An Vladimir Stassov

Petrograd, 2. Aug. 1873
Mein lieber, mein teuerster Freund! Welch entsetzlicher Schmerz. Warum sollen Hunde und Katzen leben (= Anspielung an Shake peare: die Worte King Lear's vor der Leiche Cordelias) und Menschen wie Hartmann müssen sterben. Ich erinnere mich an seinen letzten Besuch in Petrograd, Vittyushka (= Koseform von Vikt und ich hatten bei Molas vergeblich auf Euer Gnaden gewartet u gingen weg. Da lehnte sich Vittyushka plötzlich an die Mauer, gerade gegenüber der Annenkirche, und wurde ganz bleich. Ich kenne solche Zustände aus eigener Erfahrung und fragte ihn ganz ruhig:"Was ist los ?" - "Ich kann nicht atmen" antwortete Vittyushka. ich die Nervosität und das Herzklopfen der Künstler aus Erfahrung kenne, sagte ich (immer noch mit der gleichen Ruhe): "Bleib' ein Weilchen stehen, mein Lieber, dann gehen wir weiter." Das war alles, was wir sagten, über eine Sache, die unseren lieben Freund immer unter die Erde gebracht hat. Was für ein Narr ist doch Mensch im allgemeinen! Wenn ich mir jetzt diese Unterhaltung Gedächtnis rufe, komme ich mir ganz erbärmlich vor, daß ich mich wie ein Feigling benommen habe. Weil ich fürchtete, Hartmann zu erschrecken, habe ich mich wie ein dummer Schuljunge verhalten. Generalissimus, glauben Sie mir: ich habe Hartmann gegenüber wie ein wahrhafter Narr gehandelt. Hilflos, wie ein Tölpel, der nicht Kraft hat, zu helfen. Ein Mensch, und was für ein Mensch, fühlt sich krank und man schiebt das beiseite mit so lächerlichen Worten.
wie »mein Lieber". Man spielt den Kaltblütigen und fertigt ihn ab mit abgeschmacktem Alltagsgeschwätz. Die Eigenliebe steht im Vordergrund - eine Münze ohne jeden Wert. Ich erinnere mich noch gut an diesen Vorfall und ich kann ihn nicht so bald vergessen - vielleicht werde ich weiser dadurch.

Das ist es ja, wir merken die Gefahr für den Andern erst, wenn er am Ertrinken ist oder bereits im Sterben liegt. Narren sind wir, und wenn unsere Stirn noch höher wäre, blieben wir doch die gleichen hoffnungslosen Narren! Und alle Menschen sind solche Narren, die Ärzte nicht ausgenommen, die mit pfauenhafter Wichtigtuerei die Fragen des Lebens und des Todes behandeln.

In solchen Fällen versuchen die Weisen uns törichte Menschen zu trösten mit den Worten: ,"Er ist zwar nicht mehr da, aber was er geschaffen hat, lebt und wird weiterleben". Gibt es denn viele Menschen, die soviel getan haben, daß sie nicht vergessen werden? Wieder dieses Beefsteak der menschlichen Eigenliebe (mit Zwiebeln zubereitet, die Tränen hervortreiben). Der Teufel hole eure Weisheit! Wenn "er« wirklich nicht vergeblich gelebt hat, sondern schöpfe- ; risch tätig war, was für ein Schurke müßte man dann sein, wenn man sich mit einem so billigen Trost damit abfinden könnte, daß er nun nicht mehr schaffen kann. Nein, damit kann man sich nicht beruhigen, es gibt keinen solchen Trost - das ist eine Haltung für Schwächlinge ... Aber wozu das alles? Was nützt die ganze Aufregung, wenn wir doch nichts ändern können? Basta - der Rest ist Schweigen !