Über die Anwendung der Musik auf das Drama
zum Aufsatz Beethoven
Symhonie Neuerungen
in der Klassik Mozart und die Oper
Programmusik Ouvertüre
Auflösung der Form
romant Instrumentalmusik
programatische Musik
Zusammenfassung der Entwicklung Neuer
Weg zum Musikdrama
Bedeutung der Einheit neue
Kompositionsweise Wagner als Lehrer
Bedeutung des Motivs
Wirkung, Erfolg und Anspruch
Begründung für diesen Aufsatz
Mein letzter Aufsatz über das Opernkomponieren
enthielt schließlich eine Hindeutung auf die notwendige Verschiedenartigkeit
des musikalischen Stiles für dramatische Kompositionen im Gegensatz
zu symphonischen. Hierbei möchte ich mich nachträglich noch deutlicher
auslassen, weil es mich bedünkt, als ob bei dieser Untersuchung große
Unklarheiten sowohl des Urteils über Musik, als namentlich auch der
Vorstellungen unserer Komponisten beim Produzieren derselben aufzuhellen
und zu berichtigen sein dürften.
Berichtigung seiner früheren Ausdrucksweise
Ich sprach dort von "Stümpern", welche ohne
Not stark und fremdartig modulieren, und "Senatoren'', welche anderseits
die Notwendigkeit scheinbarer Ausschweifungen auf jenem Gebiete nicht zu
erkennen vermöchten. Den Euphemismus ( beschönigende Rede) "Senator''
gab mir in einem peinlichen Augenblicke Shakespeares "Jago" ein, welcher
einer staatlichen Respektsperson gegenüber einem der Tierwelt entnommenen
Vergleiche ausweichen wollte.
Ich werde mich im gleichen Falle des beängstigtenSchicklichkeitsgefühles
kunstwissenschaftlichen Respektspersonen gegenüber künftighin
des passenderen Ausdruckes " Professor" bedienen. Die wichtige Frage, um
welche es sich, meinem Ermessen nach, hier handelt, dürfte jedoch
am besten, ohne alle Bezugnahme auf "Professoren", einzig unter Künstlern
und wahrhaften, d. h. unbezahlten, Kunstfreunden ihre Erörterung finden,
weshalb ich mit dem Folgenden meine Erfahrungen und Innewerdungen bei der
Ausübung meines künstlerischen Berufes nur solchen mitzuteilen
gedenke. titel
Beispiel Beethovens :große Symphonien
-schwache Oper
Wie das Beispiel immer am besten anweist, ziehe
ich jetzt sogleich einen sehr ausdrücklichen Fall der Kunstgeschichte
herbei, nämlich: daß Beethoven sich so kühn in seinen Symphonien,
dagegen so beängstigt in seiner (einzigen) Oper "Fidelio" zeigt.
Den Grund der Einengung durch die vorgefundene Struktur des gültigen
Opernschemas nahm ich bereits in meinem vorangehenden Aufsatze für
die Erklärung der widerwilligen Abwendung des Meisters von ferneren
Versuchen im dramatischen Genre in Betracht.
Warum er den ganzen Stil der Oper nicht, seinem ungeheuren Genie entsprechend, zu erweitern suchte, lag offenbar daran, daß ihm hierzu in dem einzigen vorliegenden Falle keine anregende Veranlassung gegeben war; daß er eine solche Veranlassung nicht auf alle Weise herbeizuführen strebte, müssen wir uns daraus erklären, daß das uns allen unbekannte Neue ihm bereits als Symphonisten aufgegangen war.
Beethovens Instrumentalmusik
Untersuchen wir ihn nun hier in der Fülle seines
neuernden Schaffens näher, so müssen wir erkennen, daß
er den Charakter der selbständigen Instrumentalmusik ein für
allemal durch die plastischen Schranken festgestellt hat, über
welche selbst dieser ungestüme Genius nie sich hinwegsetzte. Bemühen
wir uns nun, diese Schranken nicht als Beschränkungen, sondern als
Bedingungen des Beethovenschen Kunstwerkes zu erkennen und verstehen.
Gebäude der Symphonie
Wenn ich diese Schranken plastisch nannte, so fahre
ich fort, sie als die Pfeiler zu bezeichnen, durch deren ebenso symmetrische
als zweckmäßige Anordnung das symphonische Gebäude begrenzt,
getragen und verdeutlicht wird. Beethoven veränderte an der Struktur
des Symphoniesatzes, wie er sie durch Haydn begründet vorfand, nichts,
und dies aus demselben Grunde, aus welchem ein Baumeister die Pfeiler eines
Gebäudes nicht nach Belieben versetzen, oder etwa die Horizontale
als Vertikale verwenden kann. War es ein konventioneller Kunstbau, so hatte
die Natur des Kunstwerkes diese Konvention benötigt; die Basis des
symphonischen Kunstwerkes ist aber die Tanzweise. Unmöglich
kann ich hier wiederholen, was ich in früheren Kunstschriften über
dieses Thema ausgeführt, und, wie ich glaube, begründet habe.
