An diesen Bewegungsvorgang knüpft Mussorgskij an. Er greift die
Momente heraus, die, zu charakteristischen Bewegungsgesten geformt, die
Bildvorstellung des hinkend dahinwankenden Zwergs hervorrufen. Drei Motive
setzt er fast unverändert als formelhafte Gesten ein:
1. : das "wankende« Achtelmotiv,
2. das "hinkende" Synkopenmotiv, und
3. das variierte Promenaden-Motiv.
Der Bewegungsablauf ist in einer dreiteiligen Form dargestellt. Jede
Bewegungsgeste wird zuerst isoliert vorgestellt, bevor sich durch Kombination
eine gesteigerte Bewegung ergibt. Der Zwerg läuft zunächst in
seinem gewohnten Alltagsgang, dann werden die Schritte eiliger und damit
unregelmäßiger und gleichsam unkontrollierter.
Das Achtelmotiv (Tafel-Beispiel I) erscheint zuerst immer auf gleicher
Tonhöhe. Nur der Ton d wird zweimal (T. 7 und T. 14) als eses notiert,
um seine Abwärtstendenz zu unterstreichen. In seiner Struktur ist
das Motiv eine "fahrige" Umschreibung des es-moll- Dreiklangs: der Zwerg
gleicht durch die Bewegung der Arme seinen hinkenden Gang aus.
Das Synkopenmotiv (Tafel-Beispiel II) stellt eine leittönig verfremdete
Kadenz dar über den Grotesk-Schritten Tritonus (es-a) und verminderte
Septime (a-ges). Es mündet, wie das Achtelmotiv zuvor, in Oktavsprüngen
auf der Dominante. Die Sekundvorschläge verstärken noch den Eindruck
des unfreiwillig hüpfenden Hinkens.
Mit der Wiederholung des ersten Teils beginnt bereits das Kombinieren
der Motive: das Achtelmotiv verbindet sich mit den Sekundvorschlägen
des Synkopen-Teils.
Der Mittelteil (Poco meno mosso, pesante) fügt die Spannungsintervalle
der beiden vorangegangenen Teile (Tritonus, Leittonhäufung) zum Gang
einer Grotesk- Promenade zusammen. Sie wird dreimal von dem Achtelmotiv
unterbrochen, das bei seinem zweiten Auftreten (T. 54/55) ein einziges
Mal von seiner konstanten Tonhöhe abweicht und die Wendung zur Subdominante
mitvollzieht:
Gnomus, Wiederholung der Promenaden-Variation im Mitt~
T. 47-55
Das Schlußmotiv dieser Promenaden-Variation wird zum Ausgangspunkt einer ausladenden Sequenz, beginnend mit dem Ton es, einer chromatisch in gewichtigen Halben abwärts führenden tavskala (T. 6O-65). Die folgenden Takte (T. 66-71) setzen die Sequenz mit vertauschten Stimmen fort.
Der immer schneller werdende Schlußteil nimmt das Synkopenmotiv wieder auf, das nun durch Pausentrennungen auseinander gezogen und noch um eine Oktav weiter in die Tiefe geführt wird in den Pausentakten des Synkopenmotivs im Baß eingefügten Triller und chromatisch auf- und absteigende Sechzehntelsextolen im Tritonusraum es-a intensivieren den drängenden Bewegungsablauf. Nach dieser Zerdehnung des Synkopenmotivs zu Halben und Pausenfermate (ist der Zwerg gestolpert und gefallen?) setzt "velocissimo" und "con tutta forza" ein Grotesklauf ein: eine Skala in ( Gegenbewegung, in zurückgreifenden Schritten immer neu ansetzend,die im arpeggierten es-moll-Akkord mündet.
Beispiel 10
Gnomus, Der Grotesklauf am Schluß,
T. 94-99
Die Skala ist aus dem Achtelmotiv des Anfangs abgeleitet und hebt ebenfalls
die Töne des es-moll Dreiklangs durch leittöne hervor.