Sein Vater, der Polizeiaktuar Carl Friedrich Wilhelm W. (17.6. 1770 - 23. 11.1813 zu Leipzig) starb, als W., das jüngste von 8 Geschwistern, kaum ein halbes Jahr alt war. Seine Mutter, Johanna Rosins Pätz oder Beetz (*10.9.1778 zu Weißenfels, t 9.1. 1848 zu Leipzig), deren Heirat mit C. Fr. W. W. am 2.6.1798 zu Großpötelwitz bei Zeitz stattfand, heiratete in 2. Ehe am 28. 8.1814 in Dresden den Porträtmaler, Schauspieler und Lustspieldichter Ludwig Geyer (*21.1.1780 zu Eisleben, t 30.8. 1821 zu Dresden).
Die Möglichkeit, daß Geyer W.s leiblicher Vater war, ist nicht ausgeschlossen, zumal W. selbst in einem Brief vom 14.1.1870 dieser Meinung zuneigt. W. schrieb diesen Brief an seine Stiefschwester Cäcilie Geyer in Leipzig ,nachdem sie ihm den Briefwechsel zwischen seiner Mutter und Geyer Weihnachten 1869 zugänglich gemacht hatte.
W. wuchs nun in Dresden auf, wo er (unter
dem Namen Wilhelm Richard Geyer) 1822-27 die Kreuzschule besuchte und vielfache,
befruchtende Anregung für seine Talente fand. Seine Beziehungen zur
Musik waren zunächst nur oberflächlicher Art, da seine Neigung
sich zuerst der Dichtkunst zuwandte; lange trug er sich mit dem Gedanken,
eine große Tragödie im Stil Shakespeares zu schreiben. Erst
nachdem seine Mutter 1827 wieder nach Leipzig übergesiedelt war, wo
seine Schwester Rosalie (* 4. 3. 1803 und t 12. 10. 1837 zu Leipzig, vermähltmit
0. Marbach) am Stadttheater als Schauspielerin wirkte, fing die Musik an,
ihn stärker zu fesseln. Er absolvierte das Gymnasium, erhielt damals
Violinunterricht von R. Sipp (t 21. 12. 1899) und Klavierunterricht von
dem Organisten Chr. G. Müller und trieb, während er als Studiosus
musicae an der Universität inskribiert war, geregelte Kontrapunktstudien
unter dem Thomaskantor
Th. Weinlig.
W.s früheste Kompositionen
sind in keiner Beziehung außerordentlich, aber für den, der
den Meister aus seinen späteren Werken kennt, fesselnd durch einzelne
individuelle Züge melodischer wie harmonischer Beziehung sowie durch
die ganze Art, wie er schon hier mit den elementaren Mitteln der Tonkunst
umzugehen anfing.
Zu W.s frühesten Werken
gehören: 2Klaviersonaten, Klavierstücke (Polonaise 4händig,
Fantasia), 4 Ouvertüren, eine Symphonie, Fragmente einer Oper Die
Hochzeit (1832).
Seinen Leipziger Aufenthalt
unterbrach W. durch Reisen nach Brünn, Wien und Teplitz sowie durch
eine kurze Tätigkeit als Korrepetitor in Würzburg (1833), die
ihm sein Bruder Albert (Vater der Johanna Jachmann-W.) vermittelt
hatte. In Würzburg entstand auch seine erste vollständige Oper
Die
Feen (nach Gozzis »Die Frau als Schlange), die er indes vergebens
in Leipzig anbot. 1834 wurde er Musikdirektor am Magdeburger Stadttheater;
dort schrieb er neben einer NeujahrsKantate und einer Ouvertüre
Christoph Columbus seine zweite Oper, Das Liebesverbot (nach
Shakespeares »Maß für Maß", die 1836 schlecht vorbereitet
mit nur geringem Erfolg einmal in Szene ging. Da gleich darauf die Operntruppe
aufgelöst wurde, folgte W., der sich in Magdeburg mit der Schauspielerin
Minna Planer (* 5. 9. 1809 zu Oederan, t 24. 1. 1866 zu Dresden, Heirat
mit W. am 24. 11. 1836, geschieden 1861) verlobt hatte, dieser nach Königsberg,
wo sie an das Stadttheater verpflichtet worden war, und wurde nach längerem
Warten Musikdirektor am Theater, eine Tätigkeit, die schon nach ein
paar Monaten durch den Bankrott der Direktion ihr Ende erreichte.