Charakter einer Symphonie
Nur sei hier nochmals auf den Charakter
hingewiesen, welcher durch die bezeichnete Grundlage ein für allemal
der Haydnschen wie der Beethovenschen Symphonie eingeprägt ist. Diesem
gemäß ist das dramatische Pathos (Leidenschaft) hier gänzlich
ausgeschlossen, so daß die verzweigtesten Komplikationen der thematischen
Motive eines Symphoniesatzes sich
nie im Sinne einer dramatischen Handlung,
sondern einzig möglich aus einer Verschlingung idealer Tanzfiguren,
ohne etwa jede hinzugedachte rhetorische Dialektik, analogisch erklären
lassen könnten. Hier gibt es keine Konklusion, keine Absicht und keine
Vollbringung. Daher denn auch diese Symphonien durchgängig den Charakter
einer erhabenen Heiterkeit an sich tragen. Nie werden in einem Satze zwei
Themen von absolut entgegengesetztem Charakter sich gegenüber gestellt;
wie verschiedenartig sie erscheinen mögen, so ergänzen sie sich
immer nur wie das männliche und weibliche Element des gleichen Grundcharakters.
Wie ungeahnt mannigfaltig diese Elemente sich aber brechen, neu gestalten
und immer wieder sich vereinigen können, das zeigt uns eben ein solcher
Beethovenscher Symphoniesatz: der erste Satz der heroischen Symphonie zeigt
dies sogar bis zum Irreführen des Uneingeweihten, wogegen dem Eingeweihten
gerade dieser Satz die Einheit seines Grundcharakters am überzeugendsten
erschließt.
Beethovens Neuerungen im rhythmischen Bereich
Sehr richtig ist bemerkt worden, daß Beethovens
Neuerungen viel mehr auf dem Gebiete der rhythmischen Anordung, als auf
dem der harmonischen Modulation aufzufinden seien. Sehr fremdartige Ausweichungen
trifft man fast nur wie zu übermütigem Scherz verwendet an, wogegen
wir eine unbesiegbare Kraft zu stets neuer Gestaltung rhythmisch plastischer
Motive, deren Anordnung und Anreihung zu immer reicherem Aufbau wahrnehmen.
Wir treffen, so scheint es, hier auf den Punkt der Scheidung des Symphonikers
von dem Dramatiker.
Neuerungen bei Mozart
Mozart war seiner Mitwelt durch seine, aus tiefstem
Bedürfnis keimende Neigung zu kühner modulatorischer Ausdehnung
neu und überraschend: wir kennen den Schrecken über die harmonischen
Schroffheiten in der Einleitung jenes Haydn gewidmeten Quartettes. Hier,
wie an so manchen charakteristischen Stellen, wo der Ausdruck des kontrapunktisch
durchgeführten Themas namentlich durch akzentuierte aufsteigende Vorhaltsnoten
bis in das schmerzlich Sehnsüchtige gesteigert wird, scheint der Drang
zur Erschöpfung harmonischer Möglichkeiten bis zum dramatischen
Pathos zu führen.
In der Tat trat Mozart erst von dem Gebiete der,
von ihm bereits zu ungeahnter Ausdrucksfähigkeit erweiterten dramatischen
Musik aus in die Symphonie ein; denn eben nur jene wenigen symphonischen
Werke, deren eigentümlicher Wert sie bis auf unsre Tage lebensvoll
erhalten hat, verdanken sich erst der Periode seines Schaffens, in welcher
er sein wahres Genie bereits als Opernkomponist entfaltet hatte.
Mozarts Bedeutung für die Oper
Dem Komponisten des "Figaro'' und "Don Juan" bot
das Gerüste des Symphoniesatzes nur Beengung der gestaltungsfrohen
Beweglichkeit an, welcher die leidenschaftlich wechselnden Situationen
jener dramatischen Entwürfe einen so willigen Spielraum gewährt
hatten. Betrachten wir seine Kunst als Symphoniker näher, so erfahren
wir, daß er hier fast nur durch die Schönheit seiner Themen,
in deren Verwendung und Neugestaltung aber nur als geübter Kontrapunktist
sich auszeichnet; für die Belebung der Bindemitglieder fehlte ihm
hier die gewohnte dramatische Anregung.
Zunächst: opera buffa
Nun hatte sich aber seine dramatisch-musikalische
Kunst immer nur erst an der sogenannten opera buffa, im melodischen Lustspiele
ausgebildet; die eigentliche,,Tragödie" war ihm noch fremd geblieben,
und nur in einzelnen erhabenen Zügen hatte sie ihm, als Donna Anna
und steinerner Gast, ihr begeisterndes Antlitz zugewendet. Suchte er diesem
in der Symphonie zu begegnen? Wer kann über Anlagen und mögliche
Entwicklungen eines Genies Auskunft geben, das sein, selbst so kurzes,
Erdenleben nur wie unter dem Messer des Vivisektors zubrachte?
Wert der tragischen Oper
Nun hat sich aber auch die tragische Muse wirklich der Oper bemächtigt. Mozart kannte sie nur noch unter der Maske der Metastasioschen' "Opera seria'' :steif und trocken. - "Clemenza di Tito''. Ihr wahres Antlitz scheint sie uns erst allmählich enthüllt zu haben. Beethoven ersah es noch nicht. Ich glaube erklären zu dürfen, daß mit dem vollen Ernste in der Erfassung der Tragödie und der Verwirklichung des Dramas durchaus neue Notwendigkeiten für die Musik hervorgetreten sind, über deren Anforderungen, gegenüber den dem Symphonisten für die Aufrechterhaltung der Reinheit seines Kunststiles gestellten, wir uns genaue Rechenschaft zu geben haben.
