Wagners Leitbilder  - revolutionäre Köpfe

Die Gedanken des lungen Deutschland hatten sich für Wagner mit der Person Heinrich Laubes verbunden; Feuerbach und Proudhon kannte er aus seinen Büchern; nun machte er eine neue, entscheidende Bekanntschaft, die ihn menschlich und gedanklich außerordentlich beeindrucken sollte.

Michail Alexandrowitsch Bakunin, 1814 geboren, also fast ein Altersgenosse Richard Wagners, hatte Vermögen, Adelstitel, Offizierspatent in Rußland zurückgelassen, um das westliche und mittlere Europa zu revolutionieren. Zwischen 184o und 1849 findet man ihn überall dort, wo in Europa «etwas los ist».

Als der alte Schelling, von Friedrich Wilhelm IV. auf den verwaisten Lehrstuhl Hegels berufen, im Wintersemester I841/42 über Philosophie der Offenbarung liest, sitzt Bakunin im Auditorium, ebenso wie Sören Kierkegaard, wie Jacob Burckhardt, wie Friedrich Engels.
Als Georg Herwegh ein Jahr später, im Herbst I842, als gefeierter revolutionärer Dichter durch Deutschland zieht, begleitet ihn Bakunin. Er lebt dann als politischer Emigrant in der Schweiz, in Brüssel, in Paris. An der Februar-Revolution nimmt er teil.
Als in Deutschland die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung vorbereitet werden und die verschiedenen deutschen linken «Vaterlandsvereine» eine Generalversammlung nach Leipzig einberufen, trifft natürlich auch Bakunin ein: unmittelbar aus Paris.

Daß dieser Mann, der nach Dresden weiterreiste, um dort unter dem angenommenen Namen eines Dr. Schwartz zu leben, sehr stark auf Richard Wagner wirkte, war nahezu unvermeidlich.
Bakunin war ein Revolutionär «an sich». daneben ein Todfeind des Zaren und des Zarismus. Die Revolution schien ihm gleichbedeutend mit russischer Revolution. Nun schloß sich der Kreis. Bakunin war mit Georg Herwegh befreundet, Herwegh empfahl ihn an August Röckel. Röckel vermittelte die Bekanntschaft zwischen Bakunin und Wagner; Wagner wurde wenige Jahre später der Exilgefährt Herweghs in Zürich. Hatte Georg Herwegh dem Revolutionär Wagner den Revolutionär Bakunin zugeführt, so sollte er ihm in Zürich fünf Jahre später eine andere, für den Denker und Künstler Wagner höchst folgenreiche Bekanntschaft vermitteln: Schopenhauers Buch «Die Welt als Wille und Vorstellung».

Die Begegnung zwischen Wagner und Bakunin war also weit von Zufall und zeitweiliger Verführung entfernt. Sie war notwendig. Noch die abwertende und abstandnehmende Kennzeichnung in Mein Leben läßt es ahnen:

Alles war an ihm kolossal, mit einer auf primitive Frische deutenden Wucht. Ich habe nie den Eindruck von ihm empfangen, als ob er besonders viel auf meine Bekanntschaft gäbe, da ihm im Grunde auf geistig begabte Menschen nicht mehr viel anzukommen schien, wogegen er einzig rücksichtslos tatkräftige Naturen verlangte; wie es mir späterhin aufging, war aber auch hierin die theoretische Forderung in ihm tätiger, als das rein persönliche Gefühl, denn er konnte eben hierüber viel sprechen und sich erklären; überhaupt hatte er sich an das Sokratische Element der mündlich Diskussion gewöhnt, und augenscheinlich war es ihm wohl, wenn er
sich, auf dem harten Canape seines Gastfreundes ausgestreckt, mit recht viel verschiedenartigen Menschen über die Probleme der revoöution diskursiv vernehmen lassen konnte. Bei diesen Gelegenheiten blieb er stets siegreich. es war unmöglich gegen seine bis über die äußersten Grenzen des Radikalismus nach jeder Seite hin mit größter Sicherheit ausgedrückten Argumente sich zu behaupten.