Funktion und Wirkung

Der Hörer wird zum Hören von Musik durch gewisse Bedürfnisse motiviert, die in engem Zusammenhang zu seiner vor allem durch die musikalische Sozialisation geprägten Persönlichkeit mit ihren relativ dauernden oder momentanen Merkmalen und zur jeweiligen Hörsituation stehen. Entsprechend diesen Bedürfnissen wird auch die Wirkung sein, ob sie nun die Bedürfnisse voll oder nur zum Teil befriedigt. Die am häufigsten gesuchte Funktion der Musik wird durch das Begriffsfeld  »Erbauung «Kunstgenuß« - »Unterhaltung« - »Entspannung« - »Zerstreuung« gekennzeichnet.
Hellmuth Benesch ("Experimentelle Psychologie des Fernsehens", 1968) hat zur Funktion des Fernsehens Gedanken geäußert, von denen einige auch für den Bereich der Musik gelten. Dem oben erwähnten Begriffsfeld entspricht das von Benesch erwähnte Fundamentalbedürfnis nach Erholung. Nach Benesch kann es weiter aufgegliedert werden in »Entkonzentration«, »Irradiation«, »Regeneration« und »emotionalen Ausgleich«. »Entkonzentration« bedeutet Aufheben der Anspannung der Kräfte, bewußt oder infolge Ermüdung. Unter »Irradiation« ist die breite Streuung einer vorher engen Zielgerichtetheit zu verstehen, wodurch der Mensch sich vielseitigen Anregungen öffnet. »Regeneration« wird von Benesch als Aufbauphase der inneren Kräfte verstanden, und der »emotionale Ausgleich« ermöglicht ein inneres Getragenwerden durch das Gebotene, sei es spannend oder entspannend. Die individuelle Erholungswirkung ergibt sich aus dem Mischungsverhältnis der vier Faktoren. In der graduellen Abstufung von »Erbauung« bis »Zerstreuung« spiegeln sich verschiedene Musikarten, wie auch verschiedene Ansprüche, wobei eine feste Zuordnung wegen der Streuung der Faktoren »Persönlichkeit« und »Hörsituation« nicht möglich ist.

Ein zweites Funktionsfeld hängt mit der anregenden Wirkung der Musik zusammen. Vermutlich sind es auch einige der im vorigen Abschnitt angeführten Faktoren> denen die Musik am Arbeitsplatz ihre stimulierende Wirkung verdankt. Die Hausfrau bei ihren Tätigkeiten> der Arbeiter in der Fabrikhalle, auch der Schüler bei seinen Hausaufgaben empfinden ihre Tätigkeit oft als monoton. Die dabei unterschwellig aufkommenden Fluchtgedanken werden mindestens zum Teil kompensiert durch musikalisch unterstützte »Tagträume«, einem Komplex von Erwartungen und Einstellungen, die sich letzten Endes meist als »Regressionstendenzen« erweisen. Regression (= Rückfall in entwicklungspsychologisch frühere Verhaltensweisen) darf nicht nur negativ beurteilt werden. Durch Regression können wir uns den Kausalzwängen des Lebens für kurze Zeit entziehen. Die Rundfunkanstalten bieten zu bestimmten Zeiten Programme für diese Zwecke an. Außerdem gibt es Firmen, die sich auf Herstellung und Vertrieb von Musik am Arbeitsplatz, im Restaurant, im Kaufhaus oder im Flugzeug spezialisiert haben.

Zuweilen empfinden Menschen> wenn sie allein sind, in der Stille ganz besonders die Leere des Raumes und ein Gefühl der Isolierung. Musik wirkt dagegen raumfüllend und kontaktstiftend.

Für viele Hörer bedeutet das Hören von Musik Begegnung mit einem Sänger, Musiker oder Dirigenten> wobei durch die besondere Gefühlsbeteiligung beim Hören der Interpret als Partner empfunden wird. Nicht selten kommt es dabei zu ldentifikationsvorgängen. Ihre psychologische Bedeutung liegt darin, daß der Mensch eigene Antriebe in der Identifikation als erfüllt erlebt, so daß dadurch Frustrationen vermieden werden können.

Nicht mit der Identifikation zu verwechseln ist die Projektion. Hierbei werden eigene Bedürfnisse, manchmal auch entstellend, einer anderen Person zugelegt.

Ober diese mehr individuell geprägten Funktionen von Musik hinaus kann Musik auch Symbol einer Gruppe oder eines Status sein und zu einer gewissen Selbstbestätigung oder Selbstidentitikation betragen. So werden manchmal klassische Sinfonik und Opernmusik als konservativ angesehen; Pop gilt als Ausdruck einer von der Erwachsenenwelt scharf abgegrenzten jugendlichen Teilkultur, und moderner Jazz, Liedermacher und avantgardistische Musik werden gerne von politisch Progressiven für sich reklamiert.

* stellen Sie zusammen, in welchem Maße Sie Musik live, aus dem Radio, dem Fernsehen, von der Schallplatte oder vom Tonband hören. Berücksichtigen Sie Musikart, Hörsituation, Funktion und Wirkung.
 
 
 
 
 
 
 
  165