Debussys einzige vollendete Oper, uraufgeführt
1902 in Paris, ist ein Dokument vollkommener Übereinstimmung des Ausdrucks
von Sprache und Musik.
Der Komponist beschäftigt sich über ein
Jahrzehnt mit Maurice Maeterlincks 1892 vollendetem
Sprechdrama "Pelléas et Mélisande" und macht es fast ungekürzt
zum "Libretto" seines Bühnenwerkes.
Konzeption und Komposition der Musik im Spiegel des
Dramas durchlaufen dabei viele Wandlungen und Umarbeitungen. Seit der ersten
Fassung von 1895 ist es umstritten, wird es scharf kritisiert, abgeurteilt,
nur von wenigen verstanden. Die zeitgenössische Musikkritik, wie sie
Emmanuel überliefert, äußert Wertschätzung
für das Werk, aber auch harte Kritik.
Richard Strauss ist als
Komponist zwar ein besonderes "Publikum", zeigt jedoch nur Unverständnis
für das Stück.
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Pelléas et Mélisande' , komponiert an
der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert, erfährt heute, an der Wende
vom 20.zum 21.Jahrhundert, eine weltweite Renaissance und neue Aktualität,
und immer noch gibt es détaillierte Auseinandersetzungen über
die Bedeutung und den Stellenwert des Stückes in der Musikgeschichte:
sowohl unter dem Theaterpublikum - der Gruppe der engagierten Laien und
eigentlichen Adressaten des Komponisten -als auch unter den Musikwissenschaftlern
und Musikkritikern -der Gruppe der Kenner und Experten, deren Fülle
an Publikationen zur Oper und deren Umfeld inzwischen kaum noch zu
überschauen ist.
Enthusiasmus wie auch Feindseligkeit, unreflektiertes
verherrlichen wie auch kompromissloses Verdammen begleiten das Stück
in beiden Gruppen.
,,wirklich geliebt wird diese Oper wohl nicht. Zu
sehr entzieht sich ihre quecksilrige changierende Gestalt auch noch beim
wiederholten Hören, zu sehr bleibt ihr verwunschenes Personal in sich
verschlossen, nebulös, diffus in seinem Wollen und Werden. Es fehlt
an Identifikationsmöglichkeiten, an einfachen Charakteren. Man bewundert,
man lobt, doch kein Herz wird gerührt. ,,313
Einig ist man sich allerdings damals wie heute, daß
eine so enge Verbindung von Text und Musik, wie sie durch die Verschmelzung
des Maeterlinckschen Sprechdramas mit der Komposition Debussys möglich
wurde, einzigartig ist: ,
Angesichts der Literaturfülle und des Prozeßcharakters
der fortlaufenden Laien- und Experten-Diskusssion ist es notwendig, sich
zu beschränken und Aspekte zu suchen,. die sich in das Gesamtspektrum
des Werkes einordnen lassen.Dabei muß es vor allem um die Betrachtung
der direkten Begegnung von Sprache und Musik im ,,Einzelfall" - also von
Maeterlincks Sprechtheaterstück ,,Pelléas et Mélisande"
mit Debussys Komposition - gehen, zugleich aber auch um die Überprüfung
und Messung des Werkes an Vergleichsbeispielen der Komponisten Wagner und
Strauss sowie an künstlerischen Strömungen und Einflüssen
der Zeit, an Debussys ästhetischem ,,Umfeld".
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So versucht man bei der Frage nach der Ausgewogenheit
des ,,Wort-Ton-Verhältnisses" eines musikalischen Bühnenwerkes
zunächst, die Wertigkeit zu bestimmen, die eine Textvorlage hat, solange
diese ohne Musik existiert. Man kann der Ansicht sein, erst Debussy
habe Materlincks Text zur eigentlichen Bedeutung und intensiveren Wirkung
gebracht, er habe dem literarischen Symbolismus durch seine Zwischenspiele
geholfen und das Sprechdrama damit überhöht.
