Bydlo
                    Sempre moderato, pesante, 2/4, gis-moll

Stassov: "Ein polnischer Wagen mit riesigen Rädern, von Ochsen gezogen".
Kurz vor Vollendung der Suite erwähnt Mussorgskij diesen Wagen in einem Brief an Stassov duni 1874, vgl. S. 63). Er spricht von einem "Ochsenwagen aus Sandomierz" ("Sandomirzsko Bydlo") und setzt hinzu: "Aber der Wagen steht nicht in der Musik, das gilt nur zwischen uns".
In der gedruckten Fassung fehlt denn auch diese Beziehung zu der polnischen Stadt Sandomierz, die für Mussorgskij eng mit der Erinnerung an Hartmann verbunden war. Tragendes Motiv ist in diesem Bild wieder - wie im "-Alten Schloß" - eine ostinato-Figur im Baß, die zwischen gis- moll und H-Dur hin- und herpendelt und mit ihren harmonischen Ausweichungen den Gang des Weges bestimmt.

Beispiel 13

Das Bewegungselement, das den Kern des Bildes bildet, ist  eine Darstellung des monotonen Rollens der Räder. Die Figur setzt sofort im Fortissimo mit voller Lautstärke ein
(nach der Urtextausgabe und Mussorgskijs eigener Interpretation) und steigert sich nicht (wie in den meisten praktischen Ausgaben angegeben und oft gespielt) allmählich vom p zum f, um die Vorstellung des Heranrollens hervorzurufen.
Die Baßfigur ist, ebenso wie die aus ihr herausgesponnene Melodie, aus dem Duktus des Promenaden-Themas abgeleitet. Im Rahmen einer dreiteiligen Bogenform breitet sich die Melodie über dem ostinaten Baß aus. Der Liedcharakter tritt deutlich in Erscheinung: man denkt an ein Volkslied, das der Wagenlenker vor sich hinsingt. Quart- und Quintschritte spielen eine konstruktive Rolle, als Intervalle, und auch als "Tetrachord-Rahmen«, der altmodaler Hintergrund in Mussorgskijs Melodieführung immer wie der spürbar wird. Die "aufjauchzende" Quint, die hier die Rückkehr in die Wiederholung der Anfangstakte einleitet, ist ein Merkmal vieler Tanzlieder (Tafel-Beispiel VI). In der Harmonisierung betont Mussorgskij stark den Subdominant-Bereich (A, E, D), bevor er über die Dominante wieder in die Haupttonart zurückbiegt. Der Terzschritt des Baßmotivs wird im Mittelteil (T. 21-38) zur Sequenzmelodie, während nun die Baßakkorde im Quartraum aufwärtsschreiten - eine Art der Fortspinnung und imitativen Verknüpfung, wie sie in der mehrstimmigen russischen Volksmusik geübt wurde.

Beispiel 14

Bydlo, T. 21-24

  Der Mittelteil baut sich auf der Grundlage der Subdominante und ihrer zugehörigen Akkorde auf und kehrt mit einem Sforzato-Dominant-Akkord (T. 35) nach gis-moll zurück. Dieser plötzliche Sforzato-Akkord nach einem Diminuendo erweckt die Vorstellung, daß der singende Wagenführer etwas schläfrig geworden war und durch ein abruptes Holpern seines Wagens wieder munter wird. Mit vier weiteren Sforzati nimmt er "Crescendo" das Hindernis und setzt nun "con tutta forza" mit der oktavierten Liedmelodie wieder ein. Die Wiederholung des ersten Teils ist um sieben Takte erweitert: die Melodie wird langsamer und leiser, man hört nur noch einzelne Motive und schließlich nur noch einen ppp-Ton, während gleichzeitig das Räderrollen »perdendosi" in der Ferne verklingt. Der Betrachter wendet sich dem nächsten Bild zu.