Es ist oft versucht worden, die verschiedenen Spielarten des Hörens typologisch zu erfassen. Weithin bekannt ist die Typologie Theodor W. Adornos (»Einleitung in die Musiksoziologie«, 1968). Er gelangt zu seinen Typen nicht durch empirische Untersuchungen, sondern sie sind gedankliche Konstruktionen , in die mit wechselnder Gewichtung Kenntnisse der Musiktheorie, Vertrautheit mit bestimmten Musikarten und Besonderheiten der Wahrnehmung einfließen.
An der Spitze steht der »Experte«. Er ist an strukturelles Hören gewöhnt, kann Zusammenhänge aus vergangenen und gegenwärtigen Momenten erfassen und voraushören, was kommt. Er registriert, was in jedem Augenblick kompositionstechnisch geschieht und kann sich darüber äußern. Dieser Typ ist selten und vor allem unter Berufsmusikern zu finden.
Der »gute Zuhörer« hat nicht die volle Kompetenz wie der Experte, aber auch er hört Zusammenhänge und gibt begründete Urteile ab. Adorno vergleicht ihn mit einem guten Sprachkenner, der aber von Grammatik und Syntax wenig weiß. Er ist nach Adorno im aristokratischen Milieu des vorigen Jahrhunderts zu finden.
Der »Bildungskonsument« hört viel und ist gut informiert. Strukturellen Mitvollzug ersetzt er durch Kenntnisse; er kennt z.B. die Themen und wartet beim Hören auf besondere Augenblicke. Seine Hörweise ist atomistisch. Er gehört dem gehobenen Bürgertum an. Man findet ihn unter den Konzertabonnenten und im Festspielpublikum.
Der »emotionale Zuhörer« spricht besonders auf emotional gefärbte Musik an. Sie ist für ihn Auslöser für bildhafte Assoziationen und frei flutende Emotionen. Bewußtes Hören verwechselt er mit. Kälte der Musik gegenüber.
Der »Ressentimenthörer« verachtet das offizielle Musikleben und zieht sich in eine Sondersphäre, z. B. Bachsche oder vorbachsche Musik, zurück. Er ist gegen subjektiven Ausdruck, kultiviert eine Ideologie der »inneren Werte« und gehört dem gehobenen Kleinbürgertum an.
Verwandt mit dem vorigen Typ ist der »Jazz-Experte«. Auch
er hat eine Aversion gegen die offizielle Kultur sowie gegen Klassik und
Romantik. Er hält sich für avantgardistisch, ist aber befangen
(in der, Grenzen der dem Jazz eigenen Merkmale.
Der »Unterhaltungshörer« genießt Musik nicht
als Sinnzusammenhang; sie ist für ihn Reizquelle wie das Rauchen.
Seine spezifische Hörweise ist die der Zerstreuung, unterbrochen durch
sporadisch Augenblicke der Aufmerksamkeit und des Wiedererkennens. ln seiner
Passivität hat er nichts übrig für Anstrengungen, die ihm
Kunstwerke abverlangen würden.
An letzter Stelle stehen der »Gleichgültige« »Unmusikalische«,
»Antimusikalische«. Adorno führt dli Haltung dieses Typs
auf Schäden in der frühkindlichen Erziehung zurück. Oft
erscheint seine Haltung kombiniert mit einer überwertig realistischen
Gesinnung oder einer technischen Spezialbegabung. Dieser Typ ist sehr selten.
Adorno will seine Typen ausdrücklich als »Idealtypen«
verstanden wissen, also als Verkörperung gedachter Möglichkeiten,
in unserer Gesellschaft mehr oder weniger angemessen zu hören.
Die meisten anderen Typologien kommen empirisch zustande. Das Hörverhalten
des einzelnen wie wir gesehen haben, bedingt durch Faktoren aus der jeweiligen
Beschaffenheit der Musik, aus musikalischen Sozialisation und aus der Hörsituation.
Aus Aussagen über konkrete Höreindrücke sich die individuelle
Mischung erkennen. Durch Vergleich der Aussagen ergeben sich ÄI die
sich schließlich auf wenige Grundtypen zurückführen lassen.
Auch für empirische Typologie daß die reinen Typen gegenüber
den gemischten selten sind.
Im folgenden sind drei Textbeispiele abgedruckt, in denen sich typische,
unterschiedliche Hörweisen spiegeln.
"Ein schönes Lied!« sagte der Meister leise. »Spiele
es jetzt einmal in der Altlage!« Knecht gehorchte und spielte, der
Meister hatte ihm den ersten Ton angegeben und