Er selbst hat den gesamten Vorgang später nach Kräften bagatellisieren wollen. Seine Beteiligung am Dresdner Mai-Aufstand wurde als theatralische I Ekstase eines leicht entflammten, aber eigentlich unpolitischen Künstlers hingestellt. Cosima und das Haus Wahnfried haben in diesem Sinne weitergewirkt. So entstand das Bild eines Künstlers, königlich sächsischen Kapellmeisters, der eigentlich ohne Schuld auf die Barrikade geriet, flüchten muß, sehr schnell im Exil seine Taten bereut und schließlich, trotz offenbarer Reue, spät erst und unter großen Schwierigkeiten die wohlverdiente Amnestie erhält.
Von alldem kann in Wahrheit keine Rede sein. Die Behauptung in Mein Leben sind nicht haltbar. Wagner stellt es so dar, als habe er, zuerst noch tief beschäftigt mit der Vollendung des Lohengrin gleichsam blinzelnd aufgeschaut, den Ausbruch der Revolution gewahrt und sich nunmehr ein bißchen für das Politische interessiert. In Mein Leben liest man das so:
"Wohl war ich, namentlich durch meinen älteren Freund Franck für politisches Urteil bereits genügend geschult, um mit so Manchem eine ersprießliche Wirksamkeit des nun sich versammelnden deutschen Parlamentes zu bezweifeln. dennoch übte die, wenn auch unklare, doch zuversichtliche allgemeine Stimmung, der überall sich kundgebende Glaube an die Unmöglichkeit einer Rückkehr in alten Zustände, auf mich ihren unvermeidlichen Einfluß aus. Nur wollte ich statt Reden Taten, und zwar solche Taten, durch welche unsere Fürsten unwiderruflich mit ihren alten, dem deutschen Gemeinwesen so hinderlichen Tendenzen brechen sollten. In dies Sinne begeisterte ich mich sogar zu einem populär-poetischen Aufruf an die deutschen Fürsten und Völker zu einem großen kriegerischen Unternehmen gegen Rußland, da von dorther zuletzt der Druck auf die deutsche Politik ausgeübt schien, welcher namentlich die Fürsten ihren Völkern so verhängnisvoll entfremdet hatte. Eine Strophe lautete:
<<Der alte Kampf ist's gegen Osten,
Der heute wiederkehrt:
Dem Volke soll das Schwert nicht rosten,
Das Freiheit sich begehrt.»
Zunächst mag zu denken geben, daß der Geist dieser Verse durchaus den entsprechenden Sätzen König Heinrichs und auch Lohengrins in der Oper entspricht; die geistig-politische Kontinuität ist also offensichtlich. Nicht minder deutlich wird die geistige Beziehung der nun im Revolutionsverlauf entstehenden Manifeste des Politikers Wagner zu den neuen künstlerischen Plänen, die sich der Dichter und Tonsetzer nach Vollendung des Lohengrin ausgesucht hat.
Auch die Tatsache, daß er in jenem Frühsommer 1848 nahezu als einzigen Freund den geschelterten Musiker und leidenschaftlichen Revolutionär August Röckel festgehalten hat, um mit Röckel von nun an selbst politisch gemeinsame Sache zu machen spricht gegen die These vom «Hineinschlittern eines unpolitischen Musikers». Aus Erinnerungen Dresdener Bürger scheint hervorzugehen daß Röckel später von den Wohlmeinenden als Wagners Verführer und Verderber angesehen wurde. Richard Wagner selbst war ehrlicher. Er hat der seltsalmen, aber doch bedeutenden Gestalt seines Revolutionsfreundes ein ehrendes Andenken bewahrt.
Durch Röckel kommt nun der mißvergnügte, reformfreudige, verschuldete Musiker und Politiker Richard Wagner mit dem politischen Parteileben Dresdens in Verbindung. Der «Deutsche Verein» genügt nicht, denn er vertritt die «konstitutionelle Monarchie auf breitester demokratischer Grundlage». In diesem Verein aber sind so bürgerliche Künstler wie Eduard Devrient und der Bildhauer Rietschel zu finden. Damit hat sich eine solche Partei für Wagner erledigt. Er tritt dem «Vaterlandsverein» bei, dem Sammlungsort der Linken der eigentlichen Republikaner; vor ihnen spricht er, anstelle von Röckel, der nicht reden kann, zum Thema "Wie verhalten sich republikanische Bestreungen dem Königtum gegenüber?»
