Gegen Richard Wagner wurde der folgende Steckbrief erlassen:

Steckbrief.

Der unten etwas näher bezeichnete KönigL Capellmeister

Richard Wagner von hier ist wegen wesentlicher Theilnahme an der in hiesiger Stadt stattgefundenen aufrührerischen Bewegung zur Untersuchung zu ziehen, zur Zeit aber nicht zu erlangen gewesen. Es werden daher alle Polizeibehörden auf denselben aufmerksam gemacht und ersucht, Wagner im Betretungsfalle zu verhaften und davon uns schleunigst Nachricht zu ertheilen.

Dresden, den 16. Mai I849.
Die Stadt-Polizei-Deputation.          von Oppell.

                    Wagner ist 37—38 Jahre alt, mittlerer Statur,
                      hat braunes Haar und trägt eine Brille.

Am 22. Mai machte der Illegale einen Marsch von sechs Stunden, um nach Jena zu gelangen, wo er Minna im Hause des Jenenser Professors Wolff traf. Liszt hatte ihm Geld und den Rat gegeben in Frankreich als Kapellmeister und Opernkomponist weiterzukommen. Da aber der Weg durch preußisches Gebiet als unratsam galt, wählte Wagner den Umweg über die Schweiz. Ein andrer Jenenser Professor, Widmann, gab ihm seinen Paß.

Überer Coburg, Rudolstadt, Lichtenfels gelangte Wagner nach Lindau, überquerte den Bodensee und traf am Morgen des 28. Mai I849 in Rorschach auf Schweizer Boden ein. Eduard Devrient erhält einen Brief mit der Handschrift des Flüchtlings. Der Brief ist für Minna bestimmt und teilt mit:

(Rorschach, .71/2 früh*, 28. Mai 1849)

Mein liebes, treues Weib!

Glücklich bin ich auf dem Schweizerboden angekommen! Ich hoffte Dir schon einen Tag früher von hier aus schreiben zu können, leider ging die Reise aber sehr langsam von statten, viel Aufenthalt usw. ln Lindau wurde einzig der Paß verlangt und ohne Umstände nach der Schweiz visiert. Heute früh fuhr ich von Lindau über den Bodensee hierher, und in einer halben Stunde geht es weiter nach St. Gallen und Zürich. In Zürich gedenke ich mir etwas Ruhe zu gönnen, um Dir zugleich auch ausführlicher schreiben zu können.

Ich bin im Sichern!

Gott erhalte Dich bei gutem Mute! Viel Kummer habe ich um Dich gelitten, aber—großer Lebensmut ist mir auch wieder gekommen! Leb' wohl, liebstes bestes Weib! Morgen von Zürich aus ein Weiteres—

Dein R. W.