Nach Vollendung und Aufführung der vollständigen, von der zunächst abgelehnten "Urfassung" 1870 unterschiedenen "Originalfassung" des "Boris Godunov" im Januar 1874 und während der Arbeit an der Oper "Chovanschtschina" schrieb Mussorgskij die Klaviersuite "Bilder einer Ausstellung" ("Kartinki s v,vstavki"), als Gedenkwerk für den Maler und Architekten Viktor Hartmann, der am 23. Juli 1873 in dem von ihm entworfenen Landhaus des Verlegers Mamontov in Kireievo bei Moskau gestorben war.
Um 1870 trat Hartmann in engere freundschaftliche Beziehungen zu dem Kunstkritiker Vladimir Stassov, der ihn auch in den Kreis um Balakirev einführte. Stassov wurde von den Freunden meist "Generalissimus" oder "Bach" genannt, da sein überlegenes Wissen den scherzhaft-respektvollen Vergleich mit der Universalität Joh. Seb. Bachs herausforderte. Er genoß um diese Zeit das besondere Vertrauen Mussorgskijs, vor allem als sich die Bindung an Balakirev mehr und mehr lockerte. Mussorgskij sprach mit ihm über seine Kompositionspläne und über das Fortschreiten seiner Arbeit und ließ ihn an seinem Schaffensenthusiasmus teilnehmen. Als Zeichen der Freundschaft schenkte er Stassov das Manuskript der "Heirat und widmete ihm noch während der Entstehung die "Chovanschtschina". Selbstverständlich sind Stassov auch die "Bilder einer Ausstellung zugeeignet, denn durch ihn kam Mussorgskij mit Hartmann in näheren Kontakt. Sie trafen sich bei Freunden und in Gesellschaften. Bei solchen Zusammenkünften ließ Mussorgskij, wie auch sonst im Kreis der Freunde, seiner Diskutierleidenschaft freien Lauf. ("Wenn ich mich nicht mehr in jede erreichbare Diskussion stürze, sie sei auch nur von kleinstem Interesse, dann gibt es keinen Mussorgskij mehr . ) - Bei Hartmanns letztem Besuch in St. Petersburg erlebte Mussorgskij einen Schwächeanfall des Freundes mit, den er zunächst nicht tragisch nahm. Erst als er die Todesnachricht erhielt, erinnerte er sich wieder daran und machte sich bittere Vorwürfe, daß er die Zeichen der Krankheit nicht ernster genommen hatte (vgl. S. 60). Durch Stassovs Initiative kam im Frühiahr 1874 die Ausstellung der Arbeiten Hartmanns zustande, die Mussorgskij zur Komposition seiner Klaviersuite inspirierte.
Der Künstlerkreis, für den sich Stassov einsetzte, repräsentierte die liberale Bewegung im damaligen Rußland. Ziel war eine nationalrussische, von westlichen Einflüssen unabhängige Kunst, die in der eigenen Geschichte und Tradition die charakteristischen Elemente, Motive und Formen suchte. In der Musik waren es, angeregt durch Glinka und Dargomischskij, die Musiker um Balakirev, die diese Ideale zu verwirklichen trachteten, in der Literatur Gogol, in der Malerei Repin, in der Bildhauerei Antokolskij, in der Architektur Hartmann. Viktor Alexandrovitsch Hartmann wurde 1834 in St. Petersburg als Sohn eines Militärarztes geboren und studierte an der dortigen Akademie. Nach Abschluß des Studiums trat er zuerst mit Buchillustrationen hervor. Dann machten ihn einige architektonische Arbeiten bekannt, vor allem das 1862 in Novgorod eingeweihte Denkmal zur russischen Tausendjahrfeier. 1864 heiratete er eine Polin und ging für vier Jahre ins Ausland, - nach Italien, Deutschland, Polen und Frankreich. In dieser Zeit entstanden die meisten seiner Aquarelle und Genreskizzen.