Ort und Zeit: Schloß Allemonde und Umgebung. Sagenhaftes
Mittelalter.
H a n d 1 u n g :
1. Akt. 1.S z e n e.
Ein kurzes Orchesterpräludium versetzt in die Stille
des Waldes. Bei der Verfolgung eines flüchtigen Wildes gewahrt
Golo die am Rand einer Quelle sitzende Melisande.
Auf
die Frage,
wie sie hierher gelangt sei, vermag sie nur unklar zu antworten; sie weiß
nichts, als daß sie von weit herkomme und die Menschen fürchte,
denen sie entflohen. Ihre Krone sei beim Weinen in den Quell gefallen.
Als Golo den Reif herausholen will, wehrt ihm Melisande, folgt jedoch dem
Ritter, wenngleich mit leisem Widerstreben.
Zwischenspiel
1.Akt 2. S z e n e.
Auf Schloß Allemonde liest Genoveva
dem greisen König Arkel einen Brief Golos vor, der seine Verbindung
mit Melisande mitteilt. Wenn Arkel mit der Wahl einverstanden
sei,
solle er drei Nächte lang im Giebel des Turmes ein Licht anzünden
lassen. Arkel, der sich erinnert, daß Golo seine erste Ehe unter
politischem Zwang hat schließen müssen, widerstrebt nicht. Genoveva
beauftragt Pelleas, dafür zu sorgen, daß die Lampe
hell auf die See leuchte.
Zwischenspiel
1.Akt 3. S z e n e.
Vor dem Schlosse klagt Melisande, Allemondes düstere Umgebung
bedrücke sie. Genoveva meint tröstend, auch sie habe sich erst
eingewöhnen müssen. Unruhigen Schrittes nähert sich Pelleas;
er fürchtet einen kommenden Sturm. Die drei sehen ein Schiff in die
nebelverhangene
Meeresbucht hinaus stechen; es ist das Fahrzeug, das Melisande hierher
gebracht hat. Pelleas geleitet Melisande ins Schloß, wobei er ihr
mitteilt, daß er bald reisen werde. »Warum?« ist Melisandes
mehr ängstliche als neugierige Frage.
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2. Akt. 1.S z e n e
Im Parke ergehen sich Pelleas und Melisande,
wie Kinder einander zugetan. Pelleas fragt nach der ersten Begegnung mit
Golo,
Melisande
aber lenkt ab. Dabei gleitet Golos Ring von ihrer spielenden Hand und sinkt
in die Tiefedes Brunnens. Auf Melisandes erschrockene Frage, was
sie Golo antworten solle, wenn er nach dem Ring frage, erwidert Pelleas:
»Die Wahrheit !«
2. Akt 2. S z e n e
Zur gleichen Stunde, da Pelleas und Melisande im Park gewandelt,
ist Golo bei einem Ausritt mit seinem Roß gestürzt; Melisande
pflegt ihren Gatten. Goln fühlt ihre Traurigkeit, und sie gesteht
ihre Sehnsucht nach einem heiteren Blau des Himmels.
Heute
morgen im Garten habe sie dieses zum ersten Male gesehen. Als Golo ihre
Hand ergreifen will, vermißt er den Ring an ihrem Finger. Auf seine
Frage entgegnet Melisande verwirrt, sie habe das Kleinod verloren, als
sie bei einer Grotte am Strande für Yniold,
Golos Söhnchen aus erster Ehe Muscheln gesucht habe. Golo gebietet
ihr, sofort den Ring zu suchen. Da Melisande die hereinbrechende Nacht
fürchtet, empfiehlt Golo Pelleas als Begleiter.
2. Akt 3. S z e n e
Pelleas und Melisande nähern sich der Felsengrotte.
Sie zögern, diese zu betreten.
Als
der Mond
seine Strahlen über den Eingang
der Höhle wirft, gewahrt man im Inneren drei elend aussehende Greise
in tiefem Schlaf. Entsetzt weicht Melisande zurück; Pelleas erklärt
ihr, daß Hungersnot im Lande herrsche. Ohne die Grotte zu betreten
zu haben, ziehen sich die beiden zurück.
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3. Akt. 1. S z e n e.
Am Fenster des Schloßturms strählt
Melisande ihr goldenes Haar. Pelleas erscheint, um Abschied zu nehmen.
In kindlichem Spiel überflutet Melisande, sich aus dem Fenster neigend,
Pelleas mit den
Wogen
ihrer Locken, und Pelleas knüpft
diese, damit sie ihm nie wieder entweiche, ans Geäst des Weidenbaums.
Unversehens naht Golo und forscht, was sie hier zu so später Stunde
trieben. Da ihm keine Antwort wird, meint er mit nervösem Lachen:
« Kindereien .. . Kindereien!«
Melisandes
Tauben aber sind aufgeflogen, um nie mehr wiederzukehren.