Bieten sich dem bloßen Instrumentalkomponisten
keine anderen musikalischen Formen, als solche, in welchen er mehr oder
weniger zur Ergötzung oder auch zur Ermutigung bei festlichen Tänzen
und Märschen ursprünglich aufzuspielen hatte, und gestaltete
sich hieraus der Grundcharakter des, aus solchen Tänzen und Märschen
zuerst zusammengestellten symphonischen Kunstwerkes (Suiten), welchen das
dramatische Pathos nur mit Fragen ohne die Möglichkeit von Antworten
verwirren mußte, so nährten doch gerade lebhaft begabte lnstrumentalkomponisten
den unabweisbaren Trieb, die Grenzen des musikalischen Ausdruckes
und seiner Gestaltungen dadurch zu erweitern, daß sie überschriftlich
bezeichnete dramatische Vorgänge durch bloße Verwendung musikalischer
Ausdrucksmittel der Einbildungskraft vorzuführen suchten.
Hinweis auf Programmmusik
Die Gründe, aus denen diesem Wege zu einem
reinen Kunststile nie zu gelangen war, sind im Verlaufe der mannigfaltigen
Versuche auf demselben wohl eingesehen worden; noch nicht aber dünkt
uns das an sich Vortreffliche, was hierbei von ausgezeichnet begabten Musikern
geschaffen wurde, genügend beachtet zu sein. Die Ausschweifungen,
zu denen der genialische Dämon eines Berlioz hintrieb, wurden
durch den ungleich kunstsinnigeren Genius Liszts in edler Weise
zu dem Ausdrucke unsäglicher Seelen- und Weltvorgänge gebändigt,
und es konnte den Jüngern ihrer Kunst erscheinen, als ob ihnen eine
neue Kompositionsgattung zu unmittelbarer Verfügung gestellt wäre.
Jedenfalls war es erstaunlich, die bloße Instrumentalmusik unter
der Anleitung eines dramatischen Vorgangsbildes unbegrenzte Fähigkeiten
sich aneignen zu sehen.
Bisher hatte nur die Ouvertüre zu einer Oper oder einem Theaterstücke Veranlassung zur Verwendung rein musikalischer Ausdrucksmittel in einer vom Symphoniesatze sich abzweigenden Form dargeboten.
Noch Beethoven verfuhr hierbei sehr vorsichtig: während er sich bestimmt fand, einen wirklichen Theatereffekt in der Mitte seiner "Leonoren''-Ouvertüre zu verwenden, wiederholte er, mit dem gebräuchlichen Wechsel der Tonarten, den ersten Teil des Tonstückes, ganz wie in einem Symphoniesatze, unbekümmert darum, daß der dramatisch anregende Verlauf des, der thematischen Ausarbeitung bestimmten, Mittelsatzes uns bereits zur Erwartung des Abschlusses geführt hat; für den empfänglichen Zuhörer ein offenbarer Nachteil.
Weit konziser und im dramatischen Sinne richtiger verfuhr dagegen bereits Weber in seiner "Freischütz''-Ouvertüre, in welcher der sogenannte Mittelsatz durch die drastische Steigerung des thematischen Konfliktes mit gedrängter Kürze sofort zur Konklusion führt. Finden wir nun auch in den, nach poetischen Programmen ausgeführten, größeren Werken der oben genannten neueren Tondichter die aus natürlichen Gründen unvertilgbaren Spuren der eigentlichen Symphoniesatzkonstruktion, so ist doch hier bereits in der Erfindung der Themen, ihrem Ausdrucke, sowie der Gegenüberstellung und Umbildung derselben, ein leidenschaftlicher und exzentrischer Charakter gegeben, wie ihn die reine symphonische Instrumentalmusik gänzlich fern von sich zu halten berufen schien, wogegen der Programmatiker sich einzig getrieben fühlte, gerade in dieser exzentrischen Charakteristik sich sehr präzis vernehmen zu lassen, da ihm immer eine dichterische Gestalt oder Gestaltung vorschwebte, die er nicht deutlich genug gleichsam vor das Auge stellen zu können glaubte.
Auflösung der Form
Führte diese Nötigung endlich bis zu vollständigen
Melodrammusiken, mit hinzuzudenkender pantomimischer Aktion, somit
folgerichtig auch zu instrumentalen Rezitativen, so konnte, während
das Entsetzen über die alles auflösende Formlosigkeit die kritische
Welt erfüllte, wohl nichts anderes mehr übrig bleiben, als die
neue Form des musikalischen Dramas selbst aus solchen Geburtswehen zutage
zu fördern. -
Diese ist nun mit der älteren Opernform ebensowenig
mehr zu vergleichen als die zu ihr überleitende neuere Instrumentalmusik
mit der unsren Tonsetzern unmöglich gewordenen klassischen Symphonie.
Versparen wir uns für jetzt noch die nähere
Beleuchtung jenes sogenannten "Musikdramas", und werfen wir für das
erste noch einen Blick auf die von dem bezeichneten Gebärungsprozesse
unberührt gebliebene "klassische" Instrumentalkomposition unsrer neuesten
Zeit, so finden wir, daß dieses "klassisch Geblieben" ein eitles
Vorgeben ist, und an der Seite unsrer großen klassischen Meister
uns ein sehr unerquickliches Mischgewächs von Gernwollen und Nichtkönnen
aufgepflanzt hat.
