Damit ist das Stichwort seiner Kunstauffassung gegeben, das Zentrum, um das alles kreist: "Das Leben, wo immer es sich zeigt, die Wahrheit, wie bitter sie sei; die kühne aufrichtige Rede von Mensch zu Mensch - dies darzustellen ist die Aufgabe des Künstlers". Diese Idee eines künstlerischen Realismus verfochten im Rußland der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Architekten gleichermaßen. Sie gründet sich auf Tschernyschevskijs bahnbrechende Schrift "Von den ästhetischen Beziehungen der Kunst zur Wirklichkeit". In dieser 1855 veröffentlichten Dissertation stellt Tschernyschevskij die These auf: ,,Das Schöne ist das Lebendige. Die Wirklichkeit steht höher als die Kunst". Das Kunstwerk soll möglichst wenig abstrakt ausdrücken, sondern, soweit es geht, alles konkret, in lebendigen Bildern und individuellen Gestalten. Die Kunst soll Reproduktion der. den Menschen interessierenden Erscheinungen des wirklichen Lebens sein. Dabei sind unter wirklichem Leben nicht nur "die Beziehungen des Menschen zu den Dingen und Geschöpfen der objektiven Zeit" zu verstehen, sondern auch "das innere Leben des Menschen", seine Träume, seine Gefühle und seelischen Zustände. Die schöpferische Tätigkeit besteht in einer "Ü6ersetzung der Ereignisse aus der Sprache des Lebens" in die Sprache der Malerei, Bildhauerei, Musik oder Dichtung.
Diese Anschauungen hat sich Mussorgskij zu eigen gemacht. Für ihn ist die Musik eine "vom Leben gespeiste Sprache", nicht abstrakte Form. Wie die Maler und Schriftsteller will er Bilder,Szenen, Handlungen und Empfindungen darstellen, mit den der Musik gemäßen Mitteln. oberstes Kriterium ist die unmittelbare Wahrhaftigkeit des Ausdrucks, danach wählt er seine Mittel. "Grenzen der Kunst" erkennt er nicht an, denn sie bedeuten Stillstand und das widerspricht seinem immer wieder ausgesprochenen Grundsatz "Zu neuen Ufern«! Deshalb, und nicht weil ihm die handwerklichen Grundlagen fehlen, lehnt er die westliche Technik, die Sinfonik und Fugenarbeit ab. In seiner von Bild, Wort und Szene inspirierten Arbeitsweise ist "kein Platz für vorgefaßte Paragraphen und Gesetze". Der Wille, auf die russische Tradition zurückzugehen, stellt Schaffen unter andere Kriterien. Die Faktoren, die für ihn wichtig werden, sind die russische Sprachrhythmik, die Laut- und Tonnuancen der russischen Sprachmelodie, die vielfach noch modalen Strukturen des russischen Volkslieds und die aus der Heterophonie, der improvisatorischen Umspielung der gleichen Melodie, erwachsene russische Mehrstimmigkeit.
Angeregt durch die konkrete Wirklichkeit
kommt Mussorgsls musikalischer Schaffensprozeß erst richtig in Gang
und erreicht schließlich eine an Besessenheit grenzende Intensität.
Dann "kocht" er die aus der äußeren oder inneren Anschauung
geborerenen Ideen im Tiegel seiner Phantasie. Nur wo dieser Bezug da ist,
gelingt ihm die unangreifbar gültige Aussage: in den Volksdramen "Boris
Godunov" und "Chovanschtschina", in den Liederzyklus "Kinderstube", "ohne
Sonne" und "Gesänge des Todes", in dem Orchesterwerk "Die Nacht auf
dem Kahlen Berge" und in der Klaviersuite "Bilder einer Ausstellung".