Hörsituation (Musik Um Uns  S.163)
Hören wurde wiederholt als Kommunikationsvorgang bezeichnet, in den der Hörer Merkmale seiner Persönlichkeit und seine momentane Situation einbringt. Die momentane Situation ist mit bedingt durch das Milieu, in dem sich der Hörer befindet und die Art der Darbietung der Musik. Zunächst seien drei unterschiedliche Hörsituationen geschildert, in denen Musik "live" erklingt.
1. Ein international und von Platteinspielungen bekannter Interpret gibt in einem repräsentativen städtischen Konzertsaal ein Konzert. Der Saal ist in Größe, Ausstattung und Akustik optimal für alle anfallenden Konzertsituationen eingerichtet. Ein festlich gestimmtes Publikum hat sich erwartungsvoll eingefunden. Es ist musikalisch interessiert und genießt zugleich die Selbstdarstellung und das gesellschaftliche Ereignis.
2. Das Konzert findet in einem kleineren städtischen Saal, im Saal einer Kirchengemeinde, eines Vereins oder einer Schule statt. Das Publikum setzt sich aus einem engeren Kreis der Bevölkerung zusammen. Es sind vorwiegend Leute, die sich kennen. Aufwand und Ansprüche sind bescheidener.
Auch der Interpret stammt aus dem regionalen Umkreis: ein tüchtiger Musiker, ein Student, ein Dilettant, ein Schüler.
3. Hier wird zu Hause musiziert. Der Zuhörerkreis ist relativ klein: die Familie, Freunde, Bekannte. Familienangehöriger oder Bekannter ist auch der interpret. Er musiziert entweder in einer Art von "Konzertsituation", wobei die übrigen ihm konzentriert zuhören, oder er spielt nebenbei, funktional in das häusliche Leben eingefügt. Die Anwesenden hören zeitweise zu und gehen im übrigen ihren Tätigkeiten nach.   * Welche Unterschiede ergeben sich bei den drei Hörsituationen im Hinblick auf folgende Faktoren:
Motivation (Anstoß) der den Wunsch, Musik zu hören, auslöst), Vorbereitung und Aufwand, Hörerwartung, Aufmerksamkeit und Konzentration, Gesamteindruck, bzw. Erkennen von Details und Feinheiten, Atmosphäre, emotionale Wirkung?

 Ganz anders ist die Hörsituation, wenn Musik über die Medien erklingt. Wenn wir davon ausgehen, daß die Musikarten spezifische Orte und Situationen haben, denen sie zugehören, ist bei Radiomusik zunächst eine gewisse Desorientierung zu beobachten. Wir können über die verschiedenen Sender und Programme zu allen Zeiten Marschmusik, Tanzmusik, Kirchenmusik, Musik aus Opern und Operetten, Sinfonik, Jazz, Pop und vieles andere hören, also Musikarten, von denen jede ihr bestimmtes situatives Umfeld hat. Hören wir solche Musik zu Hause, ergibt sich eine Diskrepanz ebenso zwischen dem akustischen und dem realen Raum, wie auch zwischen dem Verhalten, das diese Musikarten in dem ihnen eigentümlichen Milieu vom Hörer erwarten würden und dem Verhalten Hörers zu Hause. Über Funktion und Wirkung von Musik wird noch zu reden sein. Es soll aber an dieser Stelle schon darauf hingewiesen werden, daß ein Satz aus einer Messe oder eine Opernarie einen Kontext gehören, den der Hörer zu Hause, sofern er ein Gespür dafür hat, erst gedanklich rekonstruieren muß.
Musik im Radio ist an eine durch das Rahmenprogramm festgelegte Sendezeit gebunden. Der Hörer-iwuB sich, will er ein besonderes Werk oder eine Musikart, der die ganze Sendung gewidmet ist, hören, dem Programm richten. Die bewußte Wahl erfordert also vom Hörer eine zeitliche Disposition ähnlich  wie der Besich eines Konzerts.