Zur neueren (romantischen) Instrumentalmusik
Die programmatische Instrumentalmusik, welche von"uns"
mit schüchternem Blicke und scheelem Auge angesehen wurde, brachte
so viel neues in der Harmonisation und theatralische, landschaftliche,
ja historienmalerische Effekte, und führte dies alles vermöge
einer ungemein virtuosen Instrumentationskunst mit so ergreifender Prägnanz
aus, daß, um in dem früheren klassischen Symphoniestil fortzufahren,
es leider an dem rechten Beethoven fehlte, der sich etwa schon zu helfen
gewusst hätte. Wir schwiegen.
Als wir endlich wieder den Mund symphonisch uns
aufzumachen getrauten, um zu zeigen, was wir denn doch auch noch zustande
zu bringen vermöchten, verfielen wir, sobald wir merkten, daß
wir garzu langweilig und schwülstig wurden, auf gar nichts anderes,
als uns mit ausgefallenen Federn der programmistischen Sturmvögel
auszuputzen.
Es ging und geht in unsren Symphonien und dergleichen
jetzt weltschmerzlich und katastrophös her; wir sind düster und
grimmig, dann wieder mutig und kühn; wir sehnen uns nach der Verwirklichung
von Jugendträumen; dämonische Hindernisse belästigen uns;
wir brüten, rasen wohl auch: da wird endlich dem Weltschmerz der Zahn
ausgerissen; nun lachen wir und zeigen humoristisch die gewonnene Weltzahnlücke,
tüchtig, derb, bieder ungarisch oder schottisch, - leider für
andere langweilig.
Ernstlich betrachtet: wir können nicht glauben,
daß der Instrumentalmusik durch die Schöpfungen ihrer neuesten
Meister eine gedeiliche Zukunft gewonnen worden ist; vor allem aber dürfte
es für uns schädlich werden; wenn wir diese Werke gedankenlos
der Hinterlassenschaft Beethovens anreihen, da wir im Gegenteile dazu angeleitet
werden sollten, das gänzlich Un-Beethovenische in ihnen uns
zu vergegenwärtigen, was allerdings in betreff der Unähnlichkeit
mit dem Beethovenschen Geiste, trotz der auch hier uns begegnenden Beethovenschen
Themen, nicht allzu schwer fallen dürfte, in betreff der Form aber
namentlich für die Zöglinge unsrer Konservatorien nicht leicht
sein kann, da diesen unter der Rubrik "ästhetischer Formen" nichts
wie verschiedene Namen von Komponisten zum Auswendiglernen gegeben werden,
womit sie für ihr Urteil sich ohne weiteren Vergleich dann werden
helfen müssen.
Zur (romantischen) Kammermusik
Die hier gemeinten Symphonienkompositionen unsrer
neuesten - sagen wir: romantisch klassischen - Schule, unterscheidet sich
von den Wildlingen der sogenannten Programmusik, außer dadurch, daß
sie uns selbst programmbedürftig erscheinen, besonders auch durch
die gewisse zähe Melodik, welche ihnen aus der von ihren Schöpfern
bisher still gepflegten, sogenannten" Kammermusik" zugeführt
wird. In die "Kammer- hatte man sich nämlich zurückgezogen; leider
aber nicht in das traute Stübchen, in welchem Beethoven atemlos lauschenden
wenigen Freunden alles das Unsägliche mitteilte, was er hier nur verstanden
wissen durfte, nicht aber dort in der weiten Saalhalle, wo er in großen
plastischen Zügen zum Volke, zur ganzen Menschheit sprechen zu müssen
glaubte: in dieser weihevollen ,Kammer'' war es bald still geworden; denn
die sogenannten "letzten" Quartette und Sonaten des Meisters' mußte
man so hören, wie man sie spielte, nämlich schlecht und am besten
- gar nicht, bis denn hierfür von gewissen verpönten Exzedenten
Rat geschafft wurde und man erfuhr, was jene Kammermusik eigentlich sage.
Verfremdete "Kammermusik"
Jene aber hatten ihre Kammer bereits in den Konzertsaal
verlegt: was vorher zu Quintetten und dergleichen hergerichtetgewesen war,
wurde nun als Symphonie serviert: kleinliches Melodienhäcksel, mit
Heu gemischtem vorgetrunkenem Tee zu vergleichen, von dem niemand weiß,
was er schlürft, aber unter der Firma "Echt'' endlich für den
vermeintlichen Genuß von Weltschmerz zubereitet.
Positive Programmatik - Landschaft
Im ganzen war aber die neuere Richtung auf das Exzentrische
(aus dem Rahmen fallend), nur durch programmatische Unterlegung zu Erklärende,
vorherrschend geblieben. Feinsinnig hatte Mendelssohn sich hierbei
durch Natureindrücke zurAusführung gewisser episch-landschaftlicher
Bilder bestimmen lassen: er war viel gereist und brachte manches mit, dem
andere nicht so leicht beikamen.
Negative Programmatik - Bilder
Neuerdings werden dagegen die Genrebilder unsrer
lokalen Gemäldeausstellungen glattweg in Musik gesetzt, um mit Hilfe
solcher Unterlagen absonderliche Instrumentaleffekte, die jetzt so leicht
herzustellen sind, und jederzeit überraschende Harmonisationen, durch
welche entwendete Melodien unkenntlich gemacht werden sollen, der Welt
als plastische Musik vorspielen zu lassen.
