Stassov: "Ein kleines Bild Hartmanns für die Inszenierung einer malerischen Szene in dem Ballett "Trilbi". -
Das Ballett, "Scherzino" überschrieben,
ist ein regelrechtes kleines Scherzo mit Trio. Ein Staccato-Akkordmotiv,
komplementär- rhythmisch auf beide Hände verteilt, zeichnet die
federleichte, trippelnde Bewegung 'der kleinen Kücken. Der Eindruck
des Leichten, Zierlichen, Quicklebendigen wird noch verstärkt durch
die Sekundvorschläge (abwärts gerichtet große und kleine
Sekunden, aufwärts nur leittönig kleine Sekunden) und die hohe
Lage. Sekund und Terz sind die tragenden Intervalle des Scherzo-Teils.
Das zeigt sich in der melodischen Randlinie der Akkorde (T. 1-4) und in
den aufsteigenden Staccato-Terzen der folgenden Takte (T. 5-7). Durch die
Vorschläge der kleinen Sekunden werden diese Staccato-Terzen in eine
burleske Quint- Parallelführung (fis-g) zu den Achtelgruppen des Basses
(h-c) gebracht. Die Tetrachorde erscheinen verengt zur verminderten Quart
(h-es; e-as) die später als große Terz (b-des) geschrieben ist
(Tafel-Beispiel VII).
Nach der Wiederholung der viertaktigen
Anfangsperiode sind die "Terzen" der Oberstimme zum Teil als verminderte
Quarten (a-des, d-ges, h-es) notiert, und die melodische Randlinie steht
im Sextverhältnis zum Baß. In der sechstaktigen Schlußgruppe
des Scherzos (T. 17-22) ist die Achtellinie des Basses zur Terzschrittsequenz
umgeformt. Grundtonart ist auch in diesem Epilog F-Dur, doch werden von
der Moll-Variante allerlei Leittöne bezogen, die, mit Chromatik und
Sekundreibungen, dem Epilogmotiv (einer Kombination von Vorschlag mit Sekund-
oder Terz-Intervall und zwei Baß -Achseln) den burlesken Charakter
geben. Die erste achttaktige Periode des Scherzos schließt auf der
Dominante, der Epilog mündet forte in eine Fermate auf dem Ton Des
(Neapolitaner) und rückt mit einem Oktavsprung (sforzato) auf die
Dominante C. Die be Schlußtakte (21-22) sind in Duktus, Rhythmik
und Dynamik eine Umkehrung der beiden ersten Achtel des Anfangs (T. 1)
und verstärken dadurch die scherzohaft-burleske Wirkung. Der große
Sekund-Vorschlag (d-c) des Anfangs wird am Schluß zur kleinern Sekund
(des- c). Zugleich aber kehrt Mussorgskij das Wertverhältnis der beiden
Töne um: durch Fermatendehnung und Vergrößerung verlegt
er das Schwergewicht (forte) auf den eigentlichen Vorschlagston (des) und
verkürzt den Zielton (c) zum Vorschlag, der unvermittelt (sforzato)
in die Oktav abstürzt. Dieser Oktavsprung ist ebenfalls schon am Anfang
(T. 1) vorgeformt: durch die beiden im Abstand einer Oktav komplementär-rhythmisch
nachschlagenden beiden F-Dur-Dreiklänge.
Das Trio, bestehend aus zwei regelmäßigen,
jeweils wiederholten achttaktigen Perioden, ist im leisesten Pianissimo
gehalten (ppp im Original, statt der Anweisung p, una corda in der praktischen
Ausgabe). Es geht von der Tonikaparallele d-moll aus, betont aber rasch
wieder die zwischen Dur und Moll wechselnde Tonika. Der Baß-Orgelpunkt
f, verstärkt durch die konstant weiterklopfenden Mittelstimmen-Achtel
f', unterstreicht noch das harmonische Fundament (Tafel-Beispiel VIII).
Das lebhafte Hin und Her des Kückenballetts ist in der ersten Periode
durch die Trillermelodie der Oberstimme illustriert, die in der folgenden
Periode zu capriziöser. Achtelbewegung übergeht. Diese durch
Sekund-, Terz-, Quart- und Sext-Vorschläge
betonten Achtelmotive der Oberstimme sind Varianten des Scherzo- Motivs,
die den nahtlosen Übergang zur Wiederholung des Scherzos ermöglichen.
Auch die Unterstimmenfüh rung des Trios stellt eine Verbindung zum
Scherzo-Teil her. Ausgehend von dem Orgelpunkt f, spinnt sich, in Form
der Terzsequenz aus dem Scherzo, eine Melodie in Vierteln heraus, die immer
wieder den Tritonus- Schritt f-h hervorhebt:
Beispiel 15
Trio, Unterstimme in Form der Terzsequenz aus dem Scherzo,
T. 1-16
Die Melodieführung der Promenade erscheint hier ins Burleske umgebogen. Auch die kurze, bis auf den Schlußakkord unisono geführte Coda am Schluß des wiederholten Scherzo-Teils betont noch einmal konzentriert den hurlesken Eindruck durch Sekundvorschläge, den verminderten Quartschritt (c-gis), und die Leittöne des bzw. gis, welche, absolut gehört, eine Quart ergeben.
Beispiel 16
Die Coda
Coda
Wie im Epilog (T. 21/22 bzw. 59/6O) wird c zum Vorschlagston, des zum langausgehaltenen, nochmals überdehnten Schwerpunkt (T. 61/62). Bereits im nächsten Takt jedoch erhält der Vorschlag c-des seine Leitton-Funktion zurück. Die aufwärtsgerichtete Leittönigkeit der Terzenfolge T. 5-8 setzt sich durch in der (durch c-Vorschlag im verminderten Quartschritt angesteuerten) Achtelfolge gis-a (einer Umkehrung der Achtelfolge des-c (T. 31) des zweiten .1 Teils). Eine Oktav höher wiederholt, wird gis selbst zum Vorschlag und mündet, im kleinen Sekund- Schritt, in der Terzlage des F-Dur Schlußakkords. Die dadurch hervorgehobene Terz a steht zu dem vorher unbetonten des im Tritonus-Verhältnis. Der aufwärts gerichtete kleine Sekundvorschlag gis-a (T. 64) schließt den Kreis zu dem abwärts gerichteten Vorschlag der großen Sekund (d-c) im Anfangstakt, und rundet damit den Schluß in den Anfang zurück. Die im pianissimo verklingende Dynamik sowie der Aufstieg in die hohe Lage der zwei- und dreigestrichenen oktav verstärken den Eindruck des Märchenhaft- Leichten und Phantastisch-Unwirklichen, der dieses ganze skurril-burleske Ballett beherrscht.