Sie verhalten sich höchst sonderbar dem Königtum gegenüber. Richard Wagner beginnt damit, den Untergang auch des Ietzten Schimmers von Aristokratismus zu fordern. Abschaffung der Aristokratischen Ersten Kammer ist für die Männer des Vaterlandsvereins und auch für den Kapellmeister Wagner eine Selbstverständlichkeit. Ebenso steht es mit dem allgemeinen Wahlrecht:
Weiter wollen wir die Zuerteilung des unbednlgten Stimm- und Wahlrechts an jeden volliährigen, im Lande geborenen Menschen: je ärmer, je hilfsbedürttiger er ist, desto natürlicher ist sein Anspruch auf Beteiligung an der Abfassung der Gesetze, die ihn fortan gegen Armut und Dürftigkeit schützen sollen.
Man würde nun folgerichtigerweise ein republikanisch-demokratisches Programm erwarten: Abschaffung des Aristokratismus hätte doch wohl mit der Beseitigung des Königtums zu beginnen. Daran aber denkt Richard Wagner ganz und gar nicht. Er weiß, daß man ihm Einwände machen und Unlogik vorwerfen wird:
Aber fragt ihr nun: willst du dies alles m i t dem Königtum erreichen?—Nicht einen Augenblick habe ich sein Bestehen aus dem Auge verlieren müssen—, hieltet ihr es aber für unmöglich, so sprächet ihr selbst sein Todesurteil aus! Müßt ihr es aber für möglich erkennen, wie ich es für mehr als möglich erkene, nun: so wäre die Republik ja das Rechte, und wir düfen nur fordern, dass der König der erste und allerechteste Republikaner sein sollte. Und ist Einer mehr berufen, der wahreste, getreueste Republikaner zu sein, als gerade der F ü r s t ? Res Publica heißt: die Volkssache. Welcher Einzelne kann mehr dazu bestimmt sein als der Fürst, mit seinem ganzen Fühlen, Sinnen und Trachten, lediglich nur der Volkssache anzugehören? Was sollte ihn, bei gewonnener Überzeugung von seinem herrlichen Berufe, bewegen können sich selbst zu verkleinern und nur einem besonderen k I e i n e Teile des Volkes angehören zu wollen?
Die Konzeption wird immer abenteuerlicher: der Republik; singt das Lob des Hauses Wettin. Die unselige Forderung einer <Revolution von oben», eines Kompromisses aus Fürstentum und Bürgertum die seit der deutschen Aufklärung so verhängnisvoll in Deutschland umhergetragen wurde und schließlich zur Reichsgründung von 1871 führte, erscheint auch dem scheinbar so konsequenten Republikaner Richard Wagner als durchaus einleuchtend.
Da Wagner zur gleichen Zeit mit dem dramatischen
Projekt seines Jesus von Nazareth beschäftigt ist, nimmt es nicht
wunder, daß der erblliche König als erster Republikaner gleichzeitig
auch als schönste deutsche Auslegung des Christus-Wortes angepriesen
wird:
«Der Höchste unter euch soll der
Knecht aller sein.»
Eigentümlich in Tat wandeln sich die
Ideen der Französischen Revolution in
Deutschland.
Schon 1796 nämlich hatte Friedrich Schlegel
in seinem «Versuch über den Republikanismus» ähnlich
argumentiert und geschrieben
«Das Kriterium der Monarchie... ist
die größtmögliche Beförderung
des Republikanismus.»
Schlegel wollte damals sein Republikanertum
aus der verdächtigen Nachbarschaft der Jakobiner entfernen. Auch Richard
Wagner, der Republikaner und Sozialist scheint das Bedürfnis zu verspüren,
sich
«nach links hin» abzugrenzen:
Oder wittert ihr hierin etwa Lehren des
K o m m u n i s m u s ? Seid ihr töricht oder böswillig genug,
die notwendige Erlösung desMenschengeschlechts von der plumpesten
und entsittlichendsten Knechtschaft gemeinster Materie als gleichbedeutend
mit der Ausführung der abgeschmacktesten und sinnlosesten Lehre, der
des Kommunismus, zu erklären? Wollt ihr nicht erkennen, daß
in dieser Lehre der mathematisch gleichen Verteilung des Gutes und Erwerbes
eben nur ein gedankenloser Versuch zur Lösung jener allerdings gefühlten
Aufgabe gemacht worden ist, der sich in seiner reinen Unmöglichkeit
selbst das Urteil der Totgeborenheit spricht?