Im Herbst 1837 übernahm W. die
Kapellmeisterstelle an dem unter Holtei neueröffneten Theater in Riga;
er dirigierte dort auch Abonnementskonzerte, in denen er 2 Ouvertüren
eigener Komposition aufführte. Im Januar 1839 '(als Holtei plötzlich
die Direktion aufgab) wurde W. wieder stellungslos.
Verschuldet floh er heimlich und gelangte
mit seiner Frau auf dem Seewege über London nach Paris. Hier begann
eine schwere Zeit für ihn, und er sah sich, um leben zu können,
gezwungen, musikalische Handlangerdienste zu tun, allerlei Arrangements
untergeordneter Art für Musikverleger zu machen, französische
Romanzen zu komponieren und für die Tagespresse zu schreiben (zum
Teil unter Pseudonymen). Die Bearbeitung des Klavierauszugs von Halvys
»La reine de Chypre« war der Abschluß dieser Beschäftigung.
Indes war dieser dreijährige Aufenthalt in Paris (1839-42) doch im
höchsten Grade fruchtbringend, da W. Gelegenheit hatte, die ausgezeichneten
Leistungen der Pariser Großen Oper zu studieren und die Werke mancher
Meister der symphonischen und dramatischen Komposition in vollendeter Wiedergabe
zu hören. In Paris, wo er u. a. auch mit Berlioz und Liszt bekannt
wurde, hatte W. neben seinen Arrangements Eine Faustouvertüre geschrieben,
den bereits in Riga begonnenen Rienzi beendet und den Fliegenden
Holländer gedichtet und komponiert, wozu ihn die stürmische
Seefahrt von Riga nach London angeregt hatte. Rienzi war in Dresden,
der Fliegende Holländer auf Meyerbeers Empfehluilg in Berlin
zur Aufführung angenommen, und W. ging seinen ersten Triumphen entgegen,
als er im April 1842 die Rückreise nach Deutschland antrat. Die Mittel
zur Reise hatte er sich durch den obenenannten Klavierauszug und durch
den Verkauf es Textbuches Der Fliegende Holländer an die Pariser
Große Oper erworben; diese brachte nicht lange darauf eine französische
Bearbeitung der Dichtung durch P. Foucher und H. R6voil mit Musik von P.
L. P. Dietsch auf die Bühne (»Le vaisseau-fantóme«).
Die erste Aufführung der Oper Cola Rienzi, der letzte der Tribunen
fand
in Dresden am 20. 10. 1842 unter G. Reißiger statt. Der Erfolg veranlaßte
W., die Partitur des Fliegenden Holländer
von Berlin, wo die
Oper vermutlich noch längere Zeit liegen geblieben wäre, zurückzufordern,
und so ging am 2. 1. 1843 auch der Fliegende Holländer zuerst
in Dresden in Szene.
Inzwischen war W. durch Vermittlung
seines Freundes, des Chordirektors Chr. W. Fischer, zum Königlich
Sächsischen Kapellmeister an der Dresdner Oper ernannt worden. Der
Eindruck des Fliegenden Holländer war - nicht auf das große
Publikum, aber auf die Kenner - außerordentlich. - In Dresden entfaltete
W. eine eifrige Tätigkeit. Als Dirigent stieg er schnell zu großem
Ansehen, u. a. durch die Aufführung Gluckscher Opern. Als besondere
Tat des Dirigenten W. ist die Aufführung von Beethovens IX. Symphonie
zu nennen (1846).
