Unterschiedliche Stilrichtungen der Klassik
(nach MUSIK UM UNS, Metzler Verlag, 7-10 Schuljahr 2.Auflage)
Galanter Stil
Die Anfänge des klassischen Stils reichen bis vor 1750 zurück. In einer Zeit, in der die Musik des Spätbarocks im Schaffen Bachs ihren Höhepunkt und Abschluss fand, hatten sich die meisten seiner Zeitgenossen- wie Telemann und Graupner, vor allem aber seine Söhne und deren Generation- längst einem anderen Kunstideal zugewandt. Man empfand den hohen kontrapunktischen Stil als überladen und künstlich, und in einer ähnlichen Weise, wie sich in der Baukunst der massive, prunkvolle Barockstil in spielerisches Rokoko verwandelte, hatte man Geschmack an einer leichteren, einfacheren, gefälligeren und graziöseren Musik gefunden.
Empfindsamer Stil
Parallel zur Neigung zu empfindsamer Literatur entstand nun auch das Bedürfnis nach einer das Gefühl ansprechenden einfachen, rührenden Musik.Der empfindsame Stil ist nicht grundsätzlich etwas anderes als der galante; er unterscheidet sich aber von ihm durch ausdruckhafte, sprechende Melodiebewegungen.
Sturm und Drang
Ebenfalls parallel zur literarischen Bewegung gleichen Namens geht in der Musik der Sturm und Drang. Auch hier kann zum galanten und empfindsamen Stil keine scharfe Trennungslinie gezogen werden. Der Sturm und Drang zeichnet sich gegenüber dem empfindsamen Stil durch ein heftigeres Aufbegehren des Gefühls aus.
Hochklassik
Der Schritt zur Hochklassik ist ein Verschmelzungsprozess, bei dem sich aus den vorher beschriebenen frühklassischen Stilen zusammen mit nationalen Merkmalen wie italienischer Sanglichkeit, französischer Formklarheit und der allmählich wieder zu Ehren kommenden deutschen Satzkunst eine Universalsprache bildet, die allen Menschen verständlich sein will.
Gesellschaftlicher Wandel
Die stilistischem Änderungen vom Barock zur Klassik sind keine innermusikalische Angelegenheit, sondern ein Zeichen dafür, daß eine andere soziologische Schicht im Begriff war, die Trägerrolle zu übernehmen: das Bürgertum. Die wichtigsten Formen der Musik waren die Hausmusik mit dem dazugehörigen privaten Instrumentalunterricht und das öffentliche Konzert. Nach 1800 war das Konzertwesen weitgehend aufgebaut. Bedingt durch diese Ändrung ergab sich ein anderes Verhältnis in der Kommunikationskette Komponist- Musiker- Hörer. Zwar blieb die Personalunion von Komponist und Musiker oft erhalten, aber eine Trennung bahnte sich an. Entscheidender war die Abtrennung des Hörers von dieser Kette. Der Musiker komponierte und musizierte nicht mehr von Amts wegen, sondern wurde vom Publikum bezahlt. Soziale Abhängigkeit von der Öffentlichkeit war also der Pris dafür, daß der Künstler frei von den Aufträgen und vom Gescchmack seines Dienstherren sich in seinen Kompositionen selbst verwirklichen konnte. Originalität und Individualität wurden immer gefragter.
Um 1800 war ein idealer Gleichklang zwischen dem künstlerischen Angebot und den Ansprüchen des Publikums erreicht. Im 18. Jahrhundert vollzog sich wieder ein sozoilogischer Wandel. Die musikalischen Bedürfnisse des neuen Massenpublikums gingen auseinander in ernstere Musik und Unterhaltungsmusik.
Gleichzeitig mit dem Konzertwesen bildete sich auch das Musikverlagswesen aus. Die Gesetzmäßigkeit von Angebot und Nachrage von Klavier- und Kammermusiknoten führten dazu, daß bekannte Komponisten sich um das Erscheinen ihrer Werke keine Sorgen zu machen brauchten, während die Werke ihrer weniger bekannten Kollegen oft erst nach vielen Bittgängen im Druck erscheinen konnten. Die Kommerzialisierung der Musik ist der Preis dafür, daß sie aus der institutionellen Einordnung imnn die Freiheit d3es offfenen Marktes herausgetreten ist.