Zusammenfassung
Halten wir nun als Ergebnis der soeben angestellten
übersichtlichen Betrachtungen dieses eine fest: - die reine Instrumentalmusik
genügte sich nicht mehr in der gesetzmäßigen Form des klassischen
Symphoniesatzes, und suchte ihr namentlich durch dichterische Vorstellungen
leicht anzuregendes Vermögen in jeder Hinsicht auszudehnen; was hiergegen
reagierte, vermochte jene klassische Form nicht mehr lebensvoll zu erfüllen,
und sah sich genötigt, das ihr durchaus Fremde selbst in sie aufzunehmen
und dadurch sie zu entstellen. Führte jene erstere Richtung zum Gewinn
neuer Fähigkeiten, und deckte die gegen sie reagierende nur Unfähigkeiten
auf, so zeigte es sich, daß grenzenlose Verirrungen, welche den Geist
der Musik ernstlich zu schädigen drohten, von dem weiteren Verfolge
der Ausbeutung jener Fähigkeiten nur dadurch ferngehalten werden konnten,
daß diese Richtung selbst offen und unverhohlen sich dem Drama zuwandte.
Hier war das dort Unausgesprochene deutlich und bestimmt auszusprechen,
und dadurch zugleich die ,,Oper'' aus dem Banne ihrer unnatürlichen
Herkunft zu erlösen.
Neuer Weg
Und hier, im so zu nennenden "musikalischen"
Drama ist es nun, wo wir mit Besonnenheit klar und sicher über
die Anwendung neugewonnener Fähigkeiten der Musik zur Ausbildung edler,
unerschöpflich reicher Kunstformen uns Rechenschaft geben können.
Über die Einheit eines Kunstwerkes
Die ästhetische Wissenschaft hat zu jeder Zeit die Einheit als ein Haupterfordernis eines Kunstwerkes festgestellt. Auch diese abstrakte Einheit läßt sich dialektisch schwer definieren, und ihr falsches Verständnis führte schon zu großen Verirrungen. Am deutlichsten tritt sie uns dagegen aus dem vollendeten Kunstwerke selbst entgegen, weil sie es ist, die uns zu steter Teilnahme an demselben bestimmt und jederzeit seinen Gesamteindruck uns gegenwärtig erhält.
Unstreitig wird dieser Erfolg am vollkommensten durch das lebendig aufgeführte Drama erreicht, weshalb wir nicht anstehen, dieses als das vollendetste Kunstwerk gelten zu lassen.
Oper im herkömmlichen Sinne
Am entferntesten stand diesem Kunstwerke die Oper'', und dies vielleicht gerade aus dem Grunde, weil sie das Drama vorgab, dieses aber der musikalischen Arienform zuliebe in lauter unter sich unzusammenhängende Bruchstücke auflöste: es gibt in der Oper Musikstücke von kürzester Dauer, welche den Bau des Symphoniesatzes durch Vor- und Nachthema, Zurückkehr, Wiederholung und sogenannte "Coda'' in flüchtigster Zusammenstellung ausführen, so abgeschlossen, dann aber in gänzlicher Beziehungslosigkeit zu allen übrigen, ebenso konstruierten Musikstücken bleiben.
Vorbild: Bau einer Symphonie
Diesen Bau fanden wir dagegen im Symphoniesatze
zu so reicher Vollendung ausgebildet und erweitert, daß wir dem Meister
dieses Satzes von der kleinlich beengenden Form der Opernpiêce unmutig
sich abwenden sahen.
In diesem Symphoniesatze erkennen wir die gleiche Einheit, welche im vollendeten Drama so bestimmend auf uns wirkt, so wie dann den Verfall dieser Kunstform, sobald fremdartige Elemente, welche nicht in jene Einheit aufzunehmen waren, herangezogen wurden.
Aber undramatisch
Das ihr fremdartigste Element war das dramatische, welches zu seiner Entfaltung unendlich reicherer Formen bedarf, als sie auf der Basis des Symphoniesatzes, nämlich der Tanzmusik, naturgemäß sich darbieten können.
Verhältnis Drama - Symphonie; Synthese
Dennoch muß die neue Form der dramatischen
Musik, um wiederum als Musik ein Kunstwerk zu bilden, die Einheit des Symphoniesatzes
aufweisen, und dies erreicht sie, wenn sie, im innigsten Zusammenhange
mit demselben, über das ganze Drama sich erstreckt, nicht nur über
einzelne kleinere, willkürlich herausgehobene Teile desselben.
Diese Einheit gibt sich dann in einem das ganze Kunstwerk durchziehenden Gewebe von Grundthemen, welche sich, ähnlich wie im Symphoniesatze, gegenüberstehen, ergänzen, neu gestalten, trennen und verbinden: nur daß hier die ausgeführte und aufgeführte dramatische Handlung die Gesetze der Scheidungen und Verbindungen gibt, welche dort allerursprünglichst den Bewegungen des Tanzes entnommen waren.
Neue Art des Komponierens
-Über die neue Form des musikalischen Tonsatzes
in seiner Anwendung auf das Drama glaube ich in früheren Schriften
und Aufsätzen mich ausführlich genug kund gegeben zu haben, jedoch
ausführlich nur in dem Sinne, daß ich anderen mit hinreichender
Deutlichkeit den Weg gezeigt zu haben vermeinte, auf welchem zu einer gerechten
und zugleich nützlichen Beurteilung der durch meine eigenen künstlerischen
Arbeiten dem Drama abgewonnenen musikalischen Formen zu gelangen wäre.
Dieser Weg ist meines Wissens noch nicht beschritten
worden, und ich habe nur des einen meiner jüngeren Freunde zu gedenken,
der das Charakteristische der von ihm sogenannten "Leitmotive" mehr
ihrer dramatischen Bedeutsamkeit und Wirksamkeit nach, als (da dem Verfasser
die spezifische Musik fern lag) ihre Verwertung für den musikalischen
Satzbau in das Auge fallend. ausführlicher in Betrachtung nahm."