Die Kluft zwischen dem musiktheatralisch-dramatischen
Operndialog der Vergangenheit und der angestrebten mehrdeutigen Sprachlosigkeit
bei Maeterlinck und Debussy, - Kunze spricht davon, "Sprache" werde
"durch Musik zur Manifestation des Unsagbaren und des Verstummens. Maeterlincks
Dialoge erfüllten Debussys Postulat, die Dinge seien nur halb auszusprechen."
Wir sähen ,,die im musikalischen Drama gedeutete
historische Situation der Musik als einer Sprache sul generis."318
-erschwert den Zugang zu ,,Pelléas et Mélisande", ist zugleich
aber eine wichtige Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Gattung
Oper und deren ,,Tauglichkeit" auch am Ende des 20. Jahrhunderts.
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Debussy ist sich der Tatsache bewußt, daß
er deshalb auch eine andere Art von Schauspieler-Sänger für sein
Stück benötigt, als man bisher für die musikalischen Bühnenwerke
gewohnt ist, denn sie sollen ,,vergessen, daß sie Sänger sind".Die
Rolle der Musik, die sie im Verhältnis zur Sprache, durch die Sprache
und auch ohne die Sprache spielt, definiert er als dramatische Kraft neu.
Er steht in der Tradition; konsequent und zugleich sehr individuell und
in unerwarteter Weise setzt er eine Entwicklung fort, die das Verhältnis
zwischen Musik und Sprache fortlaufend verändert hat und und weiter
verändert. Sein Beitrag zur Veränderung der Gattung Oper
ist das Ergebnis eines Reifungsprozesses, in der Musikgeschichte allgemein
wie in seinem eigenen kompositorisch-ästhetischen Schaffen: Das Berühren
der Randgebiete des Singens wie Schreien, Fast-Sprechen, Flüsternd-Singen
und die vielgestaltigen, stufenlosen Übergänge vom gewöhnlichen
Sprechen bis zum ,,cantablen" Singen erklären sich durch die andersartige
Gestaltung des Textes.
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Sie verweist auf den Begriff der ,,musikalischen Prosa"
und erreicht ,,eine paramusikalische Sphäre der Vokalität". In
der Nachfolge Wagners, aber über ihn hinauswachsend und spezifisch
französisch, verschmilzt Debussy Text und Musik, beweist er die Notwendigkeit
der wechselseitigen Unterstüwung und Bereicherung beider Elemente
in seinem ,,Pelléas".
Die neue Sicht und Behandlung der Sprache entspricht
Strömungen in seiner Zeit, und das Versiegen des Sprachcharakters
in der bedeutenden Musik um 1900 erscheint wie die Kehrseite der Idee des
,l'art pour l'art'." Debussy gilt von 1902/03 an als ,,l´auteur
de Pelléas" und wird bei allen späteren Kompositionen - obwohl
er keine weitere Oper geschrieben hat - an diesem Werk gemessen.
Er hat für die Entwicklung des Verhältnisses
von Sprache und Musik die Ideale verwirklicht, die er als "Monsieur Croche"
darlegt.
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Text und Musik erscheinen von gleich großer Wichtigkeit.
Dennoch ist die Nachwirkung des Dichters im Vergleich zu der des Komponisten
in der Rezeptionsgeschichte des ,,Pelléas" auffallend gering. Von
heute aus betrachtet wird der Unterschied, die ,,Inkongruenz" der Wirkung
der beiden Künstler deutlich. Debussys Musik besticht im Vergleich
mit dem Text Maeterlincks durch ihre anhaltende Neuartigkeit.
Ihre Originalität zeigt sich in der Rücksichtnahme
auf die französische Stimmcharakteristik und die Prosodie.
