Ich habe Pelléas et Mélisande 1893
kennengelernt. Trotz meiner Begeisterung beim ersten Lesen und vielleicht
dem heimlichen Gedanken an eine mögliche Musik dazu, begann ich erst
Ende des gleichen Jahres, mich ernsthaft damit zu beschäftigen.
Seit langem schon war es meine Absicht gewesen, Musik für das Theater zu schreiben, aber die Form, in der ich dies tun wollte, war so ungewöhnlich, daß ich nach verschiedenen Versuchen den Plan schon fast aufgegeben hatte. Frühere Erkundungsgänge im Bereich der Instrumentalmusik hatten bei mir eine Abneigung gegen die klassische Durchführungstechnik hervorgerufen, deren Schönheit rein technischer Art ist und außer den Mandarinen unserer Kaste keinen Menschen interessiert. Ich strebte für die Musik eine Freiheit an, die sie vielleicht mehr als jede andere Kunst in sich birgt, eine Freiheit, welche nicht mehr auf die mehr oder weniger getreue Wiedergabe der Natur eingeengt bleiben, sondern auf den geheimnisvollen Entsprechungen zwischen Natur und Phantasie beruhen sollte.
Nach einigen Jahren leidenschaftlicher Pilgerfahrten nach
Bayreuth begann ich, an der Lösung Wagners zu zweifeln, oder vielmehr,
es schien mir, daß sie nur für den Spezialfall des Wagnerschen
Genies tauglich sei. Wagner war ein großer Sammler musikalischer
Formeln, er faßte sie zu einer Gesamtformel zusammen, die als ursprüngliche
Errungenschaft erschien, weil man sich in der Musik schlecht aus-kannte.
Und ohne sein Genie leugnen zu wollen> läßt sich doch sagen,
daß er für die Musik unserer Zeit den Schlußstein bfldet,
ähnlich wie Victor Hugo, der die gesamte frühere Dichtung in
sein Schaffen ein-schmolz. Folglich sollte man seine Erkundungen jenseits
von
Wagner treiben und nicht in seinem Schlepptau.
Das Pelléas-Drama, das trotz seiner traumhaften
Atmosphäre bei weitem mehr Menschlichkeit enthält als all die
sogenannten »lebens-echten Stoffe<, schien mir auf wunderbare
Weise dem zu entsprechen, was ich wollte. Es herrscht hier eine zauberisch
beschwörende Sprache, deren sensible Nuancen ihre Weiterführung
in der Musik und im orchestralen Klangkolorit finden konnten. Auch habe
ich versucht, einem Schönheitsgesetz zu gehorchen, das man seltsamerweise
zu vergessen scheint, sobald es sich um Musik für das Theater handelt.
Die Personen des PelIéas-Dramas versuchen ganz natürlich zu
singen und nicht in einem willkürlichen Tonfall, der aus veralteten
Traditionen stammt. Das hat mir den Vorwurf der Parteinahme für monotone
Deklamation eingetragen, in der es nicht die geringste Melodik gebe. Zum
ersten ist das falsch; zum zweiten lassen sich die Gefühle einer Person
nicht unausgesetzt auf melodische Art ausdrücken; zum dritten muß
die dramatische Melodie ganz anders beschaffen sein als die Melodie im
allgemeinen. Die Leute, die im Theater Musik hören wollen, lassen
sich mit jenen vergleichen, die um die Straßensänger herum-stehen!
Hier kann man sich für zwei Sous melodische Gemütsbewegungen
verschaffen, es ist sogar eine weit größere Geduld im Zuhören
festzustellen als bei vielen Abonnenten unserer subventionierten Theater,
ja, man könnte von einer »Bereitschaft zum Verständnis«
sprechen, die dem hochgestellten Publikum völlig abgeht.
Es liegt schon eine einzigartige Ironie darin, daß
das gleiche Publikum, das nach »Neuem« verlangt, jedesmal dann
außer Fassung gerät und sich mokiert, wenn man versucht, es
aus seinen Gewohnheiten und seinem eingefleischten Wohlbehagen herauszulocken.
Das mag manchem unverständlich vorkommen, aber man darf nicht vergessen,
daß ein Kunstwerk, ein Versuch zur Schönheit, auf viele Leute
wie eine persönliche Beleidigung zu wirken scheint.
Ich maße mir nicht an, im Pelléas alles
entdeckt zu haben, aber ich Vabe einen Weg zu bahnen versucht, auf dem
andere folgen und den ie mit persönlichen Funden ausbauen können,
die vielleicht die dramatische Musik von dem drückenden Zwang befreien,
unter dem sie so lange lebt.
Eine erste Fassung von Pell6as war 1895 vollendet.
Dann habe ich Umarbeitungen, Modifizierungen usw. vorgenommen, und das
alles nahm fast zwölf Jahre meines Lebens in Anspruch.
April 1902