Interpretation  Tuilerien (Ekkehard Kreft)

Begrenzte Akkordfolgen ohne Kadenzbezug

Harmonische Abfolgen leben in älterer Zeit aus dem b ständigen Wechsel von Spannung und Entspannung. Se bilden das 1. und 2. Thema aus harmonischer Sicht insofern ein Gegensatzpaar, als sie in der Tonika und Do minante—um einen häufigen Sachverhalt zu nennen angesiedelt sind. Ebenso repräsentiert die Durchführur innerhalb des Sonatenhauptsatzes der Klassik jene Ein heit, in der die harmonische Entwicklung gegenüber Exposition und Reprise intensiviert wird.

Eine Beschränkung auf wenige, zudem ähnlich gefügte Akkordfolgen, wie sie in Nr. 3, den Tuilerien, vorliege kann kompositionstechnisch als Versuch verstanden werden, aus der Begrenzung auf wenige Akkorde neue Modelle zu entwickeln, die aus dem traditionellen Spa nungsgefüge ausbrechen. Hier werden mehrfach aufgenommene Akkordpaare vorgestellt. So erklingen zu Be ginn zwei Akkorde achtmal im Wechsel, gefolgt von zwei weiteren, die sechsmal vorgetragen werden, um einem dritten Akkordpaar zu weichen, das viermal erklingt.

Das 1. Akkordpaar besteht aus dem H-Dreiklang und dem gis-Dreiklang mit Sixte ajoutee, funktional also a Tonika und erweiterter Tonikaparallele. Das sich in d. oberstimme ergebende Intervall der kl. Terz erfährt il nächsten Akkordpaar (T. 5—7) eine Erweiterung zur f lenden Quarte, die mit den Septakkorden von Cis-Dur und gis-moll harmonisiert wird. Im 3. Akkordpaar— hier liegt in der oberstimme ein abwärts gerichteter T tonus vor—wechselt der Septimenakkord von A-Dur p dem fis-Dreiklang mit Sexte.

 Bleiben wir bei den drei verwendeten Akkordpaaren, deren gemeinsames Regulativ die ständig erweiterte Oberstimme darstellt (kl. Terz, Quarte, Tritonus).

Die drei Akkordpaare beherrschen einen großen Teil c gesamten Stückes—kehren sie doch mehrfach wieder

Innerhalb der 6 Akkorde gelangen vier unterschiedlich Akkordtypen zur Anwendung:
Der Dur-Dreiklang, der Septakkord in Dur und moll und die sixte ajouteé in moll. Dabei werden die dem Dreiklang zugefügten Töne nicht mehr im traditionellen Sinne gebraucht— die Sixte ajoutee auf gis, eine Umfunktionierung des gis als Mollsubdominante würde nach Dis/dis führen, erfüllt nicht mehr ihre konventionellen Aufgaben .

Die beiden Septakkorde im 2. Modell bleiben ohne Folge im üblichen Sinne—eine Fortführung in eine andere Tonart findet nicht statt. Die Septakkorde repräsentieren einen autonomen Reizklang ohne Verpflichtung einer harmonischen Konsequenz.

Gemeinsame Merkmale für alle drei Akkordpaare sind zum einen der Wechsel von Dur- und Moliklang, zum andern die jeweils zwischen beiden Akkorden beibehaltenen Töne (jeweils 2), wobei zusätzlich Halbtonfortschreitungen vorliegen.

Das Prinzip einer auf Statik hin angelegten harmonischen Konzeption—die Modelle bilden nur Varianten eines gemeinsamen Sachverhalts, keine graduellen Abweichungen von der Regel— beherrscht das gesamte Stück.1 3 ./lan kann von einer ostinaten Akkordik sprechen, deren Bedeutung weniger in der traditionellen Funktion einer Entwicklung zu sehen ist, sondern als konstituierender Bestandteil eines musikalischen Prozesses fungiert, in dem das Fehlen akkordischer Spannung auf dem Hintergrund der Negierung kadenzorientierter Spannung und Entspannung einen Freiraum schafft für ein antiwesteuropäisches, nur dem russischen Empfinden verpflichtetes musikalisches Empfinden.