Interpretation Babayaga  (Ekkehard Kreft)
 

Das Stück Nr. 9 „Die Hütte auf Hühnerfüßen" (BabaJaga) bietet wiederum das Bild einer grauenhaften Atmosphäre. War es in den Katakomben die Nähe des Todes, so ist es hier die gerade in Märchen immer wieder beschriebene, den Menschen bedrohende Feindseligkeit der Natur. Das Waldesdickicht ist in diesem Zusammenhang jener dem menschlichen ordnungsstreben bis dahin noch nicht unterworfene Bereich, in dem sich der Mensch verirren kann. Das Motiv des Sich-Verirrens des Verlustes der Geborgenheit, des Ausgeliefertseins an die Unwirtlichkeit und Gefährlichkeit des unendlichen Waldes dokumentiert eine Komponente der menschlichen Existenz als eine von den Naturgewalten bedrohte.

Den Mittelteil „Andante mosso"  illustriert Mussorgskij, mit einer quasi asketischen Klanglichkeit, die alle Attribute wie Verirrtsein, Verloren-sein plastisch assoziiert.

Den Beginn kennzeichnet eine im p angesiedelte, in mittlerer Lage (g1—el ) ausgeführte Terzfigur, die in de Art eines Tremolo über 5 Takte hin ununterbrochen wiederkehrt. Dazu erklingt ab T. 96 in der Unterstimme eine Substanz, die zunächst zweimal einen Tritonussprung abwärts (ais—e) vorträgt, aus dem sich anschließend eine Tonfolge ableitet, deren Zuordnung zu einer Tonart kaum zu leisten ist. Beide Ebenen zusammengenommen ergeben im traditionellen Sinn keinerlei akkordischen Zusammenhang. Allenfalls ließe sich aus der ständig wechselnden Zuordnung eines Baßtones zu der Terzfigur eine jeweiis neue Akkordkonstellation annehmen—wie die Töne ais, e und g bei der Wiederaufnahme ab T. 108 nachträglich als Teiltöne des verkürzten Nonenakkordes mit kl. None von Fis ausgewiesen werden.

Die gegen Ende der Einheit (T. 100) erwartete Zielrichtung in den Quintsprung h-e erscheint nach e-moll gewendet, wird aber dadurch verunklart, daß e-moll als potentielle Tonika durch die in der Oberstimme hinzutretenden Töne dis und fis wiederum nicht Tonika in den Mechanismen jener Jahre sein kann.

Höchst interessant die Einheit ab T. 104—hier wird das Anfangsintervall der Unterstimme—der Tritonus —erweitert und als Quarte bzw. Quinte abgespalten, während die abwärts geführte Terzfigur weiterläuft.
Die statisch konzipierte Fläche in Gestalt der Quart und Quintintervallik steht einer kontinuierlich abwärts verlaufenden Terzenkette gegenüber:

Die volikommene Verunsicherung eines tonartbezogenen Gefüges ist Ausdruck für die Angst des Menschen vor der Bedrohung durch das im Märchen beschriebene Waldesdickicht.

In welcher Weise dieser einmal etablierte Mechanismus (vgl. die Dominanz der gr. Terzen ab
T. 105) in späteren Jahren fortlebt, zeigt jene Substanz, wie sie RimskyKorssakow zur Charakterisierung des Königs Dodon in der Oper „Der goldene Hahn" verwendet.

Diese 1906/07 komponierte, 1909 uraufgeführte Oper —ein in hohem Maß zeit- und systemkritisches Werk im Gewand eines Märchens— schildert den Zaren als perfiden, alt gewordenen Potentaten, der die Geschicke seines Reiches der Obhut eines Astrologen anheimstellt. Dieser überläßt dem Zaren einen goldenen Hahn, der bei Gefahr für die Grenzen des Reiches zu krähen anfängt .

Rimsky-Korssakow ordnet Dodon ein mehrfach gereihtes durch Chromatik und Tritonus gekennzeichnetes Motiv zu, das in eine auf chromatischer Basis verlaufende, fallende Folge
gr. Terzen mündet und den in den übrigen Stimmen implizierten Akkord auf G (mit Septe und
kl. None) völlig überfremdet (T. 13 ff. der Einleitung) .