Die Erste Szene des Zweiten Aktes

,,Une fontaine dans le parc"

Ein Springbrunnen oder eine Quelle im Park sind Lieblingsbilder Debussys in seiner Vokal- und Instrumentalmusik, ähnlich wie eine Grotte oder auch ein Ufer.

Die Nähe des Wassers fasziniert und inspiriert ihn. Texte, die Szenen an Bach, Fluß oder Meer erzählen und deren besondere Atmosphäre einzufangen verstehen, ,,sprechen" durch seine Musik intensiver, spiegeln in Tönen eine märchenhaft-unwirkliche Stimmung, die Worte allein nicht fassen können.
Auch Maeterlincks symbolistisches Sprechdrama ,,Pelléas et Mélisande" lebt von Bezügen zum Wasser:
Der Brunnenrand zeigt sich als Ort der Trennung von überirdischer und unterirdischer, bewußter und unbewußter Welt.

Am Quellenrand sitzt die ,,femme fragile", als der Prinz sie findet; auf das
Meer schaut der Turm des Schlosses Allemonde, auf einem Schiff erwartet
Golaud die Nachricht, ob er mit Mélisande nach Hause kommen darf, am
Springbrunnen im Park spielt Yniold, vor einer Felsengrotte treffen sich
Pelléas und Mélisande, um den Ring zu suchen, am Brunnen wiederum gestehen sie einander ihre Liebe.
Sowohl die ,,Sprache" des Textes als auch die der Musik sind in jeder der Szenen nuanciert und vieldeutig zugleich.
Stellvertretend sei ,,Une fontaine dans le parc" analysiert.

Die Szene weist zwei Schichten auf:
Einerseits ist sie komponiert wie eines seiner Lieder, die fast keine virtuos theatralischen Züge des Gesangs kennen, hier mit farbiger Orchestrierung anstelle einer differenziert ausgestalteten Klavierbegleitung.
Andererseits ist sie gestaltet wie ein Opernauftritt, der einer szenischen Darstellung auf der Bühne bedarf und damit die eindeutige Gattungszugehörigkeit
zum Musiktheater dokumentiert, hier mit neuartiger Dramatik und ungewöhnlichen Steigerungsmomenten.
Nach einer Einleitung durch solistisch (,,hirtenhaft") einsetzende Bläser und Harfen-Akkordbrechungen über ruhigen Pizzicati erklingt im Takt vor Ziffer l das ,,Leitmotiv" des Pelléas.
Der Instrumentalteil verklingt im Pianissimo, bevor sich der Vorhang öffnet und bei Ziffer 2 mit dem ,,Brunnenmotiv" in den Streichern in angezogenem Tempo die Situation vorgestellt wird.
Mélisande und Pelléas befinden sich bei der ehemals wundertätigen Quelle, die vereinsamt ist, seit der König selbst fast erblindete: "Elle n'ouvre plus les yeux des aveugles...".
Dies wird ab Ziffer 4 von rhythmisch ostinat spielenden Instrumenten als unabänderlich bestätigt.
Man verfällt einem ,,silence extraordinaire" (vor Ziffer 5), bei dem man das Wasser ,,schlafen zu hören" glaubt, in dessen Grund zu sehen nicht möglich ist.
Die Sechzehntel des ,,Brunnenmotivs" ziehen sich durch verschiedene Instrumente, bevor ab Ziffer 6 absteigende Viertel-Linien in den Bläsern und komplementäre Streicher-Achtel Mélisandes Unruhe andeuten, die (ab Ziffer 7) bei gesteigertem Tempo des filigranen Orchestersatzes ihr langes Haar, scheinbar gegen ihren eigenen Willen und trotz Pelléas' Warnung, in den Brunnen gleiten läßt.

Vier Takte nach Ziffer 8 bricht diese Teilszene mit einer Generalpause aller Instrumente und der beiden Stimmen, dem völligen Schweigen, ab.
Unvermittelt erinnert Pelléas mit rezitativischer Einleitung und über dem "Leitmotiv des Golaud" im Fagott (später im Kontrabaß, im Englischhorn, in der. Bratsche und der ersten Violine) an das Zusammentreffen Mélisandes mit seinem Halbbruder an einem Quellenrand im Wald.