1843/44 schrieb W. den Tannhäuser,
der
am 19.10.1845 in Dresden zuerst in Szene ging, 1846-48 den Lohengrin.
Damals
war er auch schon mit der Dichtung der Meistersinger und mit der
Bearbeitung des Siegfried- und Nibelungenstoffes beschäftigt. In die
Dresdner Zeit fällt auch die Komposition der »biblischen Szene«
Das Liebesmahl der Apostel (für Männerstimmen und Orch.)
und die Bearbeitung von Glucks »Iphigenie in Aulis«. Bei der
Beisetzung der von London nach Dresden übergeführten Gebeine
C. M. von Webers (1844) hielt W. die Trauerrede und komponierte einen Trauermarsch
für 75 Bläser und 20 gedeckte Trommeln (nach Motiven der
Euryanthe) und einen selbstgedichteten Chor An Webers Grabe. Die
Unruhen des Jahres 1848 zogen auch W. in ihre Kreise. Er hatte Verkehr
mit M. A. Bakunin und A. Röckel, für dessen revolutionäre
Volksblätter er Artikel schrieb, und verteilte Flugblätter beim
Dresdner Maiaufstand 1849.
Das Scheitern dieses Aufstands zwang auch W., der vorher schon durch die Nichtbeachtung seines Entwurfs zur Organisation eines deutschen Nationaltheaters für das Königreich Sachsen (1848) enttäuscht war, zur Flucht. Er begab sich zunächst zu Liszt nach Weimar und Jena, dann nach Zürich und Paris und kehrte nach Zürich zurück, wo er bis 1858 blieb. Hier erfolgte eine künstlerische Selbstbesinnung, die von großer Tragweite für sein weiteres Schaffen war. Er verfaßte und veröffentlichte u. a. die Schriften Die Kunst und die Revolution (1849), Das Kunstwerk der Zukunft (1850), Oper und Drama (1851), Eine Mitteilung an meine Freunde (1852). Auch der vollständige Text des Ring des Nibelungen erschien in der Züricher Zeit. -
Der Lohengrin wurde durch Liszt am 28.
8.1850 in Weimar zum ersten Mal aufgeführt; W. verdankte Liszt auch,
daß der Tannhäuser bereits 1853 auf mehreren deutschen Bühnen
gegeben wurde. 1855 wurde W. nach London berufen, um während einer
Saison die Philharmonische Gesellschaft zu dirigieren. 1858 verließ
er sein Asyl bei Zürich, wo er, verstrickt in ein Liebeserlebnis mit
Mathilde Wesendonk, der Frau seines Freundes, des Großkaufmanns Otto
Wesendonk, nicht mehr bleiben konnte. Es entstanden Fünf Gedichte
für eine Singstimme Texte von M. Wesendonk>, deren Musik der Träume
später in das Liebesduett des 2. Aktes, die des Im Treibhaus in das
Vorspiel zum 3. Akt des Tristan überging.
W. wandte sich zunächst nach Venedig,
dann nach Luzern, wo er den Tristan beendete (8.8.1859). 1860 besuchte
er Paris und Brüssel, um für seine Werke zu werben; doch kosteten
ihn drei in der Salle Ventadour veranstaltete Konzerte etwa 10000 Franken.
Die Aufführung des neubearbeiteten Tannhäuser am 13.3. 1861 in
der Pariser Großen Oper, die Napoleon III. selbst befahl, stieß
auf lärmende Opposition einer Clique, so daß W. nach der 3.
Aufführung das Werk zurückziehen mußte. Unterdessen war
W. amnestiert worden und wandte sich von Paris aus nach Deutschland, zunächst
nach Karlsruhe und Wien, wo er am 31.5. 1861 zum ersten Mal seinen Lohengrin
hörte. In beiden Städten war Tristan und Isolde zur Aufführung
angenommen worden, jedoch verzögerte sich die Inszenierung. 1862 weilte
W. in Biebrich, wohin ihn die Nähe seines Verlegers Schott geführt
hatte, beschäftigtt mit der Komposition der
Meistersinger, die durch eine Konzertreise
nach Prag, St.Petersburg
und Budapest unterbrochen, 1863
in Wien fortgesetzt wurde.
