Zitate Debussys oder seiner Kollegen über das Musikgeschehen
Über die Oper
Nichts neues, aber das Publikum lässt sich bedenkenlos einlullen!
"Die Oper ist ein prunkvoller Gesellschaftssalon geworden
oder geblieben, wo sich das Publikum mehr für sich als für die
Aufführung interessiert. Trotz der enormen Summen, die sie jedes Jahr
verschlingt, studiert man jährlich mit Mühe ein oder zwei neue
Werke ein; und darunter finden sich sehr selten solche Werke, die für
die Bewegung der Gegenwart charakteristisch sind [...] Trotz aller Wandlungen
des Geschmacks und trotz aller Zeitungskritiken ist die Oper bis heute
ein Meyerbeer und Gounodtheater geblieben, und man muß allerdings
zugeben, daß es dafür ein Publikum gibt."
"Aber, ein für allemal, unsere Oper müßte
ein Theatermodell, eine Musterbühne sein, und nicht ein Ort, wo der
aufwendige Luxus die Armseligkeit des Gebotenen nicht zu kaschieren vermag."
—Debussy
"Jene Leute, die in musikalischen Fragen nicht so auf dem
laufenden sind, glauben im allgemeinen, daß musikalische Ereignisse
von Rang auf der Bühne stattfinden und daß die Instrumentalmusik
wenig Interessantes zu bieten hat."
"Man setzte an die Spitze der Plakate Beethoven, Mozart,
Weber, Mendelssohn oder etwas Ähnliches. Einmal nun auf dieses Gebiet
festgelegt, wurde es für Pasdeloup schwierig, hiervon abzugehen, denn
das Publikum bleibt konservativ, ist es einmal in eine Richtung geleitet
worden. Man erinnere sich an die hemmungslosen Entrüstungsstürme
in dem riesigen Saal des Cirque, hervorgerufen durch das bloße Erscheinen
der furchterregenden Namen von Schumann und Richard Wagner. Das Publikum
war gekommen, um klassischer Musik zu lauschen, es brauchte klassische
Musik und nichts anderes."
—Saint Saens
"Er hat es gewagt, das Programm seines ersten Abends ausschließlich
aus Ensemblestücken, Chören oder Orchesterwerken zusammenzusetzen.
Schon das bedeutete eine Kriegserklärung gegen die Gewohnheiten unseres
Publikums, welches, unter dem Vorwande, die Abwechselung zu lieben, sich
stets bereit zeigt, den lärmendsten Enthusiasmus für ein gut
vorgetragenes Liedchen, eine gut vokalisierte, fade Kavatine, ein gutes
Tanzkunststück auf der E Saite einer Violine, oder für gut gepfiffene
Variationen auf irgendeinem Blasinstrumente zur Schau zu tragen, nachdem
es irgend einem großen Meisterwerke eine anständige, aber kalte
Aufnahme bereitet hat."
—Berlioz
"Es liegt schon eine einzigartige Ironie darin, daß
das gleiche Publikum, das nach Neuem' verlangt, jedesmal dann außer
Fassung gerät und sich mokiert, wenn man versucht, es aus seinen Gewohnheiten
und seinem eingefleischten Wohlbehagen herauszulocken."
—Debussy
Neues wird schlecht aufgenommen
"Immer mehr kommt die deutsche Musik hier in die Mode. So
erfreulich es auch ist, nicht mehr ausschließlich nur im Conservatoire,
den Concerts populaires und in den mit jedem Jahr sich mehrenden Quartett
Vereinen gute Musik zu hören, sondern auch in den meisten Konzerten
und Privat Soiréen, wo noch vor Kurzem die Virtuosenkunststücke
und die Opernphantasien aller Arten sich breit machten, so ist es bis jetzt
eben doch weit mehr die Mode, die diesen Umschwung bewirkte, als ein größeres
Verständniss des Publikums. Wäre dem nicht so, so müssten
wir unbedingt das Pariser Publikum für das musikalischste, gebildetste
der Welt erklären; keine deutsche Stadt hätte ein ähnliches
aufzuweisen! Wo in der Tat fänden Sie in Deutschland, was wir häufig
jetzt in den elegantesten Salons hier erleben? In den festlich erleuchteten,
großen, von Gold und Seide strotzenden Salons der vornehmen Welt
ist ein zahlreicher Kreis der elegantesten Pariser Damen in brillanter
Balltoilette versammelt, nicht etwa um Quadrille und Polka zu tanzen ,
nein, es ist eine musikalische Soirée und was wird diesen eleganten
Damen vorgeführt? Ist es ein berühmter Virtuose, der sich da
produziert? Ist es Mademoiselle Patti, die prima donna vom italienischen
Theater, die jetzt aller Welt die Köpfe verdreht? Nein, es sind die
letzten Quartette von Beethoven"
"Von neueren Werken hört man hier nur äußerst
selten etwas, und seit wenig Jahren ist selbst Mendelssohn erst in den
Konzerten des Conservatoires aufgenommen. Schumann und Schubert als Instrumental
Komponisten kennt man nur wenig... Man hat auch einige schüchterne
Versuche gemacht, in besonders dafür gegründeten Konzerten dem
Publikum Werke lebender Komponisten vorzuführen - ein Gegensatz zu
den ancient Concerts in London, wo man nur die Toten leben ließ,
aber sie fanden keine rechte Teilnahme, und das Publikum zieht vor, jedes
Jahr so ziemlich dieselben Stücke berühmter Meister bewundern
zu können, mit aller Sicherheit, sich nicht zu compromittieren."
