Zwei polnische Juden, der eine reich, der andre arm
                                         (Samuel Goldenberg und Schmuyle)
Andante. Grave energico, C, b-moll

Stassov:
"Samuel Goldenberg und Schmuyle"
(Zwei polnische Juden, der eine reich, der andre arm«).

   
Die Namensnennung der beiden Juden, Samuel Goldenberg und Schmuyle, geht auf Stassov zurück; in Mussorgskijs Original steht nur der oben erwähnte Haupttitel. Beide Zeichnungen waren im Ausstellungskatalog aufgeführt: "Reicher Jude mit Pelzmütze, Sandomierz~ und "ArmerJude aus Sandomierz"; als Eigentümer war Mussorgskij angegeben. Es lag also nahe, daß er die zwei Zeichnungen in die Bilderauswahl seiner Suite aufnahm.
In diesem Bild verwirklicht Mussorgskij auf dem Instrument, was er seit der "Heirat" in seinen Opern nachdrücklich anstrebte:( "die künstlerische Wiedergabe der menschlichen Redeweise in allen ihren feinsten Biegungen", die musikalische Darstellung der Laut und Rhythmuswerte der Sprachmelodie, des Gesprächs Vgl.Dokumente II, S. 65). Die beiden Juden charakterisiert er ganz realistisch durch ihre Sprechweise. Der Reiche spricht in normaler Mittellage, mit deutlicher, durch Pausentrennung klar hervorgehobener Akzentuierung, ruhig, aber bestimmt und energisch (Tafel-Beispiel IX).
 
 
Die ausschließlich in Oktaven geführte Sprechmelodik bewegt sich zuerst im Quintraum und steigert sich dann zum Ambitus einer Oktav im b-moll-Raum. Als wichtiges Intervall tritt wieder der Tritonus (a-es) hervor, aber auch die übermäßige Sekund (des-e bzw. ges-a) spielt eine Rolle. Dadurch entsteht eine "Zigeunertonleiter" b-c-des-e-f-ges-a-b als Grundlage der Melodik, - ein Hinweis auf die orientalische Abstammung des Sprechenden, womit auch die fioriturenhaften Triolierungen und kleinstufigen Umspielungen in Einklang stehen. Die Sprechweise ist nuanciert und trotz einzelner Wiederholungen äußerst differenziert. Ein charakteristisches Merkmal der Sprechmelodik, das Mussorgskij auch in seinem Liederzyklus "Kinderstube" verwendet, ist der große Terzfall (T. 4). Die verminderte Quart am Schluß (T. 8) erscheint noch als Erinnerung an den Schluß des "Balletts". Die deutliche Zweitakt- Gruppierung, die der Rede des reichen Juden zugrundeliegt, ist die Voraussetzung für das spätere Ineinandergreifen der beiden zunächst getrennt dargestellten Charakterbilder in der Gleichzeitigkeit des letzten Teils.
Dem "Andante" des reichen Juden folgt ein "Andantino" des armen, das schon im melodischen Aufbau ganz anders ist (Tafel-Beispiel X). Jeweils zwei Takte werden mit gleicher Melodik wiederholt (T. 9-12). Ihnen schließen sich zwei Takte mit veränderter Melodieführung an, die ebenfalls wiederholt werden (T. 13- 16). Der normale Sprechton des armen Juden ist um eine Oktav höher als der des reichen (des" statt des'). Er beginnt keifend eine kleine Sext über diesem Sprechton, in aufgeregten Tonrepetitionstriolen herabsteigend und im Quintfall auf des iandend. Das Gleiche wiederholt sich eine kleine Terz tiefer im Quartfall ges"-des". Die Melodieführung wird durch mitlaufende Terzen gestützt, die sich wieder im Quart- Ambitus bewegen. Die rhythmisch immer gleiche Figur deutet darauf hin, daß der Arme, fast gewohnheitsmäßig, immer dieselben Worte wiederholt.
Erst im letzten Teil (T. 17/18) ändert er diese Floskel in einen neuen, kurzen, nur einen Takt umfassenden. Satz, den er ebenfalls wiederholt. Er spricht jetzt akzentuiert, erhebt die Stimme und kehrt wieder zu seinem Reperkussionston zurück:

Beispiel 17

Der wiederholte Schlußtakt des Andantino, T. 17/18

 

 

Im dritten Abschnitt des Stücks (ab T. 19) reden beide Juden gleichzeitig: der Reiche langsamer (mit Vergrößerung der Notenwerte) und mit mehr Nachdruck, der Arme steigert seine Rede zum Schimpfen, illustriert durch Oktavverdoppelung und hartnäckigem Festhalten des Sprechintervalls as-des. Das erregte Gespräch mündet crescendo im übermäßigen Dreiklang auf dem Ton des, der "verfremdeten" Tonikaparallele. Nach einer Generalpause mit Fermate resigniert der arme Jude in einer "con dolore" im Quartraum f-c chromatisch absinkenden Melodie, die wiederholt wird, und mit einem Sforzato noch einmal aufmuckt:

Beispiel 18

Der Schluß, T. 26-29

Mit einer Sechzehntel-Triole im Fortissimo und nachdrücklich ausgehaltenem Schlußton setzt der Reiche dem Gespräch abrupt ein Ende.
Nach diesem Bild setzt Mussorgskij einen deutlichen Einschnitt durch die Wiederholung der nur in Einzelheiten abgewandelten einleitenden Promenade.Der erste Teil derSuite, mit der Bildauswahl aus der frühen Schaffensperiode Hartmanns, ist zu Ende; der zweite Teil, nach der Promenade, wendet sich den späteren Arbeiten des Malerarchitekten zu, die, nach dem Aufenthalt in frankreich, stärker und bewußter die Verwurzelung in der russischen Kunst repräsentieren. Zudem trennt die Promenade die kontrastierenden Gesprächsszenen der Suite: das Streitgespräch der beiden polnischen Juden undden Klatsch der französischen Marktfrauen in Limoges.