•                                     Pelleas und Melisande
  •                                               (Opernführer/Reclam 1960)
  • Musikdrama in 5 Akten von Maurice Maeterlinck (1862-1949), belgischer Dichter und philosophischer Schriftsteller, Mitbegründer eines poetischen Symbolismus.
  • Uraufführung am 30. April 1902 in Paris. Deutsche Erstaufführung am 19. April 1907 in Frankfurt a.M.
  •               Akt 1     Akt 2        Akt3      Akt 4        Akt 5
    Personen:
    -  Arkel, König von Allemonde (Baß)
    -  Genoveva, Mutter des Pelleas und Golo (Alt)
    -  Pelleas (Ten.) und Golo (Bar.), Enkel des Königs Arkel
    -  Melisande (Sopr.)
    - Der kleine Yniold, Golos Sohn aus erster Ehe (Knabenstimme)
    - Ein Arzt (Baß)              - Drei Greise (stumm)               - Dienerinnen.

    Ort und Zeit:  Schloß Allemonde und Umgebung. Sagenhaftes Mittelalter.
     

    H a n d 1 u n g :

    1. Akt. 1.S z e n e.
    Ein kurzes Orchesterpräludium versetzt in die Stille des Waldes. Bei der Verfolgung eines flüchtigen Wildes gewahrt Golo die am Rand einer Quelle sitzende Melisande. Auf die Frage, wie sie hierher gelangt sei, vermag sie nur unklar zu antworten; sie weiß nichts, als daß sie von weit herkomme und die Menschen fürchte, denen sie entflohen. Ihre Krone sei beim Weinen in den Quell gefallen. Als Golo den Reif herausholen will, wehrt ihm Melisande, folgt jedoch dem Ritter, wenngleich mit leisem Widerstreben.
                                                      Zwischenspiel 
    1.Akt 2. S z e n e.
    Auf Schloß Allemonde liest Genoveva dem greisen König Arkel einen Brief Golos vor, der seine Verbindung mit Melisande mitteilt. Wenn Arkel mit der Wahl einverstanden sei, solle er drei Nächte lang im Giebel des Turmes ein Licht anzünden lassen. Arkel, der sich erinnert, daß Golo seine erste Ehe unter politischem Zwang hat schließen müssen, widerstrebt nicht. Genoveva beauftragt Pelleas, dafür zu sorgen, daß die Lampe hell auf die See leuchte.
                                                    Zwischenspiel 
    1.Akt  3. S z e n e.
    Vor dem Schlosse klagt Melisande, Allemondes düstere Umgebung bedrücke sie. Genoveva meint tröstend, auch sie habe sich erst eingewöhnen müssen. Unruhigen Schrittes nähert sich Pelleas; er fürchtet einen kommenden Sturm. Die drei sehen ein Schiff in die nebelverhangene Meeresbucht hinaus stechen; es ist das Fahrzeug, das Melisande hierher gebracht hat. Pelleas geleitet Melisande ins Schloß, wobei er ihr mitteilt, daß er bald reisen werde. »Warum?« ist Melisandes mehr ängstliche als neugierige Frage.
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    2. Akt. 1.S z e n e
    Im Parke ergehen sich Pelleas und Melisande, wie Kinder einander zugetan. Pelleas fragt nach der ersten Begegnung mit Golo, Melisande aber lenkt ab. Dabei gleitet Golos Ring von ihrer spielenden Hand und sinkt in die Tiefedes Brunnens. Auf Melisandes erschrockene Frage, was sie Golo antworten solle, wenn er nach dem Ring frage, erwidert Pelleas: »Die Wahrheit !«
     
     

    2. Akt  2. S z e n e
    Zur gleichen Stunde, da Pelleas und Melisande im Park gewandelt, ist Golo bei einem Ausritt mit seinem Roß gestürzt; Melisande pflegt ihren Gatten. Goln fühlt ihre Traurigkeit, und sie gesteht ihre Sehnsucht nach einem heiteren Blau des Himmels.Heute morgen im Garten habe sie dieses zum ersten Male gesehen. Als Golo ihre Hand ergreifen will, vermißt er den Ring an ihrem Finger. Auf seine Frage entgegnet Melisande verwirrt, sie habe das Kleinod verloren, als sie bei einer Grotte am Strande für Yniold, Golos Söhnchen aus erster Ehe Muscheln gesucht habe. Golo gebietet ihr, sofort den Ring zu suchen. Da Melisande die hereinbrechende Nacht fürchtet, empfiehlt Golo Pelleas als Begleiter.

    2. Akt 3. S z e n e
    Pelleas und Melisande nähern sich der Felsengrotte.  Sie zögern, diese zu betreten. Als der Mond seine Strahlen über den Eingang der Höhle wirft, gewahrt man im Inneren drei elend aussehende Greise in tiefem Schlaf. Entsetzt weicht Melisande zurück; Pelleas erklärt ihr, daß Hungersnot im Lande herrsche. Ohne die Grotte zu betreten zu haben, ziehen sich die beiden zurück.
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    3. Akt. 1. S z e n e.
    Am Fenster des Schloßturms strählt Melisande ihr  goldenes Haar. Pelleas erscheint, um Abschied zu nehmen. In kindlichem Spiel überflutet Melisande, sich aus dem Fenster neigend, Pelleas mit denWogen ihrer Locken, und Pelleas knüpft diese, damit sie ihm nie wieder entweiche, ans Geäst des Weidenbaums. Unversehens naht Golo und forscht, was sie hier zu so später Stunde trieben. Da ihm keine Antwort wird, meint er mit nervösem Lachen: « Kindereien .. . Kindereien!« Melisandes Tauben aber sind aufgeflogen, um nie mehr wiederzukehren.

