In Wirklichkeit verlief Sachsens Leben, nach dem Tode seiner Gattin, anders: Sachs heiratete abermals: am 2. Septernber 1561 nimmt er die junge Witwe Barbara Harscher zur zweiten Frau. Daß er da bereits auf die Siebzig zuging ist leicht zu errechnen. Doch wurde auch diese Ehe wieder' wie es heißt, restlos glücklich. Sachs starb im Alter von 8i Jahren - was für die damalige Zeit eine Überschreitung der durchschnittlichen Lebensdauer um wahrscheinlich 40 Jahre bedeutete - in der Nacht vom 19.auf den 20. Januar 1576, in seiner Stadt, im alten schönen Nürnberg. Er war berühmt, geliebt, gefeiert, verehrt, bewundert. Ob er jemals eine so schöne Feier und Volkshuldigung erlebte, wie Wagner sie ihm am Ende der Oper zuteil werden läßt, ist nicht mehr festzustellen.
Erwähnt sei noch, daß Wagner
Wesentliches zur Hans Sachs-Figur in Georg Gottfried Gervinus' »Geschichte
der deutschen Dichtung« fand. Sachs war ein führendes Mitglied
der Nürnberger Meistersingerzunft, deren anerkannt größter
Dichter und wahrscheinlich, um 1555, ihr Vorsitzender.
Gervinus schildert ihn als künstlerische Persönlichkeit von Gleichmaß,
Bescheidenheit und Selbsterkenntnis, dem »Wunden zu schlagen mit
Feder und Schwert minder am Herzen lag als Wunden zu heilen« und
der »die Fehler der Menschen lieber verlachte als verfluchte«.
Wagner malt seine Operngestalt mit
diesen Zügen liebevoll aus, tut noch sehr viel aus Eigenem - sicherlich
Autobiographischem - hinzu und schafft in seinem Hans Sachs einen großartigen
Vermittler zwischen der Regeltreue der Meistersinger und dem genialen Impetus
des Minnesängers Walther.
Sachs wird in Wagners Komödie
zu einer jener Idealfiguren, die zum Symbol aufsteigen: Er weiß um
den Wert der Tradition und ist doch dem Neuen, Neuartigen offen und mit
Zuneigung aufgeschlossen. Er weiß, daß Schwarzweißschilderungen
menschlicher Charaktere niemals voll zutreffen, da das Leben aus Übergängen
besteht, aus Mischungen, aus Kompromissen. »So ganz Boshafte«
gibt es ebensowenig wie ihr Gegenteil, die völlig Edlen und Guten.
Und so gelang es Wagner, aus Hans Sachs, der viele Dichter und Musiker
zur Darstellung gereizt hat, eine unvergeßliche, lebensnahe, ergreifende,
liebenswerte Persönlichkeit zu machen. Sie hat nur einen einzigen
Fehler: daß wir keine Ahnung haben und haben können, ob sie
mit dem historischen Sachs noch viel gemein hat ...