Wer war Hans Sachs?

Der große Nürnberger »Schuster und Poet« Hans Sachs, den Richard Wagner in den Mittelpunkt seiner »Meistersinger von Nürnberg« stellt, ist eine historische Gestalt.
Er kam in der Pegnitzstadt am 5. November 1494 als Sohn eines Schneiders zur Welt. Er war also - was wichtig für sein Leben und seinen Glauben werden wird- ein Zeitgenosse Luthers (der 1438 geboren wurde), und er war ein Zeitgenosse des gewaltigen europäischen Aufbruchs, der die »Alte Welt« beinahe mit einem Schlage aus dem Mittelalter in die Neuzeit überführte.
In Hans Sachsens Geburtsjahr zog der Papst jene »Linie von Tordesilla«, die alle erregenden Entdeckungen der Westroute, das heutige Amerika also, zwischen den beiden größten Mächten der damaligen Welt aufteilte: Spanien und Portugal. Das neue Zeitalter, das heraufdämmerte, ist zerrissen von Kämpfen aller Art: politischen und sozialen vor allem, dazu religiösen, die mit unsagbarer Leidenschaft und Grausamkeit ausgefochten werden. Aus ihnen erhebt sich eine neue Blüte der Kultur und der Künste. Hans Sachs wird Zeitgenosse zahlreicher bedeutender Gestalten auf beiden Gebieten.

Er war zum Handwerker bestimmt, dem ziemlich neuen Stand, der in den schnell aufblühenden Städten einen »goldenen Boden« besaß, sich wohl zu organisieren wußte und zur Grundlage eines immer mächtigeren und immer stolzeren Bürgertums wurde, das sich fähig und bereit zeigte, die Herrschaft der Städte zu übernehmen und sie -gegen die Feudalmächte zu verteidigen, die mit dem Niedergang des Rittertums ein täglich korrupteres und dekadenteres Bild boten. (In Wagners Werk wird gerade dieser Gegensatz zu einem der Grundmotive der Handlung und Hans Sachs zum zwar völlig »bürgerlichen«, aber ausgleichenden Element zwischen den Klassen.) Daß dem damaligen Handwerker ein wenig »höhere Bildung« durchaus angemessen sein konnte, scheinen Hans Sachsens Eltern wohl gefühlt zu haben. Sie schicken ihren siebenjährigen Sohn auf die »Lateinschule«, von der aus ihm später vielleicht sogar eine Gelehrtenlaufbahn offengestanden hätte. Als er mit vierehn Jahren eine Art mittleren Abschluß erreicht hatte, kam er zu einem Schuhmacher in die Lehre, in der er zwei Jahre lang verblieb. Und danach begab er sich, wie es Brauch war, auf die Wanderschaft.

Im Jahre 1513 soll er sich in Innsbruck entschlossen haben - wo die Musikpflege einen besonders hohen Stand erreichte -, sich dem Studium des Meistergesanges zuzuwenden, jener Kunstausübung, die damals in vielen mitteleuropäischen Städten in hoher Blüte und Wertschätzung stand.

Deren Regeln scheint er vor allem in der Münchener Lehre des Leinenwebers Leonhard Nonnenbeck erlernt zu haben. Im Jahre 1515 zog er von dort weiter und gelangte in seine Heimatstadt zurück, wo er erste Werke verfaßte. Er erhielt den begehrten Meistertitel und heiratete am 1. September 1519 die siebzehnjährige Kunigunde Creuzer, mit der er vierzig Jahre lang in glücklichster Ehe bis zu ihrem Tode lebte. Kunigunde starb am 18. März 1560. Sie hatte Kämpfe und Aufstieg ihres Gatten, Bitternis und Ruhm seines Lebens getreulich mit ihm geteilt.

Sachs begeisterte sich 1525 für Luthers »Reformation«.
In einem Gedicht feierte er diesen als »Nachtigall von Wittenberg«; darin stehen die Verse: »Wach' auf, es nahet gen den Tag! Ich hör'singen im grünen Hag ein'wonnigliche Nachtigal, ihr' Stimm' durchdringet Berg und Tal ... « Es sind die Worte, die Wagner (zu eigener, altertümeinder Melodie) das Volk auf der Festwiese im letzten Bild der »Meistersinger von Nürnberg« zu Ehren seines geliebten Poeten Hans Sachs anstimmen läßt.
Historisch betrachtet waren die Folgen dieses Gedichts für Sachs allerdings unangenehm, ja sie hätten für ihn sogar sehr gefährlich werden können. Denn der Magistrat der Stadt Nürnberg hatte beschlossen, sich der Reformation nicht anzuschließen, sondern katholisch zu bleiben. Die Anhänger Luthers mußten ihre überstürzte Zuwendung zu dessen Ideen büßen.
Sachs erhielt Schreibverbot. Er durfte nichts mehr veröffentlichen, sondern mußte sich ausschließlich auf seinen »bürgerlichen« Beruf beschränken, auf das Handwerk, das er in der Stadt ausübte: die Schuhmacherei. Es ist sehr wahrscheinlich, daß damals der so berühmt gewordene Satz entstand: »Schuster, bleib' bei deinen Leisten!«

Aber lange konnte der alte Glaube in Nürnberg der rundum mächtig anwachsenden Reformbewegung nicht standhalten. Die Stadt wurde protestantisch und die eben noch 'Verfolgten Wurden zu Märtyrern und Helden.
Sachs, seit langem ein Liebling des Volkes, stieg nun zu einer Popularität auf, wie sie in deutschen Landen selten einem Dichter zuteil wurde. Seine Produktivität grenzte ans Unglaubliche: niehr als 4200 Prosastücke, weit über 100 Dramen und Kornödien, 1000 Fabeln, Hunderte von Faschingsschwänken, mehr als 6000 Lieder sind nur eine, keineswegs zu hoch gegriffene, Schätzung seiner Werke. Die seiner Schuhe müßte wohl notgedrungen tiefer liegen ...