Der Ausstellungskatalog 1874 verzeichnete
etwa vierhundert Werke Hartmanns und erwähnte fünfzig
weitere, die in der Ausstellung nicht gezeigt wurden. Von den Werken, die
Mussorgskij seiner Suite zugrundegelegt hat, sind nur noch wenige im Original
nachweisbar. Es sind Reiseskizzen, Architektur- oder Kostümentwürfe,
und kunsthandwerkliche Arbeiten.
Mussorgskijs Stücke haben zu
den Originalwerken Hartmanns meist nur eine lose Beziehung. Er nahm Anregungen
aus Skizzen und Entwürfen des Freundes auf und verarbeitete sie völlig
selbständig. Drei der von Mussorgskij dargestellten Bilder ("Das alte
Schloß", "Bydlo" und "Der Marktplatz von Limoges") sind im Ausstellungskatalog
von 1874 überhaupt nicht aufgeführt. Nach Aussage Stassovs kamen
viele Bilder erst im Lauf der Ausstellung hinzu. Außerdem besteht
die Möglichkeit, daß Mussorgskij bei Hartmann selbst weitere
Skizzen gesehen hat oder daß er Motive aus persönlichen Berichten
des Maler-Architekten aufnahm.
Der Titel "II vecchio castello" deutet
darauf hin, daß es sich um eine Architekturskizze handelte, die Hartmann
in Italien zeichnete.
Ebenso läßt der polnische
Ochsenwagen "Bydlo" vermuten, Mussorgskij Skizzen aus Sandomierz kannte,
wo sich Hartnann 1868 längere Zeit aufgehalten hatte.
Dort sind auch die beiden Judenbildnisse
entstanden, im Katalog als Nr. 17 "Reicher Jude Pelzmütze, Sandomierz"
und Nr. 177 "Armer Jude aus Sandomierz" verzeichnet, als deren Eigentümer
Mussorgskij im Ausstellungskatalog genannt wurde. Es waren zwei Bleistiftzeichnungen,
die jedoch nicht erhalten sind. In der Tretjakov-Galerie in Moskau werden
lediglich zwei Aquarelle aufbewahrt, "Kopf eines Juden und "Armer Jude",
die im Ausstellungskatalog nicht erwähnt waren. Wahrscheinlich existierte
noch eine andere Zeichnung von zwei Juden "Samuel Goldenberg und Schmuyle",
auf die sich Mussorgskijs Musik bezieht. Darauf läßt eine Mitteilung
der Tochter von Stassovs Bruder Dimitri, Varvara Kamarova schließen,
die von einer allerdings auch nicht mehr auffindbaren Photographie der
Zeichnung "Samuel Goldenberg und Schmuyle" spricht.
Unter den im Katalog erwähnten etwa 75 Frankreich-Bildern Hartmanns existiert kein Bild vom Marktplatz in Limoges. Offenbar hat Mussorgskijs Phantasie eine Skizze, die er vielleicht im Original gekannt hat, szenisch belebt. Er versuchte sogar, den Klatsch der Frauen auf dem Markt als Gespräch festzuhalten und notierte zwei verschiedene Textentwürfe solcher Unterhaltungen in dem in Leningrad aufbewahrten Originalmanuskript. Die erste Formulierung der "Grande Nouvelle" steht am Ende der Seite nach Promenade V, die zweite auf der nächsten Seite unter der Überschrift "Limoges.Marktplatz". Schließlich verzichtete er jedoch auf beide, strich die Textzeilen durch und begnügte sich mit der Musik.
Auch Hartmanns Bleistiftskizze der
"Tuilerien" wurde für Musssorgskij erst lebendig durch die von ihm
dazukomponierte Szene der spielenden und streitenden Kinder. Möglicherweise
weckte die Vorstellung dieser Ecke der Tuileriengärten die Erinnerung
an das zweite Lied aus der »Kinderstube", mit dem Titel "In der Ecke",
das er Hartmann gewidmet hatte. Hartmann plante damals, eine Art: Bühne
für die szenische Darstellung der "Kinderstube" zu entwerfen.
Zu den französischen Reiseskizzen
gehört auch das Bild des "Sepulcrum Romanum", das im Ausstellungskatalog
beschrieben wird: "Innenansicht der Pariser Katakomben, mit den Gestalten
Hartmanns, des Architekten Kennel und des Wächters, der eine Lampe
in der Hand hält" . Das Bild dieses Grabmals aus Totenschädeln
wird für Mussorgskij zum Anlaß einer ganz persönlichen,
poetischen Vision.