Gegen die Kritiker Wagners
Hiergegen hatte ich zu erleben, daß in unsren
Musikschulen der Abscheu vor der Verworrenheit meines musikalischen Satzes
gelehrt wurde, während anderseits dem Erfolge meiner Werke bei öffentlichen
Aufführungen, sowie der oberflächlichen Privatlektüre meiner
Partituren es zu verdanken ist, daß jüngere Komponisten in unverständiger
Weise es mir nachzumachen sich angelegen sein lassen.
Kritik am staatlichen Musikwesen
Da der Staat und die Gemeinde nur Un-Lehrer meiner
Kunst bezahlt, wie (um in der vermeintlich von mir beeinflußten Nähe
zu bleiben) z. B. in München den Professor Rheinberger , statt, wie
dies vielleicht in England und Amerika einmal geschehen dürfte, etwa
einen Lehrstuhl für sie zu errichten, so möchte ich mit dieser
vorliegenden kleineren Arbeit fast nur dazu beigetragen haben, die zuletzt
bezeichneten jüngeren Komponisten über das, was sie aus meinen
Werken lernen und nachahmen könnten, einigermaßen zurechtzuweisen.
Wagners Vorschläge zum Unterrichten
Wer bis dahin durch Anhörungen unsrer neuesten, romantisch-klassischen Instrumentalmusik ausgebildet ist, dem möchte ich nun, sobald er es mit der dramatischen Musik versuchen will, vor allem raten, nicht auf harmonische und instrumentale Effekte auszugehen, sondern zu jeder Wirkung dieser Art erst eine hinreichende Ursache abzuwarten, da die Effekte sonst nicht wirken. Berlioz konnte nicht tiefer gekränkt werden. als wenn man ihm Auswüchse jener Art auf Notenpapier gebracht, vorlegte und vermeinte, dies müsse ihm, dem Komponisten von Hexensabbathen und dergleichen besonders gefallen. Liszt fertigte ähnliche stupide Zumutungen mit dem Bemerken ab, daß Zigarrenasche und Sägespäne mit Scheidewasser angefeuchtet nicht gut als Gericht zu servieren wären."
Verhältnis- Lehrer- Schüler
Ich habe noch keinen jüngeren Komponisten kennengelernt,
der nicht vor allen Dingen von mir Sanktion von "Kühnheiten" zu erlangen
gedachte. Hiergegen mußte es mir nun recht auffällig werden,
daß die vorsichtige Anlage in betreff der Modulation und Instrumentation,
deren ich mich bei meinen Arbeiten mit zunehmender Aufmerksamkeit befleißigte,
gar keine Beachtung gefunden hat.
Behandlung der Harmonik
Es war mir z. B. in der Instrumentaleinleitung zu
dem ,Rheingold" sogar unmöglich, den Grundton zu verlassen, eben weil
ich keinen Grund dazu hatte, ihn zu verändern; ein großer Teil
der nicht unbewegten darauf folgenden Szene der Rheintöchter mit Alberich
durfte durch Herbeiziehung nur der allernächst verwandten Tonarten
ausgeführt werden, da das Leidenschaftliche hier erst noch in sei
primitivsten Naivität sich ausspricht.
Verbesserung Mozarts
Dagegen leugne ich nicht, daß ich dem ersten
Auftritte der Donna Anna, in höchster Leidenschaft den frevelhaften
Verführer Don Juan festhaltend, allerdings bereits ein stärkeres
Kolorit gegeben haben würde als Mozart nach der Konvention des Opernstiles
und seiner, erst durch ihn bereicherten Ausdrucksmittel es hierfür
angemessen hielt."'
Neue Stilmittel
Dort genügte jene besonnene Einfachheit, die
ich ebensowenig aufzugeben hatte, als die "Walküre'' mit einem Sturme,
der ,Siegfried-, mit einem Tonstück einzuleiten war, welches mit Erinnerung
an die in den vorangehenden Dramen plastisch gewonnenen Motive, uns in
die stumme Tiefe der Hortschmiede Nibelheims führt: hier lagen Elemente
vor, aus denen das Drama sich erst zu beleben hatte.
Ein anderes erforderte die Einleitung zu der
Nornenszene der "Götterdämmerung' ": hier verschlingen sich die
Schicksale der Urwelt selbst bis zu dem Seilgewebe, das wir bei der Eröffnung
der Bühne von den düsteren Schwestern geschwungen sehen müssen,
um seine Bedeutung zu verstehen: weshalb dieses Vorspiel nur kurz und spannend
vorbereitend sein durfte, wobei jedoch die Verwendung bereits aus den vorderen
Teilen des Werkes verständlich gewordener Motive eine reichere harmonische
und thematische Behandlung ermöglichte.
