Das 8. Bild "Katakomben—Sepulcrum
romanum" manifestiert jenen Bewußtseinsstand gegenüber
traditionellen Mechanismen, wie er kaum an anderer Stelle in vergleichbarer
Konsequenz anzutreffen ist. Einige Kriterien des musikalischen Geschehens
fallen auf Anhieb ins Auge:
die zu Beginn einstimmige Klangfläche,
die kontrastierenden dynamischen Felder,
die ab T. 4 einsetzende indifferente harmonische
Konzeption, die sich einem direkten analytischen Zugriff zu entziehen
scheint.
Schon der erste Höreindruck offenbart
diese musikalische Anlage als eine Kategorie primär harmonisch gesteuerter
Sachverhalte, die einen unabweisbaren Bezug zum Titel des Stückes
eingeht.
Statik, Leere, Erstarrtsein, Leblosigkeit
mögen umreißen, was sich im Titel ankündigt. Katakomben
als sichtbarer ort des Zugangs zur Unterwelt in Anlehnung an die
griechische Mythologie oder als Verdinglichung
des romantischen Ideals der Verschmelzung von Rationalität und Irrationalität,
oder weiter gefaßt—die Stelle, an
der die Gestalt als Bedingung des Lebens
in Gestaltlosigkeit als Symbol für das vergangene Leben übergeht
—all dies mag zur Erläuterung dessen dienen, was sich in der Vorstellung
des Betrachters mit jenem Ort des Schreckens,
aber auch der Feierlichkeit verbindet.
Das Fehlen einer Harmonisierung —im Verlaufe
der Bilder häufig zu beobachten— stellt zunächst eine Form antiromantischen
Verhaltens dar, das Mussorgsky bevorzugt zur Anwendung bringt. Antiromantisch
insofern, als gerade die Romantik die Entwicklung harmonischer Prozesse
intensiviert.
Ausdrucksmäßig aber symbolisiert
sie die Leere des Ortes, den wir betreten, eben die Katakomben. Der piötzliche
Wechsel extremer dynamischer Grade ist hier —und darin folgt der
Komponist einem bewährten Gestaltungsmittel (vgl. Haydns Einleitung
zur Schöpfung bzw. die Kerkerszene aus Beethovens Fidelio)— Ausdruckskategorie
für das Bedrohliche und Grauenhafte.
Schließlich aber die Klangfläche
ab T. 4, die wohl einen Sonderfall progressiver harmonischer Konzeptionierung
darstellt.
Die indifferente Klangform, die beständig sich ändernde Konstellation der Baß-, dann auch der Mittelstimme unter Beibehaltung der Töne g und fis signal isiert jenes Moment von Gestaltlosigkeit—eben in der fehlenden Beziehung zu „bekannten" Akkordformen—wie der Titel des Stückes ankündigt. Erst die letzten drei Takte bringen eine.konventionelle Formel, die auf Fis endet.
Versuchen wir eine Analyse der Klanggestalten.
Wir registrieren einen Vierklang, der als G-Dur mit gr. Septime bezeichnet
werden kann, wobei die Quinte im Baß liegt. Es folgt ein chromatisches
Gleitgefälle, das mithilfe von Alterationsbezeichnungen beschreibbar
ist. In konventioneller Diktion wird dieser Akkord (im ff vorgetragen und
durch ein sf verstärkt) als „grelle Dissonanz" klassifiziert. Dabei
unterstellt man eine Tendenz zu Auflösung und gelangt zur Bezeichnung
„Vorhalt". Dieser Sachverhalt trifft hier nicht zu. Zwar verhält sich
das dynamische Gefälle in der Weise von Vorhalt und Auflösung
(ff, sf—p dim.), die Klangkonstellation entspricht jedoch nicht diesem
Sachverhalt, da der fo!gentie J(lang in T. 5 eine weitere „Dissonanz" enthält.
Fassen wir den Akkord in T. 4 als Septakkord von G auf, dann ergibt sich
die notwendige Fortführung auf der Basis von Alterationen.
Notiert
man die chromatisch fortschreitenden Stimmen in der Mittellage, so wird
die Bedeutung der repetierten Töne g und fis als Rahmenintervall der
gesamten Konzeption noch deutlicher.
Im Vordergrund stehen zwei Intervalle,
die als Rahmen intervall zur Grundlage der harmonischen Analyse gemachte
gr. Septime g-fis und der Tritonus.
Beide Intervalle repräsentieren jene
Ebene, auf der das Düstere, Bedrohliche, Makabre angesiedelt ist,
wie in einigen Stücken des Zyklus zu finden, vgl. „Der Gnom' (Baßstimme
ab T. 72) und „Die Hütte auf Hühnerfüßen (T. 1 ff.).