Die Vierte Szene des Vierten Aktes
(,,Une fontaine dans Je parc" II
Die Liebesszene zwischen Pelléas und Mélisande verknüpft alle Eben ,,Sprache" und ,,Musik" mit einander.
Hier wird klar, daß es wohl möglich wäre, die Kommunikationslosigkeit zu durchbrechen, ein Zu-Hören und Re-Agieren an die Stelle des Bei-Sich- Bleibens ohne ,,Frage" und ,,Antwort" zu setzen; es geschieht jedoch nicht.
Der ,,Dialog" zwischen Pelléas und Mélisande,
,,Tu ne sais pas ce que je vais te dire?" ,,Mais non, je ne sais rien." [...] ,,Oh! Q'£M6lisande? Je ne l'ai presque pas entendu! [...] Tu dis cela d'une voix qui vient du monde! Je ne t'ai presque pas entendue~" [...],,On dirait que ta voix a passe sur la printemps! Je ne l'ai jamais entendue jusqu'ici. [...] Tu dis cela si franchement! Co ange qu'on interroge.[.. .J Est-ce vrai ce que tu dis? Tu ne me trompes pas? Tu ne n un peu ... ,Non, je ne mens jamais, je ne mens qu'ä ton fr~re ...,,,, Oh! Cornme tu Ta voix! Ta voix! Eile est plus fraiche et plus franche que l'eau." (ab Ziffer 42),
mündet in die beiden paradoxen Ausagen ,,Je suis heureuse, mais
triste" (Melisande) und ,,Tout est perdu, tout est sauvé" (Pell6as),
mithin in die Ausweglosigkeit.
Von Beginn an läßt sich dieses Ende erahnen:
Das Orchester, das zunächst (ab Ziffer 42) die erotische Spannung
durch Sechzehntel-Tremoli und stetig aufsteigende Tonhöhen im Crescendc
vollzieht, bricht ab, als beide sich flüsternd ,,librement" ihre Liebe
gestehen, was Pelléas dann ,,fast nicht gehört" hat (,,Je ne
l'ai presque pas entendu!"
Er nimmt dem Geständnis jede ,,Romantik" und ,,zeitlose Seligkeit"
wie sie etwa im ,,Tristan" vorherrscht.
Im dreifachen Piano scheinen die wenigen begleitenden Instrumente
zögernd abzuwarten, bis bei Ziffer 44 das ,,Liebes-Motiv" im Horn,
später im Cello, in der Flöte und in der Oboe, verdeutlicht,
wie intensiv die Liebenden fühlen, wenngleich nur scheinbar auf einander
bezogen, in Wahrheit aneinander vorbei.
Das ,,Brunnenmotiv" wird mit den charakteristischen Sechzehnteln
mehrfach zitiert, damit der Verlust des Ringes wieder beschworen, vor allem
aber deutet sich durch das variierte ,,Golaud-Motiv" (zwei Takte vor Ziffer
47) die herannahende Gefahr an, noch ehe PeIléas selbst etwas ahnt.
Er schweigt (bei Ziffer 47) über den romantischsten Klängen
der Szene, die mit Harfenakkorden und ,,expressivem" Spiel des ,,Liebes-Motivs"
seine Worte ,"je l'ai trouvée, je ne crois pas qu'il y alt sur la
terre une femme plus beile" unterstützen.
Mélisande ist ihm bereits entglitten: Das Schweigen bei seiner Frage ,,Oü est tu?" im gesamten Orchester bestätigt dies.
In der gesamten Szene geht die instrumentale Interpretation den Worten voraus, weiß und ,,sagt" sie mehr, als der Text an ,,Botschaft" verrät.
Hier zeigt sich, daß Debussy von Wagners Erbe der ,,Ahnungen
des Orchesters" profitiert, zugleich die ,,Sprachhaftigkeit" seiner eigenen
symphonischen und kammermusikalischen Instrumentalmusik einbringt und außerdem
die Grenzbereiche zwischen ,,Sprechen" und ,,Singen", mit und ohne Text,
auszuloten und auf die instrumentale Interpretation zu beziehen versteht.