Wagners Revolutions-Ideen

Ihren Hohepunkt finden Wagners Revolutionsideen in seiner berühmten Flugschrift Die Revolution. Die sozialistische Utopie hat nunmehr die Form einer Rhapsodie angenommen. Die Schlußworte wirken wie eine Vorwegnahme des späten Nietzsche: Dionysos oder der Gekreuzigte. Bei Wagner ist das keine Alternative, sondern eine Synthese.

Näher und näher wälzt sich der Sturm, auf seinen Flügeln die Revolution; weit öffnen sich die wieder erweckten Herzen der zum
Leben Erwachten und siegreich zieht ein die Revolution in ihr Gehirn, in ihr Gebein, ihr Fleisch, und erfüllt sie ganz und gar. In göttlicher Verzückung springen sie auf von der Erde, nicht die Armen, die Hungernden, die vom Elend Gebeugten sind sie mehr, stolz erhebt sich ihre Gestalt , Begeisterung strahlt von ihrem veredelten Antlitz, ein leuchtender Glanz entströmt ihrem Auge, und mit dem himmelerschütternden Rufe: "Ich bin ein Mensch!" stürzen sich die Millionen, die lebendige Revolution, der Mensch gewordene Gott, hinab in dieTäler und Ebenen und verkünden der ganzen Welt das neue Evangelium des Glückes!

Wie sehr dieses Denken in sich geschlossen bleibt und über
Niederlage des Revolutionärs hinaus in die erste Exilzeit weiterzuwirken vermag, zeigt die erste große Programmschrift des Emigranten Wagner über Die Kunst und die Revolution, die—durchaus im Einklang mit den eigentlichen Revolutionsschriften—in einer Synthese aus Jesus und Apollon ihre Krönung findet.

Chaotisch und folgerichtig—so sind die Gedanken, Reden und Flugschriften dieses Revolutionärs in dieser Revolution. Chaotisch und doch folgerichtig ist auch sein praktisches Handeln zwischen dem März 1848 und dem Mai-Aufstand I849. Wagners Reden im Vaterlandsverein über Königtum und republikanische Bestrebungen hatten ihn natürlich bei Hofe, am Theater und beim ganzen konservativen Bürgertum Dresdens unmöglich gemacht. In der Presse wurde er als «Dr. Richard Faust» verspottet. Man widmete dem Redner des Vaterlandsvereins folgende Verse:

               «Die Neunte Sinfonie, was wär' sie ohne ihn,
                 Was ohne ihn die Zeit, der Thron, das Haus Wettin?
                 Steht er nicht größer da als Lamartine?
                 o lasset im Triumph uns seinen Wagen ziehn
                 Und vor dem größten Geist der Mit- und Nachwelt knien.»

Nun geht Wagner auf Reisen, nach Wien, wo er die Auswirkungen und trügerischen Euphorien der März-Revolution erlebt, nach Weimar, wo er Liszt im Hotel den Erbprinz aufsucht und zu einer näheren menschlichen und künstlerischen Bindung kommt; dann kehrt er
nach Dresden zurück.
August Röckel, den man vorübergehend verhaftet hatte, ist eifrig als Publizist und sozialistischer Agitator tätig. Richard Wagner steht ihm nach wie vor zur Seite. Beide gehören zum radikalsten Flügel der sächsischen Revolutionäre. Den Proudhonismus Röckels nahm Wagner durchaus und begeistert auf. Nur zwei Gedanken Röckels wollte er nicht mit in Kauf nehmen: die Abschaffung der Ehe und die Gleichheit aller arbeitenden Menschen ohne Sonderregelung für Künstler!

In der späteren Autobiographie teilt das Wagner treuherzig mit. Hier handelt es sich in der Tat nicht mehr um abstrakte Menschheitsideen, um die Kunst und die "menschliche Gesellschaft" sondern um eine geistige Konsequenz, die der Künstler und Mann Richard Wagner keinesfalls zu akzeptieren gewillt war. Keine Egalität ohne Ausnahme für den Künstler und Mann Richard Wagner!