Il veschio castello
                      Andantino molto cantabile e con dolore, 6/8, gis-moll

Stassov: »Ein mittelalterliches Schloß, vor dem ein singender Troubadour steht". -

                                 
Mussorgskij zeichnet das Bild eines Sängers, der sein Lied, eine Romanze im 6/8-Takt, auf einem Instrument selbst begleitet. Wie der ostinate Baßton vermuten läßt, handelt es sich um ein Volksinstrument mit Bordunsaiten. Das Lied hat den Charakter eines Ständchens - zwar nicht aus der Troubadour-Zeit (diese Art der westeuropäischen Musik war Mussorgskij wohl kaum bekannt), sondern aus dem 18. Jahrhundert, als die europäische, insbesondere die italienische und französische Musik zum Bildungsgut und zur Lebenskultur der russischen Oberschicht gehörte. Damals erlebte die Romanze ihre große Zeit.
In der Instrumentalmelodie sowie in der Liedweise deutet Mussorgskij weniger italienisches als vielmehr russisches Kolorit an. Die Mollmelodik, der Terzfall am Ende der Instrumentalmelodie, die Quartschritte und der synkopisch abwärtsgehende Quintschritt der Liedmelodie sind Elemente des russischen Volkslieds.
Der Sänger nimmt allmählich Motive der Instrumentalmelodie auf, führt sie weiter, schließt aber refrainartig immer wieder mit derselben, aus der Instrumentalbegleitung entnommenen Klausel (Tafel-Beispiel III).
Durch verschiedene Satzweise sind einzelne Strophen charakterisiert, die inhaltlich eine Steigerung, eine Intensivierung des Liebeswerbens bedeuten. Nach der Eingangsstrophe
(T. 1-28) folgt ein oktavierter, akkordischer Satz mit Ausweitung der an die Instrumentalbegleitung (T. 3) anschließenden Melodik. Nach Ausweichung in den Subdominant-Bereich kehrt die Melodieführung auch dieser zweiten Strophe in die - teilweise augmentierte - Schlußklausel zurück.

Schlußtakte der zweiten Strophe, T. 42-46

lDie dritte Strophe, deren Instrumentalbegleitung bereits im Schlußtakt der zweiten Strophe
(T. 46) einsetzt, bringt noch ein weitere Steigerung durch die Umwandlung des abwärtsführenden Quartschritts der Liedweise in die aufwärts gerichtete Quint (T. 53) durch Chromatisierung und Höhersequenzierung der Melodieführung. Wie in den vorangegangenen Strophen wird jede Verszeile wiederholt. Diesmal ist der Dominant-Bereich auskomponiert ,aber wieder fällt die Melodie in die Schlußklausel zurück. Nach diesem leidenschaftlichen Ausbruch stockt der Sänger (T. 87). Melodiefloskeln aus der zweiten Strophe erklingen über dem konstant im pp weiterpochenden gis, wie eine Erinnerung. Noch einmal greift der Sänger die Anfangsmelodie auf, dann setzt er mit einem energischen Schlußakkord seinem vergeblichen Werben ein Ende.
Die Strophenlied-Form mit zyklischem Zurückrunden in den Anfang ist eine Synthese von Variations- und Improvisationsprinzip, wie es Volksgesängen zugrundeliegt. Die Monotonie des ostinat durchklingenden gis erzeugt den Stimmungshintergrund einer leisen Resignation angesichts des "Ewig-Gleichen".