    3 Akt 2. Sz e n e.
    In den unterirdischen Gewölben der Burg zeigt Golo seinem Bruder die abgrundtiefe Zisterne, von der eisiger Hauch des Todes weht. «Gewahrest du den Abgrund, Pelleas?" Schaudernd wendet sich dieser, und schweigend entschreiten die Brüder. -

    3 Akt 3. Sz e n e.
    Golo und Pelleas sind ans Tageslicht emporgestiegen. Golo rät dem Bruder, Melisande, die in unferner Zeit Mutter werde, künftig mehr zu meiden, jedoch so, daß es ohne Absicht scheine. -

    3 Akt  4. S z e n e.
    Vor dem Schlosse sucht der von schweren Zweifeln gequälte Golo aus dem Kinde Yniold herauszubekommnen, was Pelleas und Melisande während seiner Abwesenheit trieben. Ausweichend antwortet der Knabe. Auch als Golo Yniold zum Fenster emporhebt, um von ihm zu erfahren, was er im Zimmer erblicke, wird ihm keine Gewißheit.
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    4. Akt.  1. S z e n e.
    Pelleas teilt Melisande mit, daß er auf Wunsch seines Vaters verreisen werde. Am Abend wollen sich beide am Brunnen im Parke treffen, um Abschied voneinander zu nehmen.

    4 Akt  2.Szene.
    Melisande weilt bei König Arkel, den es zu ihrer Jugend zieht, denn «man braucht die Schönheit so sehr, wenn der Tod schon winkt«. Golo, von Eifersucht ergriffen, senkt forschend seinen Blick in Melisandes Augen. Arkel sieht darin nur lautere Unschuld, allein Golo verlacht ihn und packt Melisande wild bei den Haaren. Arkel tritt dazwischen, Golo gewinnt scheinbar die Ruhe wieder, entfernt sich aber unter versteckten Drohungen.

    4 Akt  3.S z e n e
    Der im Garten nahe dem Brunnen spielende Yniold sucht einen schweren Stein zu heben, unter den ihm sein goldener Ball geraten. Vergebliche Mühe. Von ferne hört man das Blöken einer Schafherde; als die Tiere am Brunnen vorbeigetrieben werden, verstummen sie angstvoll. Auch Yniold entfernt sich, von unerklärlicher Furcht durchschauert. -
     

    4 Akt  4. S z e n e.
    Pelleas und Melisande treffen sieh beim Brunnen vor dem Schlosse. Das Geständnis gegenseitiger Liebe entströmt ihren Lippen. Plötzlich wird das Burgtor geschlossen. Beide können nicht mehr zurück. Aus dem Schatten stürzt Golo und streckt den Bruder am Rand des Brunnens nieder. Melisande flieht, von ihrem Gatten stumm verfolgt.
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    5. Akt.
    Um Melisandes Lager stehen Arkel, Golo  und der Arzt. Auch Golos Reue vermag Melisande, die unterdessen ein Töchterchen geboren, nicht in diesem Dasein zu halten. Leise und still, wie sie gelebt, löscht sie aus. In einem Schlußwort, weist Arkel auf die unlösbaren Rätsel in der Menschenbrust.
     
     
     

    M u si k :
    Das Wesen des musikalischen lmpressionismus scheint zunächst nur geringe Beziehung zur Welt des Theaters und des Dramas zu haben. Es ist mit seiner Verhaftetheit in der Stimmung des Augenblicks mehr lyrischer als dramatischer Natur.
    Wenn in Pelleas und Melisande trotzdem der Versuch gelungen ist, so lag das einerseits am künstlerischen Genie Debussys, das in diesem einen Falle ein Grundgesetz des musikalischen Theaters durch seine eigene Regel aufzuheben vermochte, andererseits an der glücklichen Wahl des Stoffes, der der Eigenart des Komponisten vielfach entgegenkam.
    Schon in Maeterlincks Dichtung ist an Stelle des Geschehens die Stimmung, an Stelle der Empfindung die Andeutung  gesetzt . Maeterlincks Drama steckt voll unausgesprochener Dinge, seine Figuren gehen gleich Traumwandlern durch eine ihnen fremde und ferne Welt.
    Hier lag für die Musik als jener Kunst, die wie keine andere das auszutönen vermag, was zwischen den Worten schwebt, ein Feld weiterer Möglichkeiten.
    Debussys Oper ist aus einer bewußten Kampfstellung gegen Wagners Stil, gegen sein Auskomponieren des Wortes, gegen die symphonische Entladung der leidenschaftlich geoffenbarten Gefühle entstanden. Sie befleißigt sich daher äußerster Zurückhaltung und Differenziertheit, basiert harmonisch auf der Ganztonleiter, ist rhythmisch ungemein biegsam und nervig, voll gedämpfter Farben, die sich nur an wenigen Stellen zu ungebrochener Leuchtkraft oder gar zur Glut entfalten.
    In ein irisierendes und opalisierendes Orchester werden die meist psalmodierenden, jedoch höchst reizend gestalteten Singstimmen eingebettet. Mosaikartig und aphoristisch reiht sieh Stimmung an Stimmung, aber diese formen sich im Zwange eines gemeinsamen Stils zum einheitlichen Gesamtbilde.
    So entstand ein Werk, einzig und unwiederholbar, ein Ausnahmefall der Opemgeschichte, zwar nicht des Interesses breiter Massen, jedoch derjenigen gewiß, die Freude an letzter Sublimierung des musikalischen Ausdrucks empfinden.