Wagner und Carl Maria v Weber

Viel Bitterkeit hatte sich in den Dresdener Dirigentenjahren angesammelt. Großes war allerdings auch vollbracht worden. Wagner hatte folgerichtig die Traditionen deutscher Opernkunst im Spielplan berücksichtigt. Als Dirigent und Tonsetzer wirkte er als Nachfolger und Fortsetzer Carl Maria von Webers.
Seinem Eifer war die Überführung der Asche Webers von London nach Dresden im Dezember 1844 zu danken. « Euryanthe» wurde aufgeführt; Wagner hatte eine Trauermusik aus « Euryanthe»-Motiven verfaßt und am Grabe des <<Freischütz»-Komponisten gesprochen. Am Palmsonntag des Jahres I846 war eine Musteraufführung von Beethovens 9. Symphonie unter Wagners Leitung veranstaltet worden. I847 wurde dann auch Gluck in die neubegründete deutsche Operntradition einbezogen. Beschäftigung mit Gluck, bei gleichzeitigem Studium griechischer Kunst und Philosophie, führte zu einer Wagnerschen Bearbeitung und zur erfolgreichen Einstudierung der «Iphigenia in Aulis».
                    Wagner und das Dresdnener Theater

Das alles war bedeutend und künstlerisch erfolgreich, aber es schien nicht zu genügen. Die Wiederaufnahme des Rienzi mißlang. Der Tannhäuser wurde kein Erfolg. Um die Aufführungsmöglichkeiten des neuen Lohengrin in Dresden schien es schlecht zu stehen. Mit der Intendanz lebte der Erste Kapellmeister in ewigem Streit. Außerdem war Wagner nun offenbar nicht mehr fähig, andere Künstler, auch solche hohen Ranges, neben sich und vor sich selbst zu vertragen. Weber war tot; Marschner konnte er zur Aufführung des «Hans Heiling» nach Dresden holen, alter er gefiel sich dabei bereits in der Rolle des Gönners. Robert Schumann, der zur gleichen Zeit als Konzertdirigent und Kompositionslehrer in Dresden wirkte, war insgeheim ein Ärgernis. Mendelssohns plötzlicher Tod am 4. November 1847 beseitigte den Anlaß zu schweren Konflikten. In der Autobiographie Mein Leben kann nachgelesen werden, wie die Erfolge des Dirigenten und Tonsetzers Mendelssohn-Bartholdy als quälende Seelenlast von Wagner empfunden wurden, der anzudeuten scheint, daß auch Mendelssohn ihm, Wagner, gegenüber in ähnlichen Empfindungen gelebt habe.

Wagner strebte im Theater nach der Alleinherrschaft, daran war nicht zu zweifeln. Die Berufung Karl Gutzkows an das sächsische Hofschauspiel hatte ihn dazu veranlaßt, eine scharfe Einengung der Kompetenzen des Schauspielmannes zu erreichen. Der jungdeutsche Dramatiker sollte von aller Einflußnahme auf die Oper und ihren Spielplan ausgeschlossen werden. In diesen Auseinandersetzungen nahm Wagner offen Partei innerhalb der literarischen Auseinandersetzungen der jungdeutschen Schule: er war für Heinrich Laube und gegen Karl Gutzkow. Das führte zu ersten heftigen Streitigkeiten mit dem königlichen Intendanten, dem Freiherrn von Lüttichau.
Als die Revolution ausbricht, im Frühjahr 1848, scheint Wagner eine Möglichkeit zu sehen, die Alleinherrschaft des Kapellmeisters Wagner im Dresdener Theaterleben gleichsam gesetzlich zu begründen. Er schreibt den Entwurf eines Nationaltheaters des Königreiches Sachsen. Die Darstellung, die er selbst in der Auto!siographie Mein Leben von dieser Episode gegeben hat, dürfte durch die Dokumente der Wagner-Sammlung von Mrs. Burrell widerlegt sein. Sicher ist, daß Wagner seinen Plan der Hoftheaterverwaltung einreichte, ohne wie er selbst auch zugibt, seine Kapellmeisterkollegen oder die Mitglieder der Hoflkapelle zu verständigen.