Während im Konzertsaal die Akustik im wesentlichen durch die besonderen Verhältnisse des Raumes und den Ort des Sitzplatzes festgelegt ist, hat der Hörer am Radioapparat zunächst einmal optimale Bedingungen hinsichtlich der Ausgewogenheit des Klangs. Er hat außerdem die Möglichkeit ,durch Betätigung der Lautstärkeregelung sowie der Anhebung für Höhen und Bässe den Klang zubeeionflussen. Meist geschieht dies, um Fortissimostellen abzudecken oder Pianissimostellen zu verdeutlichen. Bei genauem Hinhören ist zwar zu erkennen, daß die ursprünglichen ff- oder pp Klangstrukturen bei nivellierter Lautstärke anders klingen als etwa ein gespieltes Mezzoforte, aber das originale Verhältnis der Lautstärkegrade, das die heutigen hochempfindlichen Mikrophone und Lautsprecher durchaus korrekt wiedergeben, geht durch Nachstellen verloren. Eingriffe in die Lautstärke wie auch in die Gewichtung der Höhen und Tiefen stehen oft im Zusammenhang mit der jeweiligen Aufmerksamkeit des Zuhörers. Hat er sich vorgenommen, möglichst genau zu hören, wird er Lautstärke und Höhen nicht zu sehr reduzieren; ist die Musik dagegen nur »background«, oder will er gar versuchen, den Klang einer über ungeheure Verstärker gehenden Popgruppe in die Wohnung zu holen, wird er manipulierend eingreifen. Im Gegensatz zum Konzert und auch zum Fernseher, von dem gleich die Rede sein soll, gewährt Musik aus dem Lautsprecher eine gewisse Bewegungsfreiheit. Der Klang erreicht den Hörer, ob er sitzt, im Raum herumgeht, oder sogar kurz den Raum verläßt. Wenn wir einmal davon absehen, daß anspruchsvolle Musik und anspruchsvolle Nebenbeschäftigung unvereinbar sind, regelt sich das Verhältnis von Musik und Nebenbeschäftigung nach dem »Figur-Grund-Modell«. Je nach der Einstellung und dem Verlauf der Aufmerksamkeit wendet sich der Hörer bald mehr dem einen oder dem anderen zu. Außerdem ist nicht jede Musik dazu bestimmt, in regungsloser Versunkenheit gehört zu werden.
Das meiste von dem, was über Musik aus dem Radioapparat gesagt wurde, trifft auch auf das Fernsehkonzert zu. Sehen wir davon ab, daß die Lautsprecher einer Stereoanlage denen der Fernseher weit überlegen sind, vermittelt der Fernseher zusätzlich zum Klang den visuellen Eindruck. Je nach Kameraführung sehen wir den Interpreten, seine Spiel- und Ausdrucksbewegungen, zum Teil in Groß- oder Detailaufnahme, wie es im Konzensaal kaum möglich wäre. Mit der Kamera wandert unser Blick oft mehr als uns lieb ist auch über das Publikum und über Einzelheiten des Raumes hinweg. Handelt es sich um eine Studioaufnahme, stehen mehr der lntetpret und das Instrument im Blickfeld. Das Visuelle kann den Höreindruck durchaus unterstützen; allzu häufige und unmotivierte Kameraschwenkungen können aber auch ablenken.
Zwischen Sehen und Hören gibt es erhebliche wahrnehmungs- psychologische Unterschiede. Beim Sehen geht es darum, Simultangestalten aufzunehmen. Das Bild, auch das bewegte Bild, spricht vorwiegend den Verstand an. Beim Hören dagegen müssen Sukzessivgestalten erfaßt und gegliedert werden. Sie sind durch den Ablauf in der Zeit flüchtiger und weniger objektiv; das Zuständliche steht gegenüber dem Gegenständlichen im Vordergrund: sie wenden sich daher mehr an das Gemüt.
Wie beim Radio ist auch beim Fernsehen eine große Streuung der Anteilnahme des Zuhörer denkbar. Sie reicht von dem Gefühl, Zeuge eines herausragenden Ereignisses zu sein bis zur Alltäglichkeit des gewohnten Medienkonsums.
Ganz anders sind die Hörgewohnheiten beim Hören von Schallplatten und Tonbändern. Der Hörer ist zeitlich unabhängig von Konzenterminen und Radioprogrammen. Er kann sich die Hörzeit aussuchen und wendet sich, da es sein eigener Entschluß ist, bewußter und mit bestimmten Erwartungen seinen Schallplatten oder Tonbändern zu. Meist hat er eine besondere Beziehung zu den Titeln. Sie haben in seiner Vorstellung eine Funktion und er verspricht sich von ihnen eine bestimmte Wirkung. Wie beim Radio kann er Lautstärke und Klang seinem Geschmack und seinen Bedürfnissen anpassen.

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