideen nicht deutlich darzulegen vermag, daß ich es nicht verstehe, die Gehirnmasse mit den darin ausgeprägten wesentlichen Gedanken (wie in einem Telegramm), sozusagen auf einem Tablett zu servieren. Aber was sind jene Leutchen denn selbst? Warum machen sie nicht selbst den Anfang? Sie haben, scheint's keine Lust dazu.

Und es ist klar, daß gerade Sie, Generalissimus, mich begreifen und nicht nur dies - sondern mit kühner, sicherer Hand jene Stellen herausfühlen, wo es nottut. Fürchte ich vielleicht die Technik, weil es da bei mir hapert? Doch wird auch in dieser Beziehung manches in der Kunst für mich sprechen ...

....In Wahrheit - ehe die Musiker nicht ihre Windeln, Hosenträger und Hosenstrippen abgestreift haben, so lange werden die "sinfonischen Päpste« das Zepter führen, die ihren Talmud erster und zweiter Ausgabe als das Alpha und omega im Leben der Kunst ausgeben. Ihr unreifer Verstand ahnt, daß ihr Talmud auf die lebendige Kunst nicht anwendbar ist: wo es sich um Menschen, um Leben handelt, da ist kein Platz für vorgefaßte Paragraphen und Gesetze ... Ich bin nicht gegen die Sinfonien, sondern gegen die Sinfoniker, jene unverbesserlichen "Konservatoren" ...

Aber mich foltert dennoch der Gedanke, warum verschiedene Plastiken und Gemälde von Antokolskij, Repin und Perov leben, so stark leben,daß man bei der Betrachtung unwillkürlich ausrufen möchte: "Gerade so habe ich es mir vorgestellt".
Und warum fehlt es der neuesten Musik, trotz mancher vortrefflichen Qualitäten der Mache, an solchem Leben? ... Erklären Sie mir das gefälligst, nur lassen Sie die Grenzen der Kunst aus dem Spiel - ich glaube an sie nur relativ, weil Grenzen der Kunst in der Religion des Künstlers Stillstand bedeuten.

Aus einem Brief Mussorgskijs an Vladimir Stassov

Petrograd, 18. Okt1872 ... Die künstlerische Darstellung der Schönheit allein, in ihrer rein materiellen Bedeutung - ist grobe Kinderei - das Kindesalter der Kunst. Die feinsten Züge der Menschennatur und Menschenmassen, das unentwegte Beackern dieses wenig erforschten Landes und seine Eroberung - das ist die wahre Sendung des Künstles, "Zu neuen Ufern !" Furchtlos durch Stürme, über Untiefen und Klippen hinweg, "zu neuen Ufern!« Der Mensch ist ein geselliges Tier und kann nichts anderes sein; in den menschlichen Massen wie in einzelnen Individuen gibt es immer allerfeinste Züge, die sich der Beobachtung entziehen, Züge, die noch von niemand beobachtet worden sind: lesend, beobachtend, ahnend sie zu entdecken und zu erforschen, sie mit dem ganzen Innern zu erkennen und zu erforschen und mit ihnen die Menschheit zu speisen, wie mit einer gesunden noch nicht erprobten Kost - ist das nicht eine schöne Aufgabe?
 

17. Aug.75

....Der Oktober dieses Jahres kann nicht derjenigen Zeit zugerechnet werden, wo sich das menschliche Gehirn dreifach verzweigt (Darwin); vorläufig brauchen wir Kunstwerke.

Was für eine große und reiche Welt ist die Kunst, wenn ihr Ziel der Mensch ist. Auf ungewöhnliche, ganz unvermutete Aufgaben stößt man da, und zwar nicht gewaltsam, sondern einfach so - gleichsam zufällig geschieht das. ...

 

30.Juli .68

Eins möchte ich nur sagen: wenn man sich von Operntraditionen überhaupt lossagt und sich musikalisch ein Gespräch auf der Bühne vorstellt, ein Gespräch, so wie es tatsächlich verläuft, dann ist die "Heirat" eine Oper.
Ich will sagen:
Wenn der klangliche Ausdruck menschlichen Denkens und Fühlens in natürlicher Redeweise richtig in meiner Musik wiedergegeben ist und diese Wiedergabe musikalisch künstlerischen Ansprüchen gerecht wird, dann ist die Sache geglückt. Darüber haben Sie Ihr Urteil abzugeben, und ich halte mich beiseite - ich habe getan, was ich vermochte und werde mich gutwillig zerfleischen lassen.
 

2. Aug. 75

...Nicht das braucht der Mensch unserer Zeit von der Kunst, nicht darin liegt die Rechtfertigung der Aufgabe des Künstlers.
Das Leben, wo immer es sich äußert; die Wahrheit; wie bitter sie auch sei, die furchtlose, aufrichtige Rede von Mensch zu Mensch - a bout portant-, das ist meine Art, das ist es, was ich will, und dieses Ziel zu verfehlen täte mir weh. Dazu spornt mich jemand an, und so einer will ich bleiben. ...