Stassov: "Hartmanns Bild stellte den Künstler selbst dar, wie er l beim Licht einer Laterne die Katakomben in Paris besichtigt".
Mussorgskij charakterisiert die römische Begräbnisstätte durch feierliche, in breiten punktierten Halben fortschreitende Akkorde. Die Dynamik wechselt in kürzesten Abständen zwischen ff, p und pp und verdeutlicht dadurch den Lichtschein der Lampe, der nacheinander verschiedene Partien aus dem Dunkel hervorhebt. Das in der Oberstimme festgehaltene fis' (T. 4-11) nimmt schon den fahlen Schein der Totenschädel im unmittelbar anschließenden Satz "Con mortuis« vorweg. Die (ab T. 3) bis zum terzlosen Klang auf Fis (T. 11) ausgefächerten Akkorde ruhen auf einer chromatisch absteigenden Baßlinie, die sich im Ambitus von zwei verminderten Quarten bewegt:
d—cis—c—h—b—a—g—fis
(ais)
Die latente Mittelstimmenmelodie dieser Takte, eine aufsteige Linie im Quartraum a-d' (T.4-11), ist eine Variation des Promenaden-Themas. Sie wird in den folgenden Partien fortgesponnen zunächst in der Mittelstimme mit Quintsprung aufwärts (T. 15 dann in der Oberstimme im Terzraum d"-h' (T. 19-22). In der letzten Phase (T. 25-30) erscheint die melodische Linie über dem Orgelpunkt Fis, zum Tetrachord geformt, gleichzeitig in Mitteloberstimme, in Gegenbewegung:
Beispiel 22
Die Schluß-Phase, T. 25-30
Das Bild entpuppt sich also wiederum
als Variation der bisher verwendeten konstruktiven Grundelemente.
Nach dem attacca-Ansturm aus dem
Es-Dur des vorangegangenen Bildes wirkt der fortissimo und unisono in drei
Oktaven einsetzende zende Ton h als Ziel- und Ausgangston äußerst
überraschend. Die Fortsetzung (T. 2-3) weist den Ton als Terz des
G-Dur-Dreiklangs aus. Dieser wird jedoch nicht mediantisch auf Es-Dur bezogen,
sondern auf h-moll, wie die Weiterführung zur Dominante Fis (T. 11)
erkennen läßt. Der nächste G-Dur-Klang (T. 12) wird rasch
zu Moll eingedunkelt (T. 13) und in eine d-moll-Kadenz eingebaut (T. 15-18).
Die Dur-Variante (D-Dur Septakkord) hebt den g-mollKlang erneut hervor,
als Ausgangspunkt einer Folge von terzverwandten Akkorden (T. 22-24): g-Es-C,
die den Eindruck des Feierlichen verstärken (ein Mittel, das Liszt
gern zum Ausdruck des Majestätischen anwandte, etwa in der h-moll-Sonate).
Der sforzato hervorgehobene Es-Dur-Klang (T. 23), eine Reminiszenz an die
Haupttonart der Suite, wirkt wie ein plötzliches Scheinwerferlicht
auf die Gestalt Hartmanns, die auf dem Bild der „Catacombae~' mit- ; dargestellt
war. Der Ausstellungskatalog hatte das Bild noch genau- j er beschrieben
als Stassov: „Inneres der Katakomben in Paris mit den Gestalten Hartmanns,
des Architekten Kennel und des Wäch- j ters, der eine Lampe in der
Hand hält". Mit der neapolitanischen t Rückung von C-Dur (T.
24) nach h-moll, der Grundtonart dieses Bildes, die zunächst dominantisch
umschrieben wird (T. 25), tritt . dann der Raum der Katakomben wieder deutlich
in den Blickpunkt des Beschauers. Aber über dem Schluß-Quartsextakkord
(vgl. Beispiel 22) steht immer noch der spannungsvolle Leitton.klang zu
fis, das in der oberstimme erst mit dem Tremoloflimmern des nächsten
Bildes eintritt, im visionären Lichtschein der folgenden Promenaden-Variation
„Con mortuis« (vgl. S. 63/64).