Aus Briefen Mussorgskijs an Frau Pauline Stepanovna Stassova

Petrograd, den 26. Juli 1873
Teure und liebste Herrin ! Der gestrige Besuch im Hause Melichoffs verursachte keinen geringen Trubel in meinem vielleicht musikalischen, aber ganz gewiß zügellosen Hirn; meine Epistel an Sie wird in Wien liegen bleiben und Sie nicht erreichen, ungeachtet des in ihr entfachten Volldampfes in Bezug auf "Chovanschtschina«, deren Ausgestaltung nur so kocht, xnd arie! Dieser Kummer a6er verwandelte sich in Freude durch die Nachricht, daß der Generalissimus nicht nach Wien fährt .. . Doch schlug diese Freude plötzlich in ihr Gegenteil um, als ich erfuhr, daß unser lieber Viktor Hartmann in Moskau an einem Herzübel gestorben ist.

Welch ein Kummer! O vielgeprüfte russische Kunst! Bei Hartmanns letztem Besuch in Petrograd gingen wir nach dem Musizieren zusammen die Furstadtstraße entlang. An einer Seitenstraße blieb er plötzlich stehen, lehnte sich an die Wand eines Hauses und rang nach Luft. Damals maß ich diesem Vorfall keine große Bedeutung bei und fragte ihn nur, ob ihm das oft passiere. "Ja, oft sagte er. Ich machte ihm irgendeinen Unsinn vor, um seine Gedanken von dem Vorfall abzulenken, und wir gingen weiter, zuerst im Schneckentempo, aber dann wie gewöhnlich. Da ich mich selbst zeit meines Lebens mit Kurzatmigkeit und Herzklopfen (der abgeschmackten palpitatio cordis) geplagt habe, so dachte ich, das sei wohl das Los nervöser Naturen, täuschte mich aber bitter, wie es sich nun herausgestellt hat. Und das gerade in Hartmanns bester Zeit, als sein Talent nur so nach allen Seiten sprühte, daß man unmöglich mit ihm Schritt halten konnte. Ich erinnere mich (wie könnte ich es je vergessen !) an mein letztes Gespräch mit ihm: er erzählte mir begeistert von dem Projekt eines Bauwerks im russischen Stil, eine zwar den Forderungen der Zeit angepaßten aber doch russischer wie er gern sagte - "wohlgebildeten« Stil. Er war gerade dabei, die Projekt zu verwirklichen. Sein Kopf war voller Pläne, für Mamc tov in Moskau ein solches Haus im russischen Stil zu bauen. ob das Werk zu Ende geführt hat, weiß ich nicht. Dieser talentlose l - der Tod mäht alles nieder, ohne auch nur zu fragen ob sein verdammter Besuch auch erwünscht sei! ...«