24.Jun 1870
 

...weil ich in bezug auf die deutsche Vokalmusik im allgemeinen und die jetzige deutsche Musik im besonderen große Zweifel hege. Die Deutschen Männer wie Frauen - krähen wie die Hähne und glauben, daß der Gesang, je mehr man den Mund aufreißt und je länger eine Dehnung, das Portamento, dauert, desto gefühlvoller wird.

Strenggenommen üben Kartoffeln, Kirschensuppe, Milch- und Tschernickensuppe' keinen besonders günstigen Einfluß auf die Stärke des Gefühls, insbesondere des künstlerischen, aus. Und für meinen Geschmack bieten die Deutschen - angefangen von einer in Schweinefett gebratenen Schuhsohle bis hin zu einer siebenstündigen Wagneroper - für mich nichts Anziehendes.

Anders verhält es sich mit denjenigen Deutschen, die sich von vaterländischen Schuhsohlen und einer Hahnenschrei-Dehnung abgewandt haben - diese haben mich immer interessiert und interessieren mich auch weiter, aber solche Deutschen schreiben keine Romanzen und Lieder. ....

.... All das sage ich nicht aus Neid und um zu spotten. Aber ich beneide die Deutschen nicht und mache mich nicht über sie lustig, weil man sich über das, was langweilig ist, nicht lustig machen, sondern nur davon abwenden kann.

Sie wissen ja selbst: die ganz genialen Deutschen - Beethoven, Weber und Schumann - waren (Jeder in seiner Art) schlechte Vokalkomponisten. Auch den charaktervollen und bis heute in vielerlei Hinsicht frischen Weber nehme ich da nicht aus. Die Deutschen singen so, wie sie sprechen; und sie sprechen a faire tonner le gosler.

Wenn sie aber für eine Singstimme komponieren, dann denken sie nicht an gosier, sondern zwängen das menschliche Denken mit Gewalt in den Rahmen einer im voraus erfundenen musikalischen Phrase.

Dieses Volk ist auch in der Musik spekulativ und verfällt fast bei jedem Schritt ins Abstrakte. Ihnen, die Sie auf dem russischen Boden des Realismus aufgewachsen sind, werden (wie ich hoffe) die deutschen "Hahnen-Sehnsüchte nicht gefallen.

.....Jetzt, mein lieber Korsinka, hören Sie folgendes: das Schaffen trägt in sich selbst die Gesetze des Schönen. Sie zu überprüfen ist Sache der inneren Kritik; sie anzuwenden ist Sache des Instinkts des Künstlers. Fehlt das eine und das andere, dann handelt es sich nicht um einen schöpferischen Künstler.

Wenn es aber um einen schöpferischen Künstler geht, dann muß sowohl das eine wie auch das andere vorhanden sein, und der Künstler ist sich selbst Gesetz.

Wenn ein Künstler mit dem Umarbeiten beginnt, so ist er nicht zufrieden (die Rache - ich freue mich!). Wenn er aber, obgleich zufrieden, trotzdem mit dem Umarbeiten beginnt oder, was schlimmer ist, etwas anstückelt, dann wiederkäut er das bereits Gesagte, wie das die Deutschen tun. Wir aber sind keine Wiederkäuer, sondern Allesfresser. Ein Widerspruch! - auch mit der Natur. .....
 
 

......Wieviel Frisches, von der Kunst Unberührtes pulsiert in der russischen Natur, o wieviel! Und welch kraftvolle und liebenswerte Züge... Einen kleinen Tei! dessen, was mir das Leben bot, habe ich für mir nahestehende, liebe Menschen in musikalischen Bildem dargestellt, und mit lieben Menschen habe ich über meine Eindrücke gesprochen