"Gnomus« und nBaba Yaga" gehen
auf kunsthandwerkliche Arbeiten Hartmanns zurück.
"Gnomus" ist im original ein kleiner
Spielzeugnußknacker, der 1869 nach Hartmanns Entwurf für den
Weihnachtsbaum des St. Petersburger Künstlerklubs angefertigt wurde.
"Die Hütte der Baba Yaga" stellt
Hartmann als Bronze-Uhr dar, laut Katalog "im russischen Stil des 14. Jahrhunderts".
Mussorgskij hielt sich an die ursprüngliche Hexengestalt des russischen
Märchens und stellte den dämonischen Hexenritt dar, - in der
russischen Version ein Ritt auf dem Mörser. Die Hütte der Baba
Yaga steht auf vier Hühnerbeinen, eine Anspielung darauf, daß
die Hexe Knochen, vor allem menschliche, verzehrt, die sie zuvor im Mörser
zerrieben hat. Die Gestalt der Baba Yaga muß Hartmann vielfach beschäftigt
haben. Zu einem Maskenfest 1862, zum Beispiel, kam er, nach Stassovs Bericht,
als Baba Yaga.
Dem "Ballett der Küchlein in
ihren Eierschalen" liegt ein Kostümentwurf zugrunde, den Hartmann
mit etwa fünfzehn weiteren Skizzen für das Ballett nTrilbi" anfertigte.
Das Ballett wurde 1871 im Bolschoi-Theater in St. Petersburg aufgeführt,
mit der Musik von Julius Gerber, einem Petersburger Dirigenten, Geiger
und Komponisten. "Trilbi" ist die Geschichte eines Herdgeistes, der sich
in die Hausfrau verliebt und dadurch nach den "Geistergesetzen« dem
Tod verfallen ist. Tanzeinlagen der Petersburger Ballettschule sorgten
für die Befriedigung des damaligen Publikumsgeschmacks. Das von Mussorgskij
gewählte Ballett wird im Katalog beschrieben: "Kanarienvogelkücken,
in Eiern eingeschlossen wie in Rüstungen. Statt eines Kopfputzes tragen
sie Vogelköpfe, die helmartig bis zum Nacken reichen".
- Seine Beziehung zu Musik und Theater
dokumentierte Hartmann auch durch Kostümentwürfe und Bühnendekorationen
zur Wiederaufführung von Glinkas "Russlan und Ludmilla" im Petersburger
Marjinskijtheater 1871 und zu Alexander Serows Oper "Die Macht des Bösen".
Der Finalsatz "Das große Tor von Kiev" wurde durch Architekturskizzen Hartmanns für ein monumentales Tor in Kiev angeregt. Es sollte 1869 "zur Erinnerung an das Ereignis vom 4. April 1866 errichtet werden, kam aber nie zur Ausführung. Damals entging Zar Alexander II. in Kiev einem Attentat. Hartmanns Plan zeigt einen mächtigen Torbogen auf Granitsäulen. Rechts daneben steht ein dreistöckiger Glockenturm, der von einer Kuppel in Form eines slavischen Helms überwölbt wird. Die altslavonische Inschrift auf dem Tor bedeutet: "Gesegnet sei, der da kommt im Namen Herrn" .
Die Ausstellung in Petersburg wurde
im Frühiahr 1874 eröffnet. Mussorgskij schrieb seine Suite in
wenigen Wochen während der Sommermonate Juni und Juli; sie war am
22. Juli 1874 vollendet
und ist Stassov, dem Organisator
der Gedenkausstellung, gewidmet Das Werk wurde erst 1886 veröffentlicht,
fünf Jahre nach Mussorgskijs Tod.
Der ersten Ausgabe bei Bessel in
Petersburg, redigiert von Rimskij-Korsakov, waren Bildbeschreibungen von
Vladimir Stassov hinzugefügt, die von den späteren Herausgebern
mehr oder minder genau übernommen wurden. In der folgenden Analyse
der einzelnen Bilder werden die Beschreibungen Stassovs weitgehend zitiert.
Das Original-Manuskript der "Bilder einer Ausstellung" umfaßt außer
dem Titelblatt fünfundzwanzig mit Tinte beschriebene achtzehnzeilige
Notenseiten im Querformat und wird in der Saltikov-Sehtschedrin-Bibliothek
in Leningrad aufbewahrt.