Ganz anders ist die Hörsituation, wenn Musik über
die Medien erklingt. Wenn wir davon ausgehen, daß die Musikarten
spezifische Orte und Situationen haben, denen sie zugehören, ist bei
Radiomusik zunächst eine gewisse Desorientierung zu beobachten. Wir
können über die verschiedenen Sender und Programme zu allen Zeiten
Marschmusik, Tanzmusik, Kirchenmusik, Musik aus Opern und Operetten, Sinfonik,
Jazz, Pop und vieles andere hören, also Musikarten, von denen jede
ihr bestimmtes situatives Umfeld hat. Hören wir solche Musik zu Hause,
ergibt sich eine Diskrepanz ebenso zwischen dem akustischen und dem realen
Raum, wie auch zwischen dem Verhalten, das diese Musikarten in dem ihnen
eigentümlichen Milieu vom Hörer erwarten würden und dem
Verhalten Hörers zu Hause. Über Funktion und Wirkung von Musik
wird noch zu reden sein. Es soll aber an dieser Stelle schon darauf hingewiesen
werden, daß ein Satz aus einer Messe oder eine Opernarie einen Kontext
gehören, den der Hörer zu Hause, sofern er ein Gespür dafür
hat, erst gedanklich rekonstruieren muß.
Musik im Radio ist an eine durch das Rahmenprogramm festgelegte
Sendezeit gebunden. Der Hörer-iwuB sich, will er ein besonderes Werk
oder eine Musikart, der die ganze Sendung gewidmet ist, hören, dem
Programm richten. Die bewußte Wahl erfordert also vom Hörer
eine zeitliche Disposition ähnlich wie der Besich eines Konzerts.
Während im Konzertsaal die Akustik im wesentlichen durch die
besonderen Verhältnisse des Raumes und den Ort des Sitzplatzes festgelegt
ist, hat der Hörer am Radioapparat zunächst einmal optimale Bedingungen
hinsichtlich der Ausgewogenheit des Klangs. Er hat außerdem die Möglichkeit
,durch Betätigung der Lautstärkeregelung sowie der Anhebung für
Höhen und Bässe den Klang zubeeionflussen. Meist geschieht dies,
um Fortissimostellen abzudecken oder Pianissimostellen zu verdeutlichen.
Bei genauem Hinhören ist zwar zu erkennen, daß die ursprünglichen
ff- oder pp Klangstrukturen bei nivellierter Lautstärke anders klingen
als etwa ein gespieltes Mezzoforte, aber das originale Verhältnis
der Lautstärkegrade, das die heutigen hochempfindlichen Mikrophone
und Lautsprecher durchaus korrekt wiedergeben, geht durch Nachstellen verloren.
Eingriffe in die Lautstärke wie auch in die Gewichtung der Höhen
und Tiefen stehen oft im Zusammenhang mit der jeweiligen Aufmerksamkeit
des Zuhörers. Hat er sich vorgenommen, möglichst genau zu hören,
wird er Lautstärke und Höhen nicht zu sehr reduzieren; ist die
Musik dagegen nur »background«, oder will er gar versuchen,
den Klang einer über ungeheure Verstärker gehenden Popgruppe
in die Wohnung zu holen, wird er manipulierend eingreifen. Im Gegensatz
zum Konzert und auch zum Fernseher, von dem gleich die Rede sein soll,
gewährt Musik aus dem Lautsprecher eine gewisse Bewegungsfreiheit.
Der Klang erreicht den Hörer, ob er sitzt, im Raum herumgeht, oder
sogar kurz den Raum verläßt. Wenn wir einmal davon absehen,
daß anspruchsvolle Musik und anspruchsvolle Nebenbeschäftigung
unvereinbar sind, regelt sich das Verhältnis von Musik und Nebenbeschäftigung
nach dem »Figur-Grund-Modell«. Je nach der Einstellung und
dem Verlauf der Aufmerksamkeit wendet sich der Hörer bald mehr dem
einen oder dem anderen zu. Außerdem ist nicht jede Musik dazu bestimmt,
in regungsloser Versunkenheit gehört zu werden.
Das meiste von dem, was über Musik aus dem Radioapparat gesagt
wurde, trifft auch auf das Fernsehkonzert zu. Sehen wir davon ab, daß
die Lautsprecher einer Stereoanlage denen der Fernseher weit überlegen
sind, vermittelt der Fernseher zusätzlich zum Klang den visuellen
Eindruck. Je nach Kameraführung sehen wir den Interpreten, seine Spiel-
und Ausdrucksbewegungen, zum Teil in Groß- oder Detailaufnahme, wie
es im Konzensaal kaum möglich wäre. Mit der Kamera wandert unser
Blick oft mehr als uns lieb ist auch über das Publikum und über
Einzelheiten des Raumes hinweg. Handelt es sich um eine Studioaufnahme,
stehen mehr der lntetpret und das Instrument im Blickfeld. Das Visuelle
kann den Höreindruck durchaus unterstützen; allzu häufige
und unmotivierte Kameraschwenkungen können aber auch ablenken.
Zwischen Sehen und Hören gibt es erhebliche wahrnehmungs- psychologische
Unterschiede. Beim Sehen geht es darum, Simultangestalten aufzunehmen.
Das Bild, auch das bewegte Bild, spricht vorwiegend den Verstand an. Beim
Hören dagegen müssen Sukzessivgestalten erfaßt und gegliedert
werden. Sie sind durch den Ablauf in der Zeit flüchtiger und weniger
objektiv; das Zuständliche steht gegenüber dem Gegenständlichen
im Vordergrund: sie wenden sich daher mehr an das Gemüt.
Wie beim Radio ist auch beim Fernsehen eine große Streuung
der Anteilnahme des Zuhörer denkbar. Sie reicht von dem Gefühl,
Zeuge eines herausragenden Ereignisses zu sein bis zur Alltäglichkeit
des gewohnten Medienkonsums.
Ganz anders sind die Hörgewohnheiten beim Hören von Schallplatten
und Tonbändern. Der Hörer ist zeitlich unabhängig von Konzenterminen
und Radioprogrammen. Er kann sich die Hörzeit aussuchen und wendet
sich, da es sein eigener Entschluß ist, bewußter und mit bestimmten
Erwartungen seinen Schallplatten oder Tonbändern zu. Meist hat er
eine besondere Beziehung zu den Titeln. Sie haben in seiner Vorstellung
eine Funktion und er verspricht sich von ihnen eine bestimmte Wirkung.
Wie beim Radio kann er Lautstärke und Klang seinem Geschmack und seinen
Bedürfnissen anpassen.