Baba Yaga
                                   Die Hütte auf Hühnerkrallen
                             Allegro con brio, feroce, 2/4, C Dur

Stassov: "Hartmanns Zeichnung stellt eine Uhr dar in der Form von Baba Yagas Hütte auf Hühnerkrallen. Mussorgskij fügte den Hexenritt der Ba6a Yaga auf ihrem Mörser dazu".
 

Von der altrussischen Ornamentik der Hartmann´schen Zeichnung ist in Mussorgskijs Musiksik keine Spur vorhanden. Er geht auf den Ritt der russischen Hexe zurück, den er in einem wilden Allegro darstellt. Nach einem ruhigeren Andante-Mittelteil wird der erste Teil, etwas verkürzt, wiederholt und in heftiger komplementärer Oktavbewegung "attacca" ins Finale geführt. Wie in den beiden vorangegangenen Sätzen ("Catacombae" und ,"Con mortuis" das musikalische Geschehen um den Zentralton fis kreist, so erscheint jetzt g als Mittelpunkt, als Aktionston, von dem die wilde Bewegung ausgeht. Die tragenden Intervalle sind: kleine Sekund (auch umgekehrt in große Septime) und Quart (auch als verminderte Quart und Tritonus).

In der ersten sechzehntaktigen Periode (Tafel-Beispiel XII bereitet sich die Hexe zum Ritt vor. Das Sekundmotiv tritt als vehementer Septsprung auf, durch Pausen noch mehr "gespannt", dann zum Sextsprung verengt (f-as) und mit den Tönen as-des (ab T12) die folgende Quartschrittsequenz schon vorbereitend. Als Kern dieser Sequenz setzt sich (T. 17/18) die chromatische Führung g-as-a-b durch. Diese beiden Takte werden, mit wechselnder Akzentuie rung, viermal wiederholt und tragen auch noch die folgende Periode. Jetzt trennt sich jedoch die Oberstimme von den Baßoktaven und bringt in chromatischer Gegenbewegung ein Akkordmotiv mit Ganztonvorschlägen, das aus dem Hauptmotiv des Kücken -Balletts abgeleitet ist:

Beispiel 23

Akkordmotiv mit Ganztonvorschlägen, T. 25/26

Die Trippelschritte im Pianissimo aus dem Ballett-Märchenbild werden jetzt, im Fortissimo, zu Groteskmomenten in der wilden
Bewegung des Reitens. Das Akkordmotiv bewegt sich im Rahmen der übermäßigen Quart und wird durch drei oktaven hindurch abwärtsgeführt.
Die Quartschrittsequenz mündet in eine C-Dur-Melodie, die wie ein ekstatischer Freudengesang der Hexe klingt (Tafel-Beispiel XIII). Der wilde Freudengesang steigert sich durch Hochsequenzierung über Leittonklänge bis zum C-Dur-Dreiklang in der hohen Lage zwischen c»' und c»". Oktavsprünge im Baß, Einschübe des umgekehrten Quartmotivs in der Oberstimme, gewichtige, scharf akzentuierte Quart- bzw. Tritonus-Schritte in der Mittelstimme unterstützen diese Steigerung. Die Hexe kommt wohl ihrem Ziel nahe: das Quartmotiv erscheint in neuer Verwandlung, in heftiger Oktavbewegung (ab T. 58), von chromatisch abwärtsführenden 5 Baßakzenten unterbrochen. Nach einem wilden Sprung von den Doppeloktaven Kontra-H bis h' zur verminderten Septime as (T. 74), ebenfalls im Raum von drei Oktaven (as-as"') - doch ohne den in der praktischen Ausgabe eingefügten Sechzehntel- Anlauf d"'-g"' zum Spitzenton as"' - setzt eine rasante komplementär- rhythmische Quartschrittsequenz in Sechzehnteln ein. Sie verlangsamt sich (ab T. 85) zu Vierteln und Achteln und endigt auf dem - durch as leittönig umschriebenen - Zentralton g (T. 94). Er leitet zu dem mit Terztremolo g-e beginnenden Mittelteil (Andante mosso, C) über.
Zentralton im Mittelteil ist e. Die beherrschende Melodie, gleichsam eine Karikatur des Promenaden-Themas, ist durch rhythmische Vergrößerung der Notenwerte aus dem Anfangsthema des ersten Teils und durch Schärfung des Quartschritts zum Tritonus entstanden (Tafel-Beispiel XIV).
Mit dem letzten Quintsprung (der sich ab T. 101 auch als selbständiges Motiv abspaltet) setzt eine leicht variierte Sequenzierung der Melodie ein. Die genaue Wiederholung (ab T. 108) erhält durch Beschleunigung der tremolierenden Intervalle und Gegenakkorde der rechten Hand eine gesteigerte Spannung. Nach den chromatisch absinkenden Tremoloterzen (ab T. 116) zeigen zwei energische Oktavsprünge auf e an, daß die Baba Yaga nach einer kurzen Rast sich zum Weiterreiten rüstet. Das Terztremolo im Baß verändert sich unter den energischen Oktavsprüngen zu einem Tremolo von Terzen und hinzutretender Sext. Die Randlinie im Baß in absteigenden Sexten (e-c, dis-h, d-b, c-a) erinnert an den chromatischen Abstieg des Akkordmotivs (T. 25), das im ersten Teil die Darstellung de wilden Reitens intensivierte. Der Mittelteil verklingt sehr leise mi dem Baßtremolo h-dis-g.
Bei der Wiederholung des ersten Teils (ab T. 123) führt die überleitende Quartschrittsequenz in eine rasant aufsteigende Okta- Passage (ab T. 199), deren Skalenausschnitte sich im Raum vo Quart und Tritonus bewegen, bevor eine chromatische Skala von ff- Oktaven (poco ritardando), mit Zielton g, den Übergang zum letzten Bild vollzieht.