Anfänge von Musikdramen
Es ist aber wichtig, wie man anfängt. Hätte
ich eine Motivbildung wie diejenige, welche im zweiten Aufzuge der"Walküre"
zu Wotans Übergabe der Weltherrschaft an den Besitzer des Nibelungenhortes
sich vernehmen läßt":etwa in einer Ouvertüre vorgebracht,
so würde ich, nach meinen Begriffen von Deutlichkeit des Stiles, etwas
geradeswegs Unsinniges gemacht haben. Dagegen jetzt, nachdem im Verlaufe
des Dramas das einfache Naturmotiv` zu dem ersten Erglänzen des strahlenden
Rheingoldes, dann aber zur ersten Erscheinung der im Morgenrot erdämmernden
Götterburg,,Walhall das nicht minder einfache Motiv` vernommen worden
waren und jedes dieser Motive in eng verwachsener Teilnahme an den sich
steigernden Leidenschaften der Handlung die entsprechenden Wandlungen erfahren
hatte, konnte ich sie, mit Hilfe einer fremdartig ableitenden Harmonisation,
in der Weise verbunden vorführen, daß diese Tonerscheinung mehr
als Wotans Worte uns ein Bild der furchtbar verdüsterten Seele des
leidenden Gottes gewahren lassen sollte.
Behandlung starker Harmonik
Wiederum bin ich hierbei mir aber auch bewußt,
daß ich stets bemüht war, das an sich Grelle solcher musikalischen
Kombinationen nie als solches, etwa als besondere Kühnheit, auffällig
wirken zu lassen, sondern sowohl vorschriftlich als durch mögliche
mündliche Anleitung hierzu, sei es durch geeignete Zurückhaltung
des Zeitmaßes, oder durch vorbereitende dyriamische Ausgleichungen,
das Fremdartige dermaßen zu verdecken suchte, daß es wie mit
naturgemäßer Folgerichtigkeit auch als künstlerisches
Moment unsrer willigen
Empfindung sich bemächtigte wogegen mich begreiflicherweise
nichts mehr empört und demgemäß von fremden Aufführungen
meiner Musik fern hält, als die vorherrschende Gefühllosigkeit
unsrer meisten Dirigenten gegen die Anforderungen des Vortrages namentlich
solcher, mit großer Achtsamkeit zu behandelnder Kombinationen, welche,
im falschen hastigen Zeitmaße, ohne die unerläßliche
dynamische Vermittlung zu Gehör gebracht, meistens unverständlich,
unsren "Professoren- sogar greulich erklingen müssen.
Ergebnis
Diesem ausführlicher behandelten Beispiele, weiches ähnlich, nur noch in weit ausgebreiteteren Beziehungen, auf alle meine Dramen Anwendung findet und das Charakteristische der dramatischen, im Gegensatze zu der symphonistischen Motivenausbildung und Verwendung darbietet, lasse ich noch ein zweites verwandtes folgen, indem ich auf die Wandlungen des Motives der Rheintöchter, mit welchem diese in kindlicher Freude das glänzende Gold umjauchzen": aufmerksam mache.
Es dürfte dieses in mannigfaltig wechselndem Zusammenhange mit fast jedem andern Motive der weithin sich erstreckenden Bewegung des Dramas wieder auftauchende, ungemein einfache Thema durch alle die Veränderungen hin zu verfolgen sein, die es durch den verschiedenartigen Charakter seiner Wiederaufrufung erhält, um zu ersehen, welche Art von Variationen das Drama zu bilden imstande ist, und wie vollständig der Charakter dieser Variationen sich von dem jener figurativen, rhythmischen und harmonischen Veränderungen eines Themas unterscheidet, welche in unmittelbarer Aufeinanderfolge von unsren Meistern zu wechselvollen Bildern von oft berauschender kaleidoskopischer Wirkung aufgereiht wurden.
Diese Wirkung war sofort durch Störung der klassischen
Form des Variationensatzes aufgehoben, sobald fremde, vom Thema abliegende
Motive hineinverflochten wurden, womit etwas dem dramatischen Entwicklungsgange
Ähnliches der Gestaltung des Satzes sich bemächtigte und die
Reinheit, sagen wir: Ansichverständlichkeit des Tonstückes trübte.
Bedeutung eines Motivs fürs ganze Drama
Nicht aber das bloße kontrapunktische Spiel,
noch die phantasiereichste Figurations- oder erfinderischste Harmonisationskunst
konnte, ja durfte, ein Thema, indem es gerade immer wieder erkenntlich
bleibt, so charakteristisch umbilden und mit so durchaus mannigfaltigem,
gänzlich verändertem Ausdrucke vorführen, als wie es der
wahren dramatischen Kunst ganz natürlich ist. Und hierüber dürfte
eben eine genauere Betrachtung der Wiedererscheinungen jenes angezogenen
einfachen Motives der"Rheintöchter'' einen recht einsichtlichen Aufschluß
geben, sobald es durch alle Wechsel der Leidenschaften, in welchem sich
das ganze vierteilige Drama bewegt, bis zu Hagens Wachtgesang im ersten
Akte der,,Götterdämmerung'' hin verfolgt wird, woselbst es sich
dann in einer Gestalt zeigt, die es allerdings als Thema eines Symphoniesatzes
- mir wenigstens - ganz undenklich erscheinen läßt, trotzdem
es auch hier nur durch die Gesetze der Harmonie und Thematik besteht, jedoch
eben nur wiederum durch die Anwendung dieser Gesetze auf das Drama.
Das durch diese Anwendung hier Ermöglichte wiederum auf die Symphonie anwenden zu wollen, müßte demnach aber zum vollen Verderb derselben führen; denn hier würde sich als ein gesuchter Effekt ausnehmen, was dort eine wohlmotivierte Wirkung ist.