Die Erfüllung sener kühnsten
Träume winkte ihm, als 1864 König Ludwig II. von Bayern, der
soeben den Thron bestiegen hatte, ihn nach München einlud und ihm
unbegrenzte Gastfreundschaft erwies. Auf W.s Veranlassung wurde sein Schüler
H. v. Bülow 1865 nach München berufen, zunächst als Hofpianist,
1867 aber als Direktor der nach W.s Vorschlägen zu reformierenden
Königlichen Muikschule und als Hoftheaterkapellmeister. Tristan und
Isolde ging arn 10.6.1865 unter Bülow zum ersten Mal in Szene. Bald
darauf verließ aber W. München, einer Opposition weichend, die
nicht nur aus Banausen bestand, sondern auch aus Männern, die mit
Grund um die Finanzen der kranken Kabinettskasse besorgt waren.
Er ging nach Tribschen bei Luzern, wo
er die Meistersinger beendete und die Komposition
des Rings weiterführte. Schon in München bestanden intime
Beziehungen zwischen W. und Bülows Frau Cosima, der Tochter Liszts
(*25.12.1837 zu Bellassio, ~ 1.4. 1930 zu Bayreuth). Cosima folgte W. nach
Tribschen, wo am 6.6.1869 der Sohn Siegfried geboren wurde. Die Ehe Bülows
wurde am 18.7.1870 getrennt, W. und Cosima heirateten am 25. 8.1870.
- Am 21.6.1868 wurden Die Meistersinger
von Nürnberg in München zum ersten Mal aufgeführt. Vom
Ring
war das Vorspiel Rheingo!d bereits 1853/54 komponiert, die Walküre
185~56, Siegfried wurde 1869 beendet. Mit der Komposition der
Götterdammerung begann W. 1869. Das Rheingold
kam in
München am 22. 9.1869, die Walküre am 26.6.1870 zur ersten
Aufführung. Das für Cosima geschriebene Siegfried-Idyll
(für
kleines Orchester) wurde von W. zu ihrem Geburtstag am 25.12.1870 auf der
Haustreppe des Tribschener Landhauses zuerst aufgeführt.
In die Jahre 1869 bis 1870 fallen auch
jene schicksalhaften Begegnungen, die Fr. Nietzsche, damals Professor an
der Universität Basel, mit W. und Cosima in Tribschen hatte. Nietzsche
war zum ersten Mal Anfang November 1868 in Leipzig W. persönlich begegnet
und zwar im Hause des Sanskrit-Forschers Brockhaus, der mit W.s Schwester
Ottihe verheiratet war. Hierbei wurde Nietzsche von W. nach Tribschen eingeladen
und ist dann von Basel aus 23 Mal dort bei W. und Cosima zu Besuch gewesen.
Die Begegnungen und Auseinandersetzungen zwischen W., Cosima und Nietzsche
gehören der europäischen Geistesgeschichte, in mancher Hinsicht
der Weltgeschichte an. Noch in den späteren Jahren schmerzlicher gegenseitiger
Entfremdung wußte sich Nietzsche in einer ~Sternenfreundschaft~ mit
W. verbunden.
- Am 22.4.1872 übersiedelte W.