375 vgl. dazu die Opernzeitschrift der Oper Frankfurt, ,,Die Zeitung", Ausgabe Juni/Juli 1994, darin den Ausatz von Sylvain Cambreling, ,,Eine neue Version von Pelleas et Mélisande?":
In der von Cambreling entdeckten und erstmalig am 12. Juni 1994 zur Aufführung in Frankfurt benutzten, von Debussy selbst korrigierten Partitur aus einer (nicht genannten) Privatsammlung fügt der Komponist den Bläsern vier Soloviolinen hinzu, ,,die im ersten Takt die Klangfülle trüben, wo sicherlich die Flöten als zu hell beurteilt werden, im zweiten Takt mit den Pizzicati den zu ruhigen und eleganten Charakter der Arabesque der Holzbläser durcheinanderbringen." (Cambreling, 5. 2.) Im übrigen betont Cambreling, man könne bei der überarbeiteten Partitur ,,nicht wirklich von einer neuen Version von Pelleas et MElisande sprechen": ,,Gleichwohl glaube ich, daß diese Partitur [die bis zum Abschluß der vorliegenden Studien leider nicht einzusehen war] Debussys endgültige Wahl repräsentiert und sie heute die Möglichkeit bietet, sie so zu hören, wie sie geschrieben wurde." (Cambreling, 5.3.)
 

Mélisande entflieht - ohne Pelléas zu antworten - der musikalischen Dominanz des physisch gar nicht anwesenden Golaud durch aufwärts gerichtete Harfenglissandi und trillernde Bläser sowie hoch aufsteigende Streicher im Forte und im Allegro-Tempo, bevor sie plötzlich, ohne eine instrumentale Begleitung, verkündet, ,,quelque chose au fond de l'eau" gesehen zu haben.
Anhaltende Bläsertriller, Streicher-Sechzehntelfiguren und ein allmähliches Crescendo führen zum ,,Ringmotiv" bei Ziffer 10, das sehr viel Ähnlichkeit mit ,,Golauds Motiv" aufweist, um zu zeigen, daß sie seinen Ring am Wasser spielend verlieren wird.

Die Musik gibt den Zeitpunkt dafür genau an, indem sie alle Instrumente im Forte abbrechen und eine solistische Harfenfigur von der Höhe des ges"' in die Tiefe und ins Piano - quasi mit dem Ring - ,,versinken" läßt.

Fast stotternd bewegen sich danach Stimmen und Instrumente (vor Ziffer 11), und nur scheinbar lassen die Zweiunddreißigstel der Streicher Pelléas ,,la voir briller", bevor schreitende Viertel in den Streichern, dann in den Bläsern und schließlich wieder in den Streichern (Ziffer 12) im Pianissimo zu bestätigen scheinen, daß ,,il n'y a plus qu'un cercle sur l'eau".
Trotzdem bleibt das ,,Ringmotiv" auch nach Ziffer 13 noch beherrschend:
In der Oboe, in der Violine und im Cello sowie rhythmisch in der Bratsche taucht es bis Ziffer 14 in Abständen auf
Die ,,Brunnenmotiv"-Sechzehntel mischen sich darunter, bevor eine erneute Generalpause (vor Ziffer 14) das ,,silence extraordinaire" zurück- ,,ruft".
So werden PelIéas' Worte ,,la vérité, la vérité", erinnernd an ,,die Wahrheit, die Wahrheit" in Mozarts ,,Zauberflöte", mit besonderem Gewicht versehen.

Wenn direkt danach der Vorhang fällt, bleibt der Opembesucher nur scheinbar einem offenen Schluß überlassen.
Musikalisch weisen das ,,Brunnenmotiv" in der Violine (Ziffer 14) und das ,,Ringmotiv" in den Klarinetten (zweimal nach Ziffer 15) darauf hin, daß der weitere Handlungsablauf bereits festgelegt ist:
Der Ring ist für immer fort und damit symbolisch die innere Trennung Mélisandes von Golaud bereits vollzogen.
Die instrumentale Überleitung zur nächsten Szene, die im Schloß spielen wird, endet mit dem ,,Golaud-Motiv"
Eine nur der textlich-szenischen Logik wegen zunächst noch notwendige Auseinandersetzung zwischen ihm und Mélisande wird angekündigt.