Aus " Mozarts Leben" Kindheit und Jugend von Josef Müller Blattau
Wolfgang Amadeus Mozart (geboren am 27. Januar 1756 in Salzburg, gestorben am 5. Dezember 1791 in Wien) ist unter allen klassischen Komponisten sicher eine der faszinierendsten und geheimnisvollsten Persönlichkeiten - geheimnisvoll, obwohl er zugleich einer der am besten dokumentierten Künstler ist.
Wunderkinder gleichen in der Regel Meteoren, die für kurze Zeit hell aufleuchten und dann still und endgültig verlöschen. Vielleicht ist es das größte Wunder in Mozarts Leben, daß er - als Ausnahme und ohne erkennbare Gefährdung und größere Krisen- vom Wunderkind zum Meister heranreifen konnte. Ein nicht unwesentlicher Teil dieses Wunders hat allerdings eine ganz greifbare Erklärung: Es ist, trotz aller möglichen Einwände, das unbestreitbare und bleibende Verdienst Lepold Mozarts, des Vaters, den Keim des Genies so früh wie nur möglich erkannt und mit liebevoller Geduld gepflegt zu haben.
Man kann den Anteil des Vaters am Werden und Wirken des Sohnes gar nicht hoch genug einschätzen, und es ist deshalb notwendig, sich bei allen seinen im einzelnen manchmal anfechtbaren erzieherischen Maßnahmen die Zeitumstände bewußt zu machen, die allesamt den Mozarts eher Widerstände entgegensetzten als Nutzen brachten.Immer wieder ist Leopold postum der Vorwurf gemacht worden, er habe die Begabung des Sohnes in dessen frühester Jugend rücksichtslos ausgebeutet und ihm bei den vielen Reisen unzumutbare Strapazen auferlegt. Sie hätten schon damals die Gesundheit des Knaben so angegriffen, daß man in ihnen die Wurzeln für spätere Krankheit und frühen Tod sehen müsse, und der Vater trage die Schuld daran. Wahr mag sein, daß Leopold Mozart, der sich selber nicht zu schonen gewohnt war, seinen Sohn immer wieder bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit belastet hat. Bewunderungswürdig sind aber zugleich Umsicht und Weitblick, mit denen er die künstlerische Bildung des Wunderkindes lenkte, sorgsam Stein um Stein zum Mosaik einer wahrhaft universellen Ausbildung fügte und hierfür weder Zeit noch Kosten oder Widrigkeiten beruflicher Art scheute. Kaum ein anderer Musiker der Zeit dürfte so umfassend und sorgfältig ausgebildet worden sein wie Wolfgang Amadeus Mozart; seine nahezu lückenlose Kenntnis aller aktuellen europäischen Stilrichtungen und bedeutenden Musikerpersönlichkeiten bildeten die tragfähige Brücke vom glanzvollen Auftreten des umjubelten Wunderkindes zum staunenswerten Können des jungen Meisters.
Neben der Musik erlernte Wolfgang ebenfalls früh mehrere Sprachen, unerläßlich für die Reisen durch Europa. Außer lateinischen, englischen und französischen Grundkenntnissen wurde vor allem das Italienische gepflegt, das als musikalische Modesprache zum unentbehrlichen Rüstzeug des kommenden Opernkomponisten werden sollte.
Eine erste dreiwöchige Reise, gleichsam als Generalprobe, unternahm der Vater mit seinen beiden Wunderkindern bereits im Januar 1762 nach München. Ihr folgte im Spätsommer des gleichen Jahres die zweite mit dem Hauptziel Wien und seiner kaiserlichen Residenz; die Auftritte vor der Kaiserin Maria Theresia haben manche ausschmückende Anekdote ausgelöst.
Die Erfolge dieser beiden Unternehmungen, vor allem beim Adel, ermunterten die Mozarts, am 9. Juni 1763 zu einer ausgedehnten Reise aufzubrechen, die den Vater mit seinen beiden Kindern in mehr als drei Jahren kreuz und quer durch Europa führte. Die Reiseumstände dürften mehr als abenteuerlich gewesen sein: per Postkutsche über holprige und schlammige Wege, gehemmt durch zahllose Grenzen und Zollformalitäten, Wind und Wetter trotzend.
Wichtige Stationen waren zunächst im deutschsprachigen Raum München, Augsburg, Ludwigsburg und Schwetzingen. Von dort aus führten Abstecher nach Mainz, Heidelberg und Frankfurt, wo es zu jener denkwürdigen Begegnung zweier Knaben kam, die als Erwachsene ihr Jahrhundert prägen sollten: der 14jährige Goethe traf den 7jährigen Mozart. Weiter ging es über Köln und Brüssel nach Paris - neben London und den großen italienischen Städten eine der musikalischen Metropolen des damaligen Europa. Ein mehrwöchiger Aufenthalt am Hof von Versailles um die Jahreswende 1763/64 wurde zum prächtigen Höhepunkt.
Als Vater und Sohn schließlich Ende März 1771 wieder in Salzburg eintrafen, trugen sie in sich die Erinnerungen an zahlreiche bedeutende zeitgenössische Komponistenpersönlichkeiten (Paisiello, Sammartini? Piccini u. a.), an die faszinierende Vielfalt der lebendigen Personal- und Regionalstile, die in ihrer Gesamtheit in ganz Europa nachhaltigen Einfluß ausübten und alle Gattungen prägten.
So wurde aus dem klavierspielenden Wunderkind ein bekannter und anerkannter, ja kosmopolitischer Komponist, der sich auf perfekte Weise den italienischen Tonfall angeeignet hatte und dessen Musik doch nie ihre Wurzeln im deutsch-österreichischen Kulturraum verleugnete.
Eine beeindruckende Fülle von Werken belegt diese erste Stufe der Meisterschaft:
Es entstanden das erste Streichquartett (KV 80/73 f, in Lodi), eine Reihe von Symphonien (KV 74, 81, 84, 95, 57 in Mailand und Bologna; KV 75 und 110 in Salzburg) und geistliche Musik.
Bereits fünf Monate später (13. August 1771) begann die zweite, kürzere Italienreise, denn von der ersten hatte Wolfgang einen ehrenvollen, noch höher dotierten Auftrag für eine weitere Mailänder Oper mit nach Haus gebracht: die Serenata teatrale »Ascanio in Alba«, bestellt von Kaiserin Maria Theresia zur Hochzeitsfeier ihres Sohnes, des Erzherzogs Ferdinand, mit Maria Beatrice d'Este im Oktober 177l in Mailand. Dort bereitete Johann Adolf Hasse den Mozarts, Vater und Sohn, ein herzliches Willkommen; sie hatten bereits in Wien seine Bekanntschaft gemacht. Außer seiner erfolgreichen Oper brachte Mozart am 15. Dezember Symphonien (KV 96, 112) und das Divertimento KV 113 mit nach Hause; nach Salzburg riefen ihn ja vor allem seine Verpflichtungen als erzbischöflicher Konzertmeister zurück.
Hier begannen sich die Arbeitsbedingungen für ihn aber zu verändern Am Tag nach Mozarts Rückkehr starb Erzbischof Sigismund. Der dienstliche und künstlerische Spielraum, den er seinen Musikern offensichtlich gewährt hatte, wurde unter dem strengen Regiment des neuen, recht despotischen Erzbischofs Hieronymus Graf Colloredo allmählich eingeschränkt.
Das führte nach vielem Auf und Ab schließlich zu Mozarts Entlassung aus dem Dienst im Jahre 1777. Zunächst jedoch lieferte ihm Mozart eine Reihe geistlicher Kompositionen und eine Serenata drammatica zur Huldigungsfeier im März 1772 (»Il sogno di Scipione«); auch Urlaub bekam er erneut gewährt, nämlich für seine dritte Italienfahrt nach Mailand, vom 24. Oktober 1772 bis zum 13. März 1773, gemeinsam mit Vater Leopold. Dort vollendete Wolfgang seine Seria »Lucio Silla<~, die wieder mit großer Zustimmung über zwanzigmal aufgeführt wurde.
In dieser Zeit häuften sich die Spannungen zwischen dem Erzbischof und seinen beiden untergebenen Musikern Mozart. Die Schwierigkeiten scheinen im gleichen Maße zugenommen zu haben, wie Wolfgang an menschlicher und künstlerischer Selbstsicherheit gewann: Er war in Salzburg prominent und beliebt geworden, erhielt Aufträge von angesehenen Familien, war als Lehrer anerkannt und begehrt und wirkte auch als Mensch anziehend, liebenswürdig. - In Wien kam es 1777 zum entscheidenden Zusammenprall, als den Mozarts zum ersten Mal ein
Urlaub verweigert wurde. Spontan reagierte Wolfgang mit Kündigung, und postwendend sahen sich Vater und Sohn vom Erzbischof auf die Straße gesetzt. (Allerdings nahm er Leopold Mozart bald wieder aus dieser »Sippenhaft«.)
Des Vaters weitsichtige Sorge um eine gesicherte Anstellung seines Sohnes hatte sich als wohlbegründet erwiesen. Vor allem deshalb plante er eine ausgedehnte Europareise. Selber durch seine Salzburger Anstellung gebunden, schickte er diesmal den Sohn in Begleitung der Mutter am 23. September 1777 in die Welt.
Das wechselhafte Auf und Ab dieser großen Reise zwischen Glück und Tragik und die verwirrende Vielfalt der Stationen lassen sich im Rahmen dieser kurzen Darstellung nur skizzieren. Auf dem Weg von München nach Mannheim lernte Wolfgang in Augsburg seine Base Maria Anna Thekla Mozart (das »Bäsle«) kennen, mit der er dann den u. a. wegen seiner fröhlichen Derbheiten bekannten Briefwechsel führte. Schicksalhafter sollte sich der Aufenthalt in Mannheim auswirken, wo Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz eine weit über die Grenzen hinaus bekannte Musik- und Theaterkultur pflegte, eines der besten europäischen Orchester unterhielt und die bedeutendsten Komponisten der Epoche um sich scharte. Zwar bereitete die plötzliche Übersiedlung des Hofes nach München (1778, Karl Theodor hatte die bayerische Krone geerbt) Mozarts Mannheimer Ambitionen ein abruptes Ende, doch kam es in dieser Zeit zu anregenden Begegnungen, so mit dem Abbe Vogler, dem er sehr kritisch gegenüberstand, und mit Christian Cannabich, und vor allem: Wolfgang verliebte sich in die 15jährige Sängerin Aloysia, Tochter des Sängers Fridolin Weber. Vom fernen Salzburg aus beobachtete Vater Leopold argwöhnisch und zunehmend beunruhigt, wie private Bindungen die Abreise aus dem unergiebig gewordenen Mannheim verzögerten; er ließ sich auch durch die zahllosen neuen Kompositionen seines Sohnes nicht besänftigen, darunter die Flötenwerke für den Holländer De Jean und meisterhafte Klavier- und Violinsonaten.
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