Begreift man den Gnom als Abbild des Absurden, außerhalb der Norm Stehenden, versteht man ihn im Sinne der Shakespearschen Dramen als jenen Narren, der seine Sonderstellung bei Hofe unter der Maske des Schellenkleides jederzeit ausspielen konnte—immer bedroht von der Peitsche des Herrschers, der allzu direkte Anspielungen als Hochverrat interpretieren konnte— dann erschließt sich dieses Stück eher von der psychologischen Seite—nicht aber so sehr aufgrund ungelenker Körperbewegungen, die den Gang eines Gnom bestimmen mögen.
Bizarr geben sich die Eingangstakte des Stückes: äußerste
Gegensätze bestimmen die Konzeption. Tief und hoch stehen unmittelbar
nebeneinander (T. 9 f., 16 f.), laut und leise begegnen sich in unmittelbarem
Anschluß (T. 1 ff.), extrem weite Lagen zeichnen ein Bild grauenvolier
Atmosphäre (T. 19 ff.).
Wie aber ist die harmonische Organisation im 1. Abschnitt beschaffen?
Das musikalische Geschehen wird ausnahmslos im unisno vorgestellt—damit
ist eine Tonartenzuordnung vermieden—allenfalls kann der Ton b, der die
beiden Binnenteile abschließt
(T. 10 u. 17) als Dominante der sonst nicht näher konkretisierten
Grundtonart es-moll verstanden werden. Die Bedeutung des unisono als eine
Form, dem harmonieextensiven Zeitgeist zu begegnen, zeigt sich nicht nur
hier, sondern begegnet häufig im Verlauf des Zyklus.
Eine andere Form der Vermeidung konventioneller Harmoniefortschreitung
bzw. der Bereitstellung neuer Klangwertigkeiten begegnet ab T. 40: die
Intervalle zwischen Unter-und Oberstimme sind mit einer Ausnahme (T. 43:
ges-b) kleine Terzen und werder bei der Wiederaufnahme ab T. 49 durch große
Terzen ersetzt.
Wie schon Mozart in seinem Dorfmusikanten-Sextett dilettierende
Musikanten bzw. Komponisten mittels nicht diatonisch gefügter Terzenklänge
karikiert, so gestaltet Mussorgsky etwa 100 Jahre später einen ähnlichen
Sachverhalt..
Mozart setzt in den T. 16 ff. des Menuetts diatonisch gefügte
Terzparallelen (1. u. 2. Violine, oktaviert von der Bratsche u. dem Vcello)
gegen diatonisch verfremdete (in beiden Hörnern), die gegen Ende hin
zu einer gr.Sekunde (fis-as) zusammenschrumpfen. Beide Parallelbewegungen
zusammen ergeben ein stark dissonant gehäuftes Klangbild, das die
ästhetischen Normen der Mozart Zeit bei weitem sprengte.
Was bei Mussorgsky als Vorgriff auf eine kommende Zei gelten kann, ist
bei Debussy schon zum selbstverständlichen Sprachschatz geworden.
Zu Beginn der „Voiles", dem 2. Stück aus dem 1. Band der Preludes,
erklingen auf Ganztonbasis abwärts geführte gr. Terzen, die zunächst
über 4, dann über 8 Stufen geleitet werden. Debussy mobilisiert
hier gleich zwei dem diatonischen Gefüge entgegenstehende Elemente,
zum einen die antidiatonisch verlaufenden gr. Terzen, zum zweiten die ebenso
gegen die Diatonik gerichtete Basis gr. Sekunden.
Die Übersteigerung dieses Sachverhalts ab T. 60 symbolisiert jene
auf der Basis fallender Chromatik angesiedelte Kombination kl. Terzen,
die Resignation und Verzweiflung, Pessimismus und Verachtung ankündigen,
wie sie die Weltsicht des Gnom bestimmen.
Der 2. Teil des Stückes (T. 19 ff. u. 72 ff.) bleibt nachzutragen. Die düster-drohende Vision des Tritonus ab T. 72, durch Triller und chromatische Viertel-Sextole gekennzeichnet, bildet die Basis für die aus T. 19 ff. übernommene Akkordfolge. Hier liegt eine mehrfach wiederholte Kombination dreier Akkorde vor—es-moll, der verminderte Akkord auf a und der Sekundakkord von Ces—alle drei bilden jedoch keinen Akkordzusammenhang, der von Spannung und Entspannung lebt.
Die Abspaltung ebendieses Intervalles führt in T. 9O ff. zum as-Dreiklang, zu dem die kl. Sexte hinzutritt. Diese grelle Dissonanz, obwohl seit Beethovens Eroica (1. Satz, T. 276 ff.) bekannt, dürfte auch noch im Jahre 1874 die Hörer schockiert haben.
Tritonus und kl. Sekunde stehen als konstitutive Intervalle dieses Stückes im Mittelpunkt der Klangorganisation. Beide Intervalle repräsentieren in unterschiedlichster Funktion die geschilderte physiche und psychische Situation des Gnom.
Große Strecken des Stückes sind harmoniefrei gehalten. Bei
zweistimmigen Organisationsmustern kommt es zu nicht diatonisch gefügten
Konzeptionen (vgl. die Terz. kombinationen). Nur an einigen Stellen erscheinen
Ak korde (T. 19ff. u. 72 ff.), die weniger ein Spannungsgf fälle erzeugen
als vielmehr eine statische Konzeption bilden, deren gemeinsames Prinzip
die fallende Sekunde ist.