erwartungsvoll nach Bayreuth, das er sich als Stätte des nationalen
Theaters ausersehen hatte; zu Pfingsten 1872 erfolgte die Grundsteinlegung
des Festspielhauses unter lebhafter Beteiligung von Freunden (und Gegnern)
Wagnerscher Musik. Eine Aufführung von Beethovens IX.Symphonie -im
Orchester saßen prominente Künstler, - H. Richter schlug die
Pauken - bildete den würdigen Mittelpunkt der Feier. Endlich war es
durch die rastlose Tätigkeit der Wagner-Vereine (E. Heckel), durch
einen hohen Kredit, den König Ludwig gewährte, und durch die
eigene Sammeltätigkeit W.s gelungen, die für das Unternehmen
erforderlichen Geldmittel (etwa 900000 Mark) aufzubringen. Nachdem auch
die Komposition der Götterdämmerung 1874 abgeschlossen
war, fanden vom 13. bis 30. 8.1876 die ersten drei Aufführungen des
vollständigen Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen unter
der Leitung von H. Richter in Gegenwart Kaiser Wilhelms 1., König
Ludwigs II. und einer Auslese von Künstlern aller
Nationen statt. W.s letztes Werk war das Bühnenweihfestspiel Parsifal,
dessen
erste Aufführung noch bei Lebzeiten W.s H. Levi am 26.7.1882
dirigierte. Der Parsifal wurde, solange er geschützt war bis
1913), nur in Bayreuth aufgeführt. W.s Erben haben von der ursprünglichen
Festspielidee des Meisters, die allgemeiner gedacht und nicht allein auf
die Pflege seiner eigenen Werke berechnet war, Abstand genommen, und Bayreuth
ist ausschließlich ein Wagnertheater geblieben. 1883 bildete sich
ein allgemeiner Richard-WagnerVerein.
- Bis in die Bayreuther Zeit hinein
setzte W. seine schriftstellerische Tätigkeit fort. Nach den Zürcher
Schriften schrieb er u. a.: Zukunftsmusik (1860); Ober Staat
und Religion (1864); Über das Dirigieren (1869); Beethoven
(1870);
Zum Vortrag der IX. Sytnphonie Beethovens (1873); Religion und
Kunst (1880/81).
W. ist der größte dramatische
Komponist des 19. Jh., zugleich ein Dichter von genialer und großartiger
Konzeption und ein faszinierender Schriftsteller. Seine künstlerische
Entwicklung verläuft konsequent von Werk zu Werk. Man überschaut
sie nur oberflächlich, wenn man sich an die herkömmliche Einteilung
in drei Perioden hält.
Danach umfaßt die 1. Periode
die Jugendwerke bis zum Rienzi einschließlich. Im Rienzi,
der
noch von Meyerbeer und überhaupt von den Traditionen der Pariser heroischen
Oper beeinflußt ist, wird das Ideal der Großen Oper zugleich
erfüllt und abgetan, jedoch nicht so radikal, daß sich in späteren
Werken jede Spur verloren hätte.
Die 2. Periode bezeichnet die Zeit
vom Holländer bis zum Lohengrin, die Erfüllung
und Vollendung der romantischen Oper in der Linie Webers und Marschners.
Zwar ist der Holländer noch Nummernoper, dennoch war die musikalische
Einheit dieser großen dramatischen Ballade die fast ganz aus ihrem
Kernstück, der Ballade Sentas, herauswächst und dem Orchester
gesteigerte Aufgaben stellt, etwas Neues. Hier tritt schon das dramatische
Motiv der »Erlösung« hervor, das gegenüber dem christlichen
Glauben weltanschaulich säkularisiert ist und bis zum Parsifal,
vielfach
abgewandelt, für W. charakteristisch bleibt.
