Klassik [von lateinisch classicus "ersten Ranges, mustergültig"]: in der Kunst die Bezeichnung für etwas Vollendetes, in seiner Art Unerreichtes (ein Werk, die Phase einer Gattungsgeschichte, eine Epoche), das dadurch zugleich als Norm und Vorbild für Späteres dient. In der Musikgeschichte bezeichnet man damit u.a. die Stilepoche der Wiener Klassik, also die Musik Haydns, Mozarts und Beethovens, und zwar in Anlehnung an die Weimarer Klassik in der Literatur (Goethe, Schiller), die ihrerseits dem Geist der antiken griechischen Klassik besonders nahestand. Gelegentlich spricht man auch von Altklassik in bezug auf die Musik J. S. Bachs und seiner Zeit oder vom klassischen Palestrina-Stil" spätes 16. Jahrhundert) u.ä. Der Begriff Klassik wurde immer im Rückblick auf einen abgeschlossenen Zeitraum geprägt.

Die Wiener Klassik umfaßt als musikalische Stilperiode das vorwiegend auf Wien konzentrierte Schaffen Haydns, Mozarts und Beethovens zwischen etwa 1770 und 1827 (Todesjahr Beethovens). Der Begriff Klassik bezieht sich auf die Vollendung, das Mustergültige und die überragende musikgeschichtliche Bedeutung des von ihnen ausgeprägten Stils, dessen Eigenart mit Umschreibungen wie formale und inhaltliche Einheitlichkeit, Reinheit, Ausgewogenheit, Klarheit, Einfachheit und Universalität bedacht wird. Voraussetzung für die Entstehung der Wiener Klassik war die gesellschaftliche und

geistige Dynamik der Übergangszeit zwischen Ancien regime und moderner bürgerlicher Gesellschaft, die sich in einem hochentwickelten, von Adel und Bürgertum gleichermaßen getragenen privaten und öffentlichen Musikleben in den europäischen Zentren (Paris, London, Wien, Mannheim, Mailand Neapel), in der Ausbildung eines freien

Künstlertums und eines breiteren, in der musikalischen Bildung sehr unterschiedlichen Publikums niederschlug.

In der als Vorklassik benannten Zwischenphase erfolgte der Bruch mit dem als übersteigert empfundenen kompositorischen Techniken des Spatbarocks und die Hinwendung zu einer mit schlichteren Mitteln geschaffenen Musik der Gefälligkeit und des gefühlshaften Ausdruck.s. Der Stilwandel war nicht die Leistung einer einzigen Schule oder eines einzigen Landes; an ihm hatten relativ unabhängig voneinander wirkende italienische, französische und deutsche Musiker Anteil, wie D. Scarlatti, G.B.Sammartini, B.Pergolesi,J.A.Hasse, J.J. Quantz C. Ph E. und J. Ch. Bach, 1. Ch. Wagenseil, I. Stamitz und J. Schobert. Sie trugen maßgeblich zur neuen Kunsthaltung und zur Ausbildung der Klavier- und Violinsonate, der Sinfonie und des Streichquartetts bei, die zusammen mit den für die Frühzeit charakteristischen Formen Divertimento, Serenade und dem aus dem Barock übernommenen Solokonzert die instrumentalen Hauptgattungen der Wiener Klassik (Hochklassik).bildeten Die Vokalmusik hingegen blieb der barocken Tradition stärker verhaftet, nicht nur in der Kirchenmusik, sondern auch in der Oper, wo sich die pathetisch überladene Opera seria lange neben den neuen, von realistischer Volkstümlichkeit getragenen Gattungen Opera buffa, Opera comique und Singspiel hielt Erst in Mozarts Meisteropern wurden die verschiedenen nationalen und gattungsstilistischen Ausformungen eingeschmolzen in einen vom Theatralischen her bestimmten und in den Dienst allgemein menschlicher Aussage gestellten Opernstil ("Le nozze di Figaro", i 786: "Zauberflöte", 1791). Von demselben Humanitätsideal sind Haydns Oratorien "Die Schöpfung" (1798) und "Die Jahreszeiten" (1801) und Beethovens Oper "Fidelio" (1805), seine "Missa solemnis" (1819-23) und die 9. Sinfonie (1822-24) durchdrungen. Bei aller Verfeinerung der musikalischen Mittel bleiben Einfachheit, Faßlichkeit und Allgemeinverständlichkeit: ein Grundzug der'' Wiener Klassik.' die Norm des Satzes bildet die dem Volkslied und -tanz entnommene 'achttaktige ' Periode, die gleichwohl oft kunstvoll . verdeckt wird und durch metrische Unregelmaßigkeiten und abgestufte Rhythmik belebt

wird. Die grundlegende instrumentale Bauform ist die zyklisch

eingebundene Sonatensatzform mit ihren kontrastierenden Entwicklung in thematischer Arbeit und Verteilung auf die verschiedenen Stimmen in durchbrochener Arbeit und obligatem Akkompagnement.

Die vorklassische Einfachheit in der Harmonik und die Beschränkung auf wenige Tonarten sind in der Wiener Klassik abgelöst von einem kühnen Gebrauch von Chromatik, Dissonanz und Modulation. Gleichfalls als Folge des gesteigerten Ausdrucksbedürfnisses werden neue Möglichkeiten der dynamischen und klangfarblichen Nuancierung und der Besetzung (Vermehrung der Streicher im Orchester, charakteristischer Einsatz der Blasinstrumente) erschlossen.