Der Musiker will sich so weit wie möglich dem reinen Tonfall der Sprache
annähern. Er will die vokale Linie der Sprechdeklamation
nachzeichnen:
,,Die Bedeutung des Pelleas als eines unersetzlichen
Meisterwerkes sehen wir heute darin, daß hier die musikalische Struktur
die vokale wie die instrumentale - die volle Verantwortung für die
Szene übernimmt."(Boulez)
Debussys Arbeit spiegelt sich in seinem Schaffensprozeß
immer wieder in den Anregungen und Analogien im Bereich des Jugendstils
und wächst über Maeterlinck hinaus. Er "holt in die Kunstwelt
Maeterlincks die Unmittelbarkeit der Naturmotive des Jugendstils, die Ornamente
des fallenden Haares, des fließenden Wassers; er komponien in die
ästhetische Rätselattitüde von Maeterlincks Drama Geschichte
hinein, deutet aber Geschichte - wie Munch* - als ewigen Zyklus."(Neuwirth)
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Der große Einfluß der zeitgenössischen
Strömungen in der bildenden Kunst auf
Debussys Oper ,,Pelléas et Mélisande" ist unstrittig. Die
,,Linienführung" ist dabei eines der verbindenden Elemente zwischen
Kunst und Musik.Debussy sagt selbst:
,,Pelléas n'cst que mélodie. Seulement,
cette mélodie n'est pas coupée, n'est pas divisée
en tranches selon les règles anciennes - et absurdes dc l'opéra!
Ma melodie est intentionnellement ininterrompue, sans nulle trêve,
car elle vise â reproduire la vie elle-même..."
Einerseits gewinnt die Musik dadurch an Beziehungsreichtum,
andererseits wird es aber auch schwerer, sie angemessen zu analysieren.
Wenn ein Kritiker nach Kriterien für eine Einführung
der Zuhörerschaft in ,,Pelléas et Mélisande" sucht,
findet er wenig Hilfe beim Komponisten, der ausdrücklich betont, es
sei gar nicht wichtig, in die Geheimnisse seines Werkes einzudringen.
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Obwohl seine Beziehung zur Theater- und Bühnenmusik
sehr intensiv ist, hinterläßt Debussy keine weitere Oper als
vollendetes Werk, wohl deshalb, weil eine so ideale Verbindung wie zu dem
Text Maeterlincks kein zweites Mal möglich ist.
,,Music took over at the point where words became
powerless, and seldom before or since has been such a perfect wedding of
the two ."(Orledge)
Er mag vorausgeahnt haben - oder weiß es spätestens
nach Abschluß der langjährigen Arbeiten am ,,Pelléas"
- , daß eine Annäherung oder gar Verschmelzung zweier Kunstformen
immer eine Seltenheit ist, oft sogar unmöglich bleibt. Zugleich muß
man festhalten, daß ,,Pelléas et Mélisande" ein Schlüsselwerk
im Leben Debussys geworden ist, quasi eine biographische Station, die auch
schon als solche unwiederholbar ist.
,,Pelleas ist also seine erste Oper und bleibt die
einzige; sie spiegelt die Jugend ihres Schöpfers, die Zeit, in der
er allmählich seiner eigenen Physiognornie bewußt wird. Eine
Oper der Entdeckung mehr als der Reflexion: Debussy ist nicht nur auf der
Suche nach der dramatischen Funktion, er formt gleichzeitig auch seine
Sprache aus. [...) Als seltener Augenblick in der Geschichte des Musiktheaters
besitzt diese Oper eine umfassende Bedeutung."(Boulez)
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Daß der Komponist überhaupt zu einem solchen
Höhepunkt innerhalb seines Schaffens gelangen kann, liegt an der Tatsache,
daß die Eigenbestimmung durch die Sprache für ihn eine so wichtige
Rolle spielt.
"Die Gesangswerke sind Debussys Experimentierfeld;
sie bedeuten in seinem Gesamtschaffen etwa so viel wie für Haydn das
Streichquartett, für Beethoven die Klaviersonate. Vom Vokalen her,
vom zeugenden Bildgehalt der Dichtung ausgehend unternimmt vor allem der
jüngere Debussy seine kühnen Vorstöße in musikalisches
Neuland."(Danckert)
Auch wenn bei vielen Kritikern Übereinstimmung darüber
herrscht, daß der Text schwächer sei als die Musik, so ist doch
zu betonen, daß erst durch Maeterlincks anspruchsvolle Sprechtheater-Vorgabe
eine Literaturoper wie ,,Pelleas et Melisande"
möglich wird. Hätte der Text nicht die ihm eigene hohe Qualität,
ginge Debussy niemals mehr als zehn Jahre lang damit um; er ist wirklich
fasziniert vom Drama auf dem Sprechtheater. Die jeweilige Wechselwirkung
zwischen Musik und Sprache im Zeichen des Symbolismus entspricht der Ästhetik
der Zeit und seiner persönlichen -elitären - Ästhetik.
"Wenn es eigentlich die Literatur ist, die symbolistische
Momente der Musik entlehnt, so wird dieses symbolistische Moment in der
Musik in Rückwirkung von der symbolistischen Literatur aus wieder
gesteigefl."(Liess)
Es erscheint paradox, aber erst das anspruchsvolle Wort,
der differenzierte Text machen Debussys besondere ,,Sprachlosigkeit"
und die Wirkungen seines ,,Schweigens" deutlich. Sein "Schweigen" - das
zeigt sich schon in den Liedern - braucht Worte.
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,,Pelléas et Melisande" profitiert textlich wie
musikalisch von den die Oper umgebenden Zeitströmungen: Als das Stück
uraufgeführt wurde, am 30. April 1902 in der Pariser Opera comique,
hat sich ein ästhetischer Paradigmenwechsel vollziehen können,
der Symbolismus herrscht vor.
Eine allerdings zeitunabhängige ästhetische
Grundfrage konfrontiert rnit dem Problem der Aufführung in der Übersetzung
bzw. der Originalsprache.Es scheint, daß Debussy selbst so stark
im Bann seiner französischen Diktion
ist, daß diese auch für eine aus heutiger Sicht adäquate
Interpretation maßgeblich sein sollte, da das Stück sonst einen
Teil seiner Wirkung verliert. Debussy ist Theatermusiker, Dramatiker und
Lyriker in einer Person; alle seine Musik ist sprachgezeugt.
Der Komponist erkennt seine Phobie vor Aufführungen
seiner Oper, da er mit Interpretation mehr verbindet als ,,nur" die musikalisch-textliche
Ausdeutung: ,,The interpretation is always so different frorn what I
mean it to be, not in die singers, but in the general interpretation. An
opera is not like a drama. .. A composer´s works have to pass through
a conductor, [... and the moment the conductor puts in his soul,
the composer is already in the background. So it pains me to hear my own
work."(Debussy zitiert)
,,Pelléas et Mélisande" ist auch zu deuten
als ,,sublimer Reflex" der Werke Wagners: Der leidenschaftliche Wagnerianer
Debussy verwandelt sich zwar im Laufe der Entstehungszeit des Werkes zum
Antipoden des deutschen Dichter-Musikers. Es stellt sich aber die Frage,
ob nicht die Gestalten Pelléas und Mélisande ein Teil-Erbe
aus Richard Wagners ,,Ring des Nibelungen" übernehmen.
Hirsbnenner erkennt: "Das Motiv des Seiles
[der Nornen in Wagners 'Ring'] , eine sich windende Figur in regelmäßigen
Achteln, überwuchert alles und gleicht sich auch die vordem charakteristischen
Motive an, dergestalt, daß daraus etwas entsteht, das Debussy um
1900 unter dem Einfluß des Jugendstils als Arabeske
deuten sollte, die die Basis jeder Kunst sei. Die Arabeske hält zwischen
einem individuellen, sich von der Umgebung abhebenden melodischen Gedanken
und einer stereotyp und dienend ablaufenden Begleitfigur die Mitte und
bildet doch die Hauptsache des musikalischen Verlaufs, aber nur insofern,
wie man bereit ist anzunehmen, daß nun das, was bei einem klassischen
Komponisten und beim frühen Wagner Nebensache wäre, zur Hauptsache
geworden ist. [...) Debussy führt die Entwicklung fort, die Wagner
am Anfang der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts begann, und setzt
an den extremsten Punkten des ,Ring' an, um sie im Nachhall bis zum letzten
zu sublimieren."
Geht man so weit zu sagen, daß der gesamte ,,Pelléas"
wagnerianisch sei, so kann das nur bedeuten, daß der Begriff des
Wagner-Erbes neben seiner positiven Bedeutung auch im Sinne von
Belastung und Verpflichtung benutzt werden muß. Man kommt dann im
Sinne einer ,,Nachfolge Wagners" auf das Problem der Leitmotivik
zurück und muß sehr differenziert Debussys Emanzipation von
der Wagnerschen ,,Technik" herausheben. Fragt man sich nach der Bedeutung
des Vorhandenseins oder Nicht-Vorhandenseins von ,,Leitmotiven", so kann
man vor dem Hintergrund einer langen Tradition auch in dieser Hinsicht
eine Umwandlung der Begriffe wie der Sachverhalte zu etwas Neuem feststellen:
Der "état d'âme"
der Personen und die ,,Rapports sonores" werden
wichtig, nicht das ,,plakative" Leitmotiv. Wichtig ist dabei vor allem
der Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Art,
Musik und Sprache zu verbinden. Debussy ist durch und durch Franzose und
findet vor diesem Hintergrund sein eigenes Ideal der Behandlung und Umsetzung
von Sprache.
Bereits ein oberflächlicher und rein visueller Vergleich
zwischen Wagners und Debussys Notationsweise zeigt dessen neuen Weg auf.
Bei aller Verehrung und intensiver Beziehung zu Wagner hebt Debussy hervor,
daß in keiner von dessen Opern eine so enge Verbindung zwischen Sprache
und Musik bestanden habe wie in seinem ,,Pelléas"
,,Je suis convaincu que dans aucun opéra de
Wagner on ne trouve au même degré que dans Pelléas
une correspondance perpétuelle entre le sens de la phrase écrite
et l'accent dc la phrase chantée." (Debussy)
Auch deshalb zögert er, in seiner Opernmusik Chöre
einzusetzen, weil dort die Schwierigkeit noch größer sei, den
Text und die jeweilige dramatische Situation angemessen zu präsentieren.
Neben Wagner gilt es, Strauss, als
den Zeitgenossen und Konkurrenten zu studieren, um im direkten Vergleich
der jeweiligen künstlerischen und ästhetischen Positionen das
Werk und die Anschauungen des Franzosen besser zu verstehen. Im Vergleich
zwischen ,,Pelléas" und "Salome" fällt die Unterscheidung zwischen
deutscher und französischer Sprachvertonung besonders ins Gewicht,
zeigt sich, daß die beiden ersten Literaturopern
unseres Jahrhunderts jeweils eigene Wege gehen.
Da "die Gattung der Literaturoper, deren Bedeutung
seit Debussys PelleSas ei M6lisande und der Salome von Strauss standig
gewachsen ist, eine Orientierung am Sprechtheater implizien"(Dahlhaus),
erscheinen die beiden Komponisten einerseits in ihren Anschauungen und
Idealen weit von einander entfernt angesiedelt; andererseits könnten
sie, wenn man beide historisch ,,einzuordnen" versucht, in ihrem Bestreben,
ein optimales Ergebnis der Verschmelzung von Sprache und Musik zu erreichen,
kaum einander näher sein.
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Debussy kämpft um die Ausgewogenheit von Sprache
und Musik, indem er sich ,,hinter die Personen" denkt. Er versucht, deren
Ausdrucksweise nachzuvollziehen und auf Musik zu übertragen.
Ein neuer Weg nach Wagner wird so erst nach langer
Arbeit erreicht und später von Mallarme,
der seine eigene Ästhetik darin bestätigt finden kann, zunächst
für das Sprechdrama, später auch für die Oper, anerkannt.
Neuartigkeit der Sprache wie des Singens zeichnet das
Bühnenwerk ,,Pelléas et Mélisande" aus.
Sein "Stil gründet sich zwar wie der Mussorgskis
auf die natürliche Redeweise, hebt sich aber von diesem ab. Von Rameau
dagegen unterscheidet ihn hauptsächlich das neue Ausdrucksmodell,
das jedoch nur ein neues Ausdrucksmodeli innerhalb der gleichen Sprache
ist."(Winzer)
Der Komponist lehnt sich eng an die Tradition an, schafft
jedoch etwas völlig Ungewöhnliches, Neues:
"Das alte französische Rezitativ
hat sich vor allem an der ,,déclamation un peu emphatique
des tragédiens de la Comedie Francaise" ausgerichtet. Debussys Modell
ist die natürliche Rede; sie insbesondere bedingt seine Andersartigkeit.
Dennoch verbindet beide, wie dargelegt, eine verwandte Gestaltungsweise
aufgrund der gleichen Sprache als gemeinsamer Basis. Die Tradition besteht
somit in der engen Anlehnung an den Sprechrhythmus
mit dem anapästi schen Schema bzw. dem Ende der Phrase oder Teilphrase
als Ziel der rhythmischen Bewegung sowie in der freieren metrischen Ordnung."(Winzer)
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Debussys Musik- " Sprache" entspricht seinen Charakteren,
besonders der Figur der Mélisande.
Die Bühnenfiguren verkörpern innerhalb der
Strömungen des Symbolismus selbst eine gewisse eigene, ,,persönliche"
Symbolik, die sie von früheren Opemfiguren abhebt. Worttonliche Charakteristika
der Personen bewegen sich zwischen größtmöglicher Genauigkeit
und vager Relativierung.
Zur schwachen Frauengestalt z.B. gesellen sich oft Blumen,
vor allem Rosen und Lilien, als symbolische Entsprechung.
Im ,,PelIéas" bevorzugt Debussy die geheimnisvolle
Kind-Frau.
So könnte man das Bild der Mélisande heute
auch unter einem feministischen Blickwinkel betrachten und ihre Unfreiheit
herausheben.
Gemeint ist jedoch zur Zeit Debussys eine andere Gestalt,
ein anderer Charakter, nämlich das Ideal der ,,femme fragile":
"Dieser Konzentration auf das Ideal der ,femme fragile'
entsprechend folgt Debussy, indem er analog zu Maeterlincks Drama eine
musikalische Einheitlichkeit entstehen läßt, die Zusammenhänge
in den Vordergrund ruckt und damit gleichzeitig Unterschiede in den Hintergrund
drängt."(Arndt)
Um den Personen die Symbolik so komplex wie möglich
zu erhalten, kann Debussy nur den gesamten Text Maeterlincks akzeptieren.Die
wenigen Stellen, an denen er ihn aus musikalisch-aufführungspraktischen
Gründen geringfügig kürzt, bilden Ausnahmen.
zurück
Eine genaue Analyse der Oper bestätigt die größtmögliche
Übereinstimmung zwischen Debussys und Maeterlincks Ästhetik.Sie
zeigt zugleich, daß aus dem Sprechdrama durch dessen erweiterte ,,Musikalisierung"
etwas ganz Neues geworden ist, das rückwirkend auch die Wiederaufnahme
des Sprechdramas ohne Musik in dessen Deklamation beeinflußt:
Maeterlick ,,funktioniert nicht mehr" ohne die Spuren des Komponisten Debussy.
Debussy formt im ,,Pelléas" einen eigenen Stil
aus, der alle ihn bestimmenden Einflüsse einbezieht. Er greift mit
großer Sensibilität und Disziplin sowohl die Tradition als auch
völlig neue Ideen auf. Debussy findet eine nuancenreiche eigene Gestalt
für sein Opernideal.
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324 Robertazzi, Musica e parola nell'estctica di Claudio Debussy, 8. 116.
325 Kunze, ebda., S.359.
326 s. Trillig, Untersuchungen zur Rezeption Qaude Debussys in der zeitgenössischen Musikkritik, Zusammenfassung 8.444-479.
327 Monsieur Croche, 8.62-64, Anfang April 1902 geschrieben.
328 s. Trillig, 8.451.