In der 3. Periode vom Rheingold
bis
zum Parsifal manifestiert sich, so deutlich es überhaupt geht,
die Idee des »Gesamtkunstwerks«, d. h. des Kunstwerks, in dem
sich alle Künste zur Darstellung des Dramas vereinigen. Die Vereinigung
bezieht sich vor allem auf Dichtkunst und Musik. Musikalische Qualitäten,
sogar Anzeichen der musikalischen Konzeption, sind schon im geformten Text
und seiner Sprache (und zwar bereits im Holländer, Tannhäuser
und Lohengrin) wahrzunehmen; Qualitäten der Sprache, des
poetischen Ausdrucks, der dramatischen Bewegung formen mit den die Kantilene
bewahrenden »Sprechgesang« W.s und den orchestralen Part. Der
Konzentrationspunkt von Dichtung und Musik liegt bei W. in der Anschauung
der theatralischen Szene. Die zentralen Begriffe, die W. selbst zum musikalischen
Verständnis seiner Werke gab, sind »Unendliche Melodie«
und >Absolute Melodie«. Sie beziehen sich nicht nur auf die Werke
der 3., sondem auch bereits - wenngleich nicht durchgängig- auf Werke
der 2.Periode. Unendliche Melodie ist nach W. die Form, in der der Musiker
das Unaussprechliche sagt das der Dichter verschweigt (vgl. u. a. Zukunftsmusik,
Gesammelte Schriften und Dichtungen VII, 130). Absolute Melodie ist
sowohl die Melodie, die sich von der Metrik (\V. sagt der »Tanzmusik")
entfemt (vgl. u. a. Eine Mitteilung an meine Freunde, IV, 325),
als auch die rnelodische Durchdringung »jeder Stimme der Begleitung,
jeder rhythmischen Note, ja selbst der Pause« (vgl. u. a. Beethoven,
IX,
Beide Begriffe sind auf die Arbeit des
Symphonikers genmünzt und auf sein »Werkzeug«, das Orchester.
Beide schließen die Harmonie, und die Harmonie schließt wiederum
die Instrumentation mit ein. - Dem Orchester sind die »Bewegung,
Gestaltung und Veränderung der musikalischen Motive« (W.) anvertraut.
Dieser Vorgang ist nach W. dem Drama verwandt und weist auf die Idee des
Dramas hin. Die Kunst der motivischen Entwicklung und Verwandlung hat sich
am Vorbild Beethovenscher Durchführungstechnik entzündet. Das
symphonische Orchester kommentiert das Innere, die geheimste Gefühlsseite
der sichtbaren Handlung. Die Möglichkeit dieser Kommentierung fand
W. in der grundsätzlichen Anwendung des Leitmotivs, zu dem er das
ältere Erinnerungsmotiv gesteigert und verfeinert hat; diese mit so
wunderbarer Prägnanz erfundenen und reiche Entwicklungsmöglichkeiten
bergenden Motive erfahren im Verlauf des Dramas eine intensive Verdichtung
und ergeben eine Ausdruckskraft von höchster Deutlichkeit. Im Hinblick
auf die überragende Rolle, die das symphonische Orchester spielt,
in das die solistischen wie chorischen Gesangstimmen hineinsingen, ohne
zugedeckt zu werden, kann rnan im besonderen die Werke der 3. Periode als
»Symphonische Oper« bezeichnen (A. Einstein sagt »Orchesteroper").
- Die Werke der höchsten Musik-
und Lebensfülle sind Tristan und Die Meistersinger. Im Tristan
vollenden sich W.s Melodik und Harmonik als Kunst der fließenden
Übergänge und Farben (E. Kurth). Ein Problem bleibt die musikalische
Gliederung (W. sagt »Periodengerüst«). Es wurde versucht,
diesem Problem mit einem erweiterten Begriff der Barform beizukommen (A.
Lorenz). Die Instrumentation zeigt ihre glänzendste koloristische
und ihre subtilste poetische Wirkung im Ring. Der Tristan öffnet mit
der chromatischen Tonleiter »als Grundlage aller Linien und Stränge"
(P. Hindemith, Unterweisung im Tonsatz 1, Mainz 1937,69) eine neue Tonwelt,
die ihre Herrschaft allenthalben erst in unserem Jahrhundert bekundet.
