Wagner als  Mittläufer
In alldem ist Richard Wagner nun wahrlich ein geistiger Mitläufer. Seine Ideen, dieses Gemisch aus Republikanertum, Reform von oben, Feuerbach, Stirner und Proudhon, wirken wie eine Illustration dessen, was im «Kommunistischen Manifest» unter Etikette des «wahren Sozialismus» angegriffen wird. Man glaubt eine Analyse auch über Richard Wagners Revolutionsideen zu lesen, wenn es in diesem Manifest von 1848 bei Marx und Engels heißt:"Deutsche Philosophen, Halhphilosophen und Schöngeister bemächtigten sich gierig dieser Literatur und vergaßen nur, daß bei der Einwanderung jener Schriften aus Frankreich die französischen Lebensverhältnisse nicht gleichzeitig nach Deutschland eingewandert waren. Den deutschen Verhältnissen gegenüber verlor die französische Literatur alle unmittelbar praktische Bedeutung und nahm ein rein literarisches Aussehen an. Als müßige Spekulation über die wahre Gesellschaft, über die Verwirklichung des menschlichen Wesens mußte sie erscheinen.. Das Gewand, gewirkt aus spekulativem Spinnweb, überstickt mit schöngeistigen Redeblumen, durchtränkt von liebesschwülem Gemütstau, dies überschwengliche Gewand, worin die deutschen Sozialisten ihre paar knöchernen <ewigen Wahrheiten" einhüllten, vermehrte nur den Absatz ihrer Ware bei diesem Publikum.»

Die Positionen sind klar. Richard Wagner bekämpft als wahrer Sozialist den roh-destruktiven Kommunismus von Marx und Engels. Der Kommunistenbund verspottet die Positionen des wahren Sozialismus, also auch diejenigen Richard Wagners, als «liebesschwüles» Geschwätz von Schöngeistern und Halbphilosophen.
                        Wagner der Musikdramatiker

Wie immer man über Richard Wagner als Revolutionär denken mag: er repräsentiert eine typische Haltung; keineswegs ist er ein Fremdkörper in dieser sonderbaren deutschen Revolution. Er gehört zu ihr und sie gehört zu ihm. Da gibt es nicht einmal eine Zweiteilung in den Revolutionär und den Künstler Richard Wagner: Verse aus der Lohengrin-Dichtung verwandeln sich in politische Kampfgedichte, die Gedanken des politischen Redners und Agitators erfahren ohne Schwierigkeit eine Übertragung ins Opernhafte und Dramatische.
Richard Wagner interessiert sich als Musikdramatiker neben der Arbeit am Jesus-Stoff für ein sonderbares Projekt, das wiederum, wie schon beim Lohengrin, als Mischung aus Mythos und Geschichte gedacht ist: als eine Synthese aus Nibelungen und Hohenstaufen.
Friedrich Barbarossa, die Waiblinger und die Nibelungen—daraus wird ein Plan mit dem Titel Die Wibelungen. Die Schlußworte dieses Projektes, gleichfalls im Jahre I848 niedergeschrieben, zeigen die Synthese des revolutionären Politikers und des Muslkdramatikers: sie bilden überdies die Keimzelle des späteren Nibelungenrings:
          «Wann kommst du wieder, Friedrich, du herrlicher Siegfried!
            und schlägst den bösen nagenden Wurm der Menschheit?—
           <Zwei Raben fliegen um meinen Berg—,
            sie rnästeten sich fett vom Raube des Reiches!
            Von Südost hackt der eine, von Nordost hackt der andere:—
            verjagt die Raben und der Hort ist euer!—
            Mich aber laßt ruhig in meinem Götterberge!) »

Auch die Revolutionsschriften des Jahres 1849 stehen dazu nicht im Widerspruch. In diesen vierzehn.Monaten einer deutschen oder sächsischen Revolution bleibt Wagner folgerichtig.
Sein Aufsatz Der Mensch und die bestehende Gesellschaft stellt fest: Im Jahre 1848 hat der Kampf des Menschen gegen die bestehende Gesellschaft begonnen. Es ist die seit Ludwig Feuerbach wohlbekannte «menschliche Gesellschaft», worin die konkrete Sozialstruktur unter den Zügen einer Abstraktion «des Menschen» erscheint. Wagner fordert zwar —was einen Fortschritt gegenüber seinen Ideen von 1848 darstellt—, daß die bestehende Gesellschaft als eine verworfene beseitigt werden müsse. Die Gesellschaft der Zukunft habe die Pflicht, die Menschen durch Vervollkommnung ihrer geistigen, sittlichen und körperlichen Fähigkeiten zu immer höherem, reinerem Glück zu führen. Das Bewußtsein aber einer solchen Bestimmung des Menschenrechtes müsse in der Gesellschaft erst geweckt werden. Das bedeute Kampf .