- ~ ~

                                DIE GESAMTFORM DES WERKES

Mussorgskij verbindet die in der Romantik zur Reihungsform abgewandelte Anlage der Suite mit einer freien, programmatisch motivierten Rondoform, eine Kombination? die auch Robert Schumann, etwa in den "Papillons«, verwendet hat. Die Folge der zehn Bilder wird gegliedert durch eine viermal zwischenspielartig wiederkehrende "Promenade«, welche den Gang durch die Ausstellung, das Weitergehen des Betrachters von Bild zu Bild, musikalisch gestaltet und je nach dem betrachteten Bildmotiv und seiner geistigen Einordnung ihren Ausdruckscharakter ändert. Nach dem sechsten Bild kehrt die Einleitungs-Promenade nahezu unverändert wieder. Sie erhält aber gerade durch die kleinen Unterschiede einen anderen Aspekt und ihre besondere Funktion innerhalb der Gesamtform. Promenade V trennt und verbindet die beiden Teile der Suite; es sind, vergleichsweise, zwei verschiedene Ausstellungsräume, oder auch zwei verschiedene Epochen im Schaffen des Malers und Architekten Hartmann: eine durch das Aufnehmen und Umschmelzen der Realität geprägte frühe und eine durch das damals neu erwachte russische Nationalbewußtsein 6estimmte späte Periode. In Mussorgskijs Klaviersuite halten sich die Proportionen der beiden Teile etwa das Gleichgewicht: 437 bzw. mit Promenaden 491 Takte im ersten Teil entsprechen 455 bzw. 500 Takten im zweiten Teil. Mussorgskij hat nur die zehn Bilder nummeriert. Die in der Gesamtübersicht (s. S. 15) vorgenommene Zählung der Promenaden wurde zur Verdeutlichung der Form hinzugefügt.

Der Beschauer geht zunächst nur langsam weiter und betrachtet die beiden ersten Bilder lange und genau. Nach Promenade III und IV sind jeweils zwei Bilder eingeschoben: er verweilt nicht mehr so lange vor jedem Bild. Aus dem Beschauen wird allmählich ein Erinnern an den toten Freund. Im zweiten Teil der Suite sind die Stücke nicht mehr in sich abgeschlossen, sondern gehen in attacca-Wirkung oder mit auskomponierter Überleitung in das folgende Bild über. Der Betrachter identifiziert sich immer stärker mit den Bildern, die mit wachsender Intensität die Erinnerung an Leben und Persönlichkeit des Freundes wachrufen

Promenade                                   Bilder
    I
                                               1.Gnomus
  II
                                               2: Das alte Schloß
 III
                                               3.Tuilirien
                                               4.Bydlo
 IV
                                              5. Ballett der Kuechlein
                                              6. Samuel Goldenberg
V = [I]
                                              7. Marktplatz von Limoges
                                              8.Katakomben
Promen-Var "lingua mortua"
                                              9. Hütte der Baba Yaga

[FINALE]
Promenaden-Variation          10. Das große Tor von Kiev

. Empfindungen und Vorstellungen verdichten. sich schließlich zu der Vision in den Katakomben, die Mussorgskij in der Promenaden-Variation "Con mortuis« musikalisch darstellt. Realität und Erinnerung, Leben und Tod verschmelzen einen Augenblick lang in eins; "Con mortuis" wird zum inneren Höhepunkt der Suite. Die vorangegangenen Bilder sind gleichsam eine Biographie des verstorbenen Freundes - seiner Arbeiten, seiner Reisen, seiner Lebensbeziehungen. Nach der Vision folgen nur noch zwei typisch russische Bilder: "Baba Yaga", die russische Märchenfigur, und "Das Tor von Kiev" als Symbol des historischen Rußland und des künstlerischen Credo, das Hartmann mit Musssorgskij und dem gleichgesinnten Freundeskreis verband. Das letzte Bild hat musikalisch und ideell Finale-Funktion. Als zusammenfassende Variation und als überhöhende Schlußapotheose rundet es die Form zum Kreis und weist zugleich auf Stellung und Bedeutung des Maler-Architekten Viktor Hartmann hin, der in der russischen Kunstgeschichte als Erneuerer des altrussischen Stils gilt.