Es kann nicht meine Absicht sein, das, was ich in
früheren Schriften über die Anwendung der Musik auf das Drama
ausführlich gesagt habe, hier nochmals, wenn auch unter einem neuen
Gesichtspunkte betrachtet, zu wiederholen; vielmehr lag es mir hauptsächlich
nur daran, den Unterschied zwischen zwei Anwendungsarten der Musik zu zeigen,
aus deren Vermengung sowohl die Entstellung der einen Kunstart als das
falsche Urteil über die andere hervorgeht. Und dies dünkte mich
wichtig, um überhaupt zu einer, den großen Vorgängen auf
dem Entwicklungsgebiete der Musik - der einzig noch wahrhaft lebenden
und produktiven Kunst unsrer Zeit - entsprechenden ästhetischen Ansicht
zu gelangen; wogegen gerade in diesem Betreff noch die größte
Konfusion herrscht. Denn von den Gesetze der Bildung des Symphonien-, Sonaten-,
oder auch Ariensatzes ausgehend, gelangten wir bisher, sobald wir uns zurn
Drarna wendeten, nicht über den Opernstil hinaus, welcher den großen
Symphonisten in der Entfaltung seiner Fähigkeiten beengte; erstaunen
wir dann wieder über die Unbegrenztheit dieser Fähigkeiten, sobald
sie in richtiger Verwendung auf das Drama entfaltet werden, so verwirren
wir jene Gesetze, wenn wir die Ausbeute der musikalischen Neuerungen auf
dem dramatischen Gebiete auf die Symphonie usw. übertragen wollen.
Da, wie gesagt, hier es aber zu weit führen
würde, diese Neuerungen in ihrem verzweigten Zusammenhange darzustellen,
diese Arbeit auch füglich wohl einem andern als mir zukommen dürfte,
verweile ich schließlich nur noch bei dem
Nachweise des charakteristischen Unterschiedes, nicht nur der Umbildung
und Verwendung der Motive, - wie sie das Drama fordert, die Symphonie dagegen
sie nicht gestatten kann -
, sondern der ersten Bildung des Motives
selbst.
Im richtigen Sinne undenklich ist uns ein harmonisch
sehr auffallend moduliertes Grundmotiv eines Symphoniesatzes, namentlich
wenn es sogleich bei seinem ersten Auftreten sich in solcher verwirrenden
Ausstattung kundgäbe.
Das fast lediglich aus einem Gewebe so fern fortschreitender
Harmonien bestehende Motiv, welches der Komponist des ,Lohengrin"
als Schlußphrase eines ersten Ariosos der in selige Traumerinnerung
entrückten Elsa zuteilt, würde sich etwa im Andante einer Symphonie
sehr gesucht und unverständlich ausnehmen, wogegen es hier aber nicht
gesucht, sondern ganz von selbst sich gebend, daher auch so verständlich
erscheint, daß meines Wissens noch nie Klagen über das Gegenteil
aufgekommen sind.
Dies hat aber seinen Grund im szenischen Vorgange,
Elsa ist in sanfter Trauer, schüchtern gesenkten Hauptes langsam vorgeschritten:
ein einziger Aufblick ihres schwärmerisch verklärten Auges sagt
uns, was in ihr lebt. Hierum befragt, rneidet sie nichts anderes als ein
mit süßem Vertrauen erfüllendes Traumgebild: "mit züchtigem
Gebahren gab Tröstung er mir ein' - dies hatte uns jener Aufblick
etwa schon gesagt; nun schließt sie, kühn aus dem Traurne zur
Zuversicht, der Erfüllung in der Wirklichkeit fortschreitend, die
weitere Meldung an des Ritters will ich wahren, er soll mein Streiter sein
". Und hiermit kehrt die musikalische Phrase nach weiter Entrückung,
in den Ausgangsgrundton zurück.
Wirkung
Ein jüngerer Freund wunderte sich damals, als
ich ihm die Partitur zur Ausführung ein Klavierauszuges übersandt
hatte, höchlich über den Anblick dieser, in so wenigen Takten
so stark modulierenden Phrase, noch mehr dann aber darüber, daß,
als er der ersten Aufführung des "Lohengrin'' in Weimar beiwohnte,
dieselbe Phrase ihm ganz natürlich vorgekommen war, was jedenfalls
auch Liszts musikalische Direktion vermittelt hatte, der aus dem hastig
überblickten Augengespenst durch den richtigen Vortrag eine wohlgebildete
Tongestalt modeliert hatte.
Urteil des Publikums
Es scheint, daß schon jetzt einen sehr großen
Teil des Publikums manches, ja fast alles in meinen dramatischen Musiken
durchaus natürlich dünkt und demnach gefällt, worüber
unsre -Professoren- noch Zeter schreien, Würden diese mich auf einen
ihrer heiligen Lehrstühle setzen, so dürften sie dagegen vielleicht
in noch größere Verwunderung geraten, wenn sie wahrnähmen,
vvelche Vorsicht und Mäßigung in der Anwendung, namentlich auch
harmonischer Effektmittel, ich ihren Schülern anempfehlen würde,
da ich diesen als erste Regel aufzustellen hätte, nie eine Tonart
zu verlassen, so lange als, was sie zu sagen haben, in dieser noch zu sagen
ist. Würde diese Regel dann befolgt, so bekämen wir vielleicht
wieder einmal Symphonien u. dgl. zu hören, über welche sich wiederum
auch etwas sagen ließe, vvährend über unsre neuesten Symphonien
sich eben gar nichts sagen läßt. Weshalb ich hiermit auch schweige,
bis ich etwa einmal an ein Konservatorium berufen werde, - nur nicht als
"Professor".