So aufschlußreich die Schriften
W.s für das Verständnis seiner künstlerischen Ideen und
seiner eigenen Werke sind, so vorsichtig muß man bei den in ihnen
wie auch in seinen Briefen und in der Autobiograplüe enthaltenen Urteilen
über andere Musiker (z. B. Meyerbeer, die französische und italienische
Oper) sein. Das gilt auch für seine Äußerungen über
Beethoven; romantische Apotheose und verkappte Selbstdarstellung stehen
hier neben tiefen Einsichten und sachlicher Behandlung von Einzelfragen,
z. B. der Instrumentation. Freundschaftlich etwas überbelichtet erscheinen
seine Bemerkungen über Fr. Liszts symphonische Dichtungen und H. v.
Bülow gegenüber (Brief vom 7. 10. 1859) die Bemerkung über
den Einfluß Liszts auf W. selbst als Harmoniker. Ihren besonderen
Charakter aber erhalten die Schriften, die Autobiographie und viele Briefe
dadurch, daß die Urteile über Geschichte, alle Lebensbereiche,
Gesellschaft, Staat, Religion bezogen sind auf den Künstler W. und
seine Selbstdarstellung. Es entsteht im Schrifttum W.s ein Mythos der Kunst
mit einem riesigen und bunten ideologischen Vorspann, angeführt von
Rousseaus Theologie der guten Natur, im Gefolge Ideen Herders, Comtes,
Proudhons, der Junghegelianer, der Sozialisten und Revolutionäre von
1848, L. Feuerhachs, besonders aber nach 1854 Schopenhauers, schließlich
auch pervertierte christliche Dogmen.
Dieser Mythos der Kunst, der auch das
Pathos der Wagnerschen Musik mitbestimmt, ist der eigentliche Gegenstand
des Bayreuther Kultes (der bis in den intimen Freundes- und Familienkreis
W.s hineindrang), der anfänglichen Verehrung und der späteren
Entfremdung Nietzsches, des Wagnerismus französischer Literaten und
Dichter (Schure, Gobineau, Baudelaire, Verlaine, Mallarme, und der Symbolisten).
Indes errang die MusikW.s
wohl erst von den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jh. an Weltgeltung.
A. Musikalische Werke (soweit erhalten):
I Opern und Musikdramen
(Text stets vom Komponisten):
Die Hochzeit (Introduktion,
Chor und Septett, 1832);
Die Feen, nach
Gozzis »La donna serpente< (1833/34);
Das Liebesverbot
oder
Die Novize von Palermo, nach
Shakespeares »Measure for Measure« (1835/36);
Rienzi, der letzte
der Tribunen. Große tragische Oper in 5 Akten, nach Buiwer (183840);
Der fliegende Holländer
(1841);
Tannhäuser
und der Sängerkrieg auf Wartburg (1843/44);
Lohengrin (184648);
Der Ring des Nibelungen.
Ein Bühnenfestspiel
Vorabend: Das Rheingold
(1853/54);
Erster Tag: Die
Walküre (185~56);
Zweiter Tag: Siegfried
(185&69);
Dritter Tag: Götterdämmerung
(1869-74);
Tristan und Isolde
(1857-59);
Die Meistersinger
von Nürnberg (1862~7);
Parsifal. Ein Bühnenweihfeststsiel
(1877~2).
11. Chorwerke: Neujahrs-Kantate
für
gern. Chor und Orch., Text v. W. Schsnale (1835);
Nitolai, Volkshynsne
für eine Solost., Chor u. Orch., Text v. H. v. Brackel (1837);
Descente de Ja
Courtille
für Chor und Orch. zu dem gleichnamigen Vaudeville von
Dumanoir (1840);
Weihegruß
für
Männer-chor (1843);
Das Lietesmahl
der Apostel. Eine biblische Szene für Männerstimmen und Orch.
(1843);
Gruß seiner
Trenen an Friedrich August den Geliebten für Männerchor (1844);
Trauermarsch
für Bläser und Trommeln und
Gesang »An
Webers Grabe« für Männerchor (1844).
ffi. Orchesterwerke:
Paukenschlag-Ouvertüre
B dur (1830);
Konzert-Ouvertüre
D moll (1831);
Ouvertüre und
ScMußmusik zu Raupachs Trauer-spiel König Enzio (1832>;
Große Konzertouvertüre Cdur(1832);
Symphonie C dur (1832);
Ouverture Polonia
(183~36>;
Symphonie E dur (nur
Allegro vollständig, 1834);
Christoph Golumbus,
Ouvertüre
zu dem gleichnamigen Sclsawpiel von ,Iii. Apel (1835);
Ouvertüre Rule
Britannia (1837);
Eine Faustouvertüre
(1840,
umgearbeitet 1855);
Huldigungsmarsch
(1864);
Sieg fried~Idyll
für
kleines Oreh. (1870);
Großer Festmarsch
zur Eröffnung der huiufrrtjährigen Gedenkfrier der UnabhängigkeitsErklärung
der Vereinigten Staaten von Nordamerika
(1876).
Iv. Lieder: Sieben
Kompositionen zu Goetlses »Faust<, op. 5 (1832):
1. Lied der Soldaten
»Burgen mit hohen Zinnen<,
2. Bauern unter
der Lituje »Der Schafer putzte sich zum Tanz< (Duett mit Chor),
3. Branderss Lied
»Es war eine Ratt im Kellernest<,
4. Lied &s
Meshistopheles »Es war einmal ein König<,
5. Gesang Gretchens
»Meine Ruh' ist hin<, 6. Mel~ ~um Gretchens »Ach neige,
du Schmerzensreid,e<;
Der Tannenbaum
(Scheuerlin, 1838); Les deux grenadiers (Heine; 1839/40>; Vier
französische Romanzen (1840)
B. Literarische Werke (Auswahl): 1. Schriften:
Ein deutscher Musiker
in Paris. Novellen (1840/41);
Der Freischütz,
An das Pariser Publikum (1841);
Halévy und
die französische Oper (1842);
Auto-biographische
Skizze (1842);
Mendelssohns »Paulus«
(1843);
Die Königliche
Kapelle betreffend (1846);
Bericht über
die Aufführung der neunten Symphonie von Beethoven (1846); Entwurfzur
Organisation eines deutschen Nationaltheaters für das Königreich
Sachsen (1848).
Die Wibelungen;
Weltgeschichte aus der Sage (1848);
Die Kunst und die
Revolution (1849);
Das Kunstwerk der
Zukunft (1850);
Kunst und Klima
(1850);
Das Judentum in
der Musik (1850);
Oper und Drama
(1851);
Eine Mitteilung
an meine Freunde (1852);
Zukunftsmusik (1860);
Bericht über
die Aufführung des Tannhäuser in Paris (1861>;
Das Wiener Hof-Operntheater
(1863>;
Über Staat
und Religion (1864);
Bericht an Seine
Majestät den König Ludwig IL von Bayern über eine in München
zu errichtende deutsche Musikschule (1865);
Was ist deutsch?
(1865);
Deutsche Kunst
und deutsche Politik (1868);
Zensuren (1867);
Über das Dirigieren
(1869);
Beethoven (1870);
Mein Leben (1870);
Uber die Bestimmun'g
der Oper (1871);
Erinnerungen an
Auber (1871);
uber Schauspieler
und Sänger (1872);
Zum Vortrag der
neunten Symphonie Beethovens (1873>;
Bayreuth (1873>;
Modern (1878>;
Publikum und Popularität
(1878);
Das Publikum in
Zeit und Raum (1878);
Religion und Kunst
(1880/81).
Eine Reihe seiner
Schriften versah W. mit z.T. umfangreichen Nachträgen und Ergänzungen.
II. Dichtungen (mit Ausnahme der Texte zu den von W. komponierten Operrs und Musikdramen>:
Leubald, ein Trauerspiel
(18~28>;
Die hohe Braut
oder Bianca und Giuseppe (1837, komponiert 1848 von J. Fr. Kittl unter
dem Titel »Die Franzosen vor Nizza<>;
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