3 Akt 2. Sz e n e.
In den unterirdischen Gewölben
der Burg zeigt Golo seinem Bruder die abgrundtiefe Zisterne, von der eisiger
Hauch des Todes weht. «Gewahrest du den Abgrund, Pelleas?" Schaudernd
wendet sich dieser, und schweigend entschreiten die Brüder. -
3 Akt 3. Sz e n e.
Golo und Pelleas sind ans Tageslicht
emporgestiegen. Golo rät dem Bruder, Melisande, die in unferner Zeit
Mutter werde, künftig mehr zu meiden, jedoch so, daß es ohne
Absicht scheine. -
3 Akt 4. S z e n e.
Vor dem Schlosse sucht der von schweren
Zweifeln gequälte Golo aus dem Kinde Yniold herauszubekommnen, was
Pelleas und Melisande während seiner Abwesenheit trieben. Ausweichend
antwortet der Knabe. Auch als Golo Yniold zum Fenster emporhebt, um von
ihm zu erfahren, was er im Zimmer erblicke, wird ihm keine Gewißheit.
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4. Akt. 1. S z e n e.
Pelleas teilt Melisande mit, daß er auf Wunsch seines Vaters
verreisen werde. Am Abend wollen sich beide am Brunnen
im Parke treffen, um Abschied voneinander zu nehmen.
4 Akt 2.Szene.
Melisande weilt bei König Arkel,
den es zu ihrer Jugend zieht, denn «man braucht die Schönheit
so sehr, wenn der Tod schon winkt«. Golo, von Eifersucht ergriffen,
senkt forschend seinen Blick in Melisandes Augen. Arkel sieht darin nur
lautere Unschuld, allein Golo verlacht ihn und packt Melisande wild bei
den Haaren. Arkel tritt dazwischen, Golo gewinnt scheinbar die Ruhe wieder,
entfernt sich aber unter versteckten Drohungen.
4 Akt 3.S z e n e
Der im Garten nahe dem Brunnen spielende Yniold
sucht einen schweren Stein zu heben, unter den ihm sein goldener Ball geraten.
Vergebliche Mühe.
Von
ferne hört man das Blöken einer Schafherde; als die Tiere am
Brunnen vorbeigetrieben werden, verstummen sie angstvoll. Auch Yniold entfernt
sich, von unerklärlicher Furcht durchschauert. -
4 Akt 4. S z e n e.
Pelleas und Melisande treffen sieh beim Brunnen
vor dem Schlosse. Das Geständnis gegenseitiger Liebe entströmt
ihren Lippen.
Plötzlich
wird das Burgtor geschlossen. Beide können nicht mehr zurück.
Aus dem Schatten stürzt Golo und streckt den Bruder am Rand des Brunnens
nieder. Melisande flieht, von ihrem Gatten stumm verfolgt.
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5. Akt.
Um Melisandes Lager stehen Arkel, Golo
und der Arzt. Auch Golos Reue vermag Melisande, die unterdessen ein Töchterchen
geboren, nicht in diesem Dasein zu halten.
Leise
und still, wie sie gelebt, löscht sie aus.
In einem Schlußwort, weist Arkel auf die unlösbaren Rätsel
in der Menschenbrust.
M u si k :
Das Wesen des musikalischen lmpressionismus
scheint
zunächst nur geringe Beziehung zur Welt des Theaters und des Dramas
zu haben. Es ist mit seiner Verhaftetheit in der Stimmung des Augenblicks
mehr lyrischer als dramatischer Natur.
Wenn in Pelleas und Melisande trotzdem der Versuch gelungen ist,
so lag das einerseits am künstlerischen Genie Debussys, das in diesem
einen Falle ein Grundgesetz des musikalischen Theaters durch seine eigene
Regel aufzuheben vermochte, andererseits an der glücklichen Wahl des
Stoffes, der der Eigenart des Komponisten vielfach entgegenkam.
Schon in Maeterlincks Dichtung ist
an Stelle des Geschehens die Stimmung, an Stelle der Empfindung die Andeutung
gesetzt . Maeterlincks Drama steckt voll unausgesprochener Dinge, seine
Figuren gehen gleich Traumwandlern durch eine ihnen fremde und ferne Welt.
Hier lag für die Musik als jener Kunst, die wie keine andere
das auszutönen vermag, was zwischen den Worten schwebt, ein Feld weiterer
Möglichkeiten.
Debussys Oper ist aus einer bewußten Kampfstellung gegen Wagners
Stil, gegen sein Auskomponieren des Wortes, gegen die symphonische Entladung
der leidenschaftlich geoffenbarten Gefühle entstanden. Sie befleißigt
sich daher äußerster Zurückhaltung und Differenziertheit,
basiert harmonisch auf der Ganztonleiter, ist rhythmisch ungemein biegsam
und nervig, voll gedämpfter Farben, die sich nur an wenigen Stellen
zu ungebrochener Leuchtkraft oder gar zur Glut entfalten.
In ein irisierendes und opalisierendes Orchester
werden die meist psalmodierenden, jedoch höchst
reizend gestalteten Singstimmen eingebettet. Mosaikartig und aphoristisch
reiht sieh Stimmung an Stimmung, aber diese formen sich im Zwange eines
gemeinsamen Stils zum einheitlichen Gesamtbilde.
So entstand ein Werk, einzig und unwiederholbar, ein Ausnahmefall
der Opemgeschichte, zwar nicht des Interesses breiter Massen, jedoch derjenigen
gewiß, die Freude an letzter Sublimierung des
musikalischen Ausdrucks empfinden.