"In der Literatur gibt es das Theater, und es gibt auch
das Buch. Auf jenes kommt man immer wieder zurück, welcher Art die
mächtigen Verlockungen der Bühne auch immer sein mögen.
In der Musik sind es Kammermusik und Konzert, die dem Buche gleichkommen,
mit ihrer Bedeutsamkeit, ihrer Dauerhaftigkeit und Zuverlässigkeit.
In Frankreich beginnt man seit einigen Jahren die Wahrheit dieser Worte
zu begreifen. Ihre ersten Verfechter wurden beschuldigt, den französischen
Esprit zu verfälschen, in Deutschtümelei zu verfallen und das
Theater zu verabscheuen, kindische Anschuldigungen, mit denen die Zeit
so verfahren wird, wie sie es verdienen."
Tatsache ist, daß sich ein Repertoire an französischer
Instrumentalmusik entwickelt, geeignet, eben dort in einen vorteilhaften
Wettstreit zu treten, wo lange Zeit die deutsche Schule keinen Rivalen
hatte.
—Debussy
Trotz aller Inventionen und Modernitäten:
Debussy trauert der "französischen Tradition"
hinterher
"Alles, was ich hier sagte, bezieht sich nur auf den Dichter,
den man in Wagner zu bewundern pflegt, und betrifft in keiner Weise den
musikalischen Teil des Parsifal, der überall von erlesener Schönheit
ist. Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt,
edel und voller Kraft. Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler,
die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden sind. Ich
konnte Ihnen trotz der Société des Grandes Auditions so ausführlich
von Parsifal sprechen, weil ich mir die Erinnerung an meine Reise nach
Bayreuth im Jahre 1889 bewahrt habe. Wäre doch die Treue der Erinnerung
imstande, mir die entgangene Aufführung zu ersetzen! Zauberhafte Zeit,
da ich noch ein fanatischer Wagnerverehrer war.
Wir haben unseren nationalen Charakter stets gewahrt. Aus
dem Wagnersturme werden wir nicht nur gesund und gerettet herausschreiten,
sondern, besser noch: gestärkt, befreit, gewappnet für die Zukunft.
—Debussy
Schon seit Jahren wiederhole ich unablässig: Wir sind
der musikalischen Tradition unseres Volkes seit innerhalb Jahrhunderten
untreu. Es ist wahr, man hat das Publikum oft irregeleitet, indem man ihm
als reine französische Tradition irgendeine Modeströmung darbot,
die keinerlei Anrecht auf diesen schönen Namen hatte. Wieviel parasitärer
Pflanzenwuchs überwucherte und erstickte die feinen Zweige des Stammbaumes
unserer Kunst und täuschte den unaufmerksamen Beobachter! Denn unsere
Nachsicht gegenüber den Eingebürgerten kennt keine Grenzen- In
der Tat besitzen wir seit Rameau keine eigentliche französische Tradition
mehr. Sein Tod hat den Ariadnefaden durchrissen, der uns den Weg wies im
Labyrinth der Vergangenheit. Von da an haben wir aufgehört, unseren
Garten zu bestellen. Wir haben den Handlungsreisenden aus aller Welt
die Hände geschüttelt, haben respektvoll ihren Anpreisungen gelauscht
und ihre Klamotten gekauft. Wir sind errötet vor Scham über unsere
kostbaren Eigenschaften, sobald es ihnen gefiel, darüber zu lächeln.
Wir haben die Welt um Vergebung gebeten für unseren Geschmack, für
die leichte, schlichte Klarheit und haben einen Choral angestimmt zum Ruhm
der Tiefe. Wir haben Prozeduren des Tonsatzes übernommen, die unserem
Geist völlig fernstanden, sprachliche Übertreibungen, die unserem
Denken wenig zuträglich waren, wir haben die Aufblähung des Orchesters
erduldet, die malträtierten Formen, den großen Aufwand und die
schreienden Farben. Dennoch besaßen wir in seinem Werk eine rein
französische Tradition, geformt aus Empfindung und liebenswürdiger
Zartheit, mit richtigen Akzenten, strenger Deklamation im Rezitativ, ohne
diese Sucht nach deutscher Tiefe, ohne diese Neigung, alles mit dem Holzhammer
zu unterstreichen und bis zur Bewußtlosigkeit zu erklären, was
doch nichts anderes heißt als: 'Ihr seid schon besondere Schwachköpfe,
alle miteinander, ihr kapiert überhaupt nichts, wenn man euch nicht
zuerst einmal zwingt, den Himmel für einen Dudelsack zu halten.' Es
ist nur zu bedauern, daß die französische Musik sich all zu
lange in Bahnen bewegte, die sie fernhielten von jener Klarheit im Ausdruck,
jener Genauigkeit und Gedrängtheit in der Form, die besonderen und
bezeichnenden Eigenschaften des französischen Geistes bilden. Ich
kenne recht gut die Theorie vom freien Austausch in der Kunst und weiß
auch, was er an beachtlichen Ergebnissen gezeitigt hat. Das ist aber keine
Entschuldigung dafür, daß man die Tradition Rameaus, dessen
Werk angefüllt ist mit Funden von fast einzigartigem Rang, so sehr
